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Die ganze Welt in Freising:Emrah Söhmelioglu macht sein Ding

Der 34-jährige Moosburger betreibt eine Metallbaufabrik. Den meisten seiner Kunden ist sein kultureller Hintergrund egal.

Von Clara Wollmann

Der dunklen Staubschicht, die auf Werkzeug, wuchtigen Maschinen, großen Tischen und schweren Regalen, dem Steinboden liegt, sieht man an, dass hier hart gearbeitet wird. "Mit Stahl und Metallen kann man so viel schaffen, sie sind vielseitig und für alles zu gebrauchen", erzählt Emrah Söhmelioglu, 34, "das macht schon Spaß." Er bittet auf die Terrasse hinter dem Gemeinschaftsraum. Sein Vater Bestami Söhmelioglu, 57, den er mit "der Senior" vorstellt, lässt sich in einer Hollywoodschaukel aus Stahl nieder. "Das haben wir alles selber gemacht", sagt dieser und deutet auf die Überdachung, ebenfalls aus Stahl.

Emrah Söhmelioglu (rechts) und sein Vater Bestami: Die Familie lebt in vierter Generation in Moosburg. 1974 zog Bestami mit seinen Eltern und fünf Brüdern aus einem kleinen Dorf in Westanatolien dorthin.

(Foto: Marco Einfeldt)

Ähnlich beginnt auch die Unternehmensgeschichte der Söhmelioglus. 2012 haben sie ein Haus gebaut und benötigten ein Geländer. Emrah, gelernter Metallbauer, schweißte es kurzerhand selbst. Ein Onkel, der nebenan baute, hatte auch Bedarf und so kamen immer mehr Aufträge rein. Nachdem Söhmelioglu 2014 seinen Meister in Metallbau gemacht hatte, nannte er seine Firma von "ES Montageservice" in "ES Metallbau" um. 2018 machte er seinen Schweißfachmann, mittlerweile beschäftigt die Firma vier Vollzeitkräfte und fünf bis zehn Nebenjobler.

Stjepan Kavran, Angestellter der Firma ES Montageservice, an der Standbohrmaschine. Mittags wird dort warm gekocht und gemeinsam gegessen.

(Foto: Marco Einfeldt)

Von Anfang an war Bestami mit dabei: "Ich war gerade arbeitslos, also hab ich einfach mitangepackt." Mit der Zeit hat es sich so eingespielt, dass er sich um den Transport kümmert und in der Werkstatt arbeitet, während der Sohn die Kundengespräche führt und Zeichnungen anfertigt. Auch wenn Emrah der Eigentümer ist, kann man von einem Familienunternehmen sprechen. Seine Schwester kümmert sich ums Lager, sein Bruder Orhan besitzt zwar eine eigene Firma, aber er teilt sich die Räumlichkeiten im Gewerbemarkt Moosburg.

"Mit Stahl und Metallen kann man so viel schaffen, sie sind vielseitig und für alles zu gebrauchen", erzählt Emrah Söhmelioglu.

(Foto: Marco Einfeldt)

Der Standort der Firmen kommt nicht von ungefähr, schließlich leben die Söhmelioglus in vierter Generation in Moosburg. 1974 zog Bestami mit seinen Eltern und fünf Brüdern aus einem kleinen Dorf in Westanatolien hierher. Sein Stolz ist nicht zu überhören, wenn er erzählt, dass seine Familie die größte türkische in der Gegend ist. Während er seinen Namen diktiert, fügt er hinzu: "Den gibts nur einmal. Wer den trägt, ist zu hundert Prozent mit uns verwandt."

Wer anders ist, muss sich beweisen

Im Juli dieses Jahres hat die Süddeutsche Zeitung in ihrem Buch Zwei ein großes "Tischgespräch" geführt, bei dem sieben Menschen mit Migrationshintergrund miteinander über Rassismus in Deutschland geredet haben. Dabei war auch die erfolgreiche Berliner Unternehmerin Aynur Boldaz-Özdemir, die von einer Veranstaltung erzählte, bei der ein Banker neben ihr saß, der nicht wusste, was sie macht. Als sie ihm gesagt habe, dass sie eine Firma habe, habe er nur gefragt: Kosmetik? Über den Umstand, dass sie 150 Mitarbeiter habe, sei er richtig geschockt gewesen, so Boldaz-Özdemir weiter: "Ich glaube, es müssten viel öfter positive Beispiele gezeigt werden, damit sich etwas verändert."

Samuel Fosso, der Migrationsreferent der Stadt Freising, empfindet es so, dass Menschen mit Migrationshintergrund in allem doppelte Leistung bringen müssen: "Menschen, die sichtbar anders sind, müssen sich ständig beweisen", sagt er. Die Freisinger SZ hat in der Fortsetzung ihrer Serie "Die ganze Welt in Freising" positive Beispiele gesucht und gefunden und die Betroffenen gefragt, ob sie es wegen ihrer Wurzeln tatsächlich schwerer haben und hatten.

Heute: Emrah Söhmelioglu

Eine gewisse Portion Unternehmertum und die Fähigkeit, eine gute Gelegenheit am Schopf zu packen, scheint in der Familie zu liegen. Ob mit einer Videothek oder einem Gemüseladen in Moosburg, schon Bestami hat neben seiner Tätigkeit in einer Fabrik immer "sein eigenes Ding" gemacht. Nicht verwunderlich, dass Emrah keinerlei Bedenken vor dem Schritt in die Selbstständigkeit hatte. "Ich habe einfach gemacht. Wenn ich dann Erfolg habe, warum soll ich nicht weitermachen?" Doch hat er "zur Sicherheit" nie ganz seinen alten Ausbildungsbetrieb verlassen, sondern arbeitet dort in Teilzeit als Betriebsleiter.

So läuft es gut. Obwohl er erst seit einem Jahr lang Werbung betreibe, habe es bisher keine drei Wochen ohne Arbeit gegeben. Die vorherigen Jahre habe "Mund-Propaganda" ausgereicht. Als einziges Metallbauunternehmen in Moosburg, dessen Inhaber türkisch ist, sieht Emrah Vorteile: "Das spricht sich einfach herum und ich kenne ja selbst viele Leute." Für die meisten sei der kulturelle Hintergrund jedoch ziemlich egal, "Hauptsache, die Arbeit passt."

Dass das nicht von allen so gesehen wird, weiß Emrah Söhmelioglu: "Klar gibt es Leute, die uns keine Aufträge geben, weil sie denken, der ist ein Türke, da will ich nicht hin. Aber das krieg ich ja nicht mit." Dass die Selbstständigkeit für Personen mit Migrationshintergrund schwieriger ist, sieht er nicht. Für problematischer hält er andere Erfahrungen. In der Grundschule mit getrennten Klassen besuchte er eine mit türkischem Lehrer. Das habe ihm den Übergang in die weiterführende Schule und Ausbildung zunehmend erschwert. Auch der Dialekt seines Ausbilders sei zu Beginn nicht leicht zu verstehen gewesen, "aber das gibts jetzt nimmer".

Doch Vorurteile existierten nach wie vor. Die Söhmelioglus zeigen sich verständnisvoll. Emrahs Ansicht nach sei jemand, der keinen Kontakt mit ausländischen Familien hat, "anfällig für Hetze in den Medien". Als sie umgezogen sind, hätten sie an jedes Nachbarhaus geklopft, sich vorgestellt und geplaudert, "dass die Leute sehen, das passt schon. Die Menschen müssen toleranter sein."

In Moosburg fühlt sich Emrah vollständig integriert, "nur der Name ist anders". "Wie die zweite Heimat", sagt Bestami. "Die Erste", sagt Emrah. Sein Freundeskreis, seine Familie, sein Unternehmen befindet sich hier in Moosburg. Zuhause schaut man türkisches und deutsches Fernsehen, man feiert türkische und deutsche Feiertage. Er führt seine Firma "wie ein richtiger Deutscher", denn er lege großen Wert auf Pünktlichkeit, Verlässlichkeit, Kundenzufriedenheit. Aber "ein bisschen Türkisch" sei schon mit drin: Mittags wird immer warm gekocht, dann kommen alle zusammen und essen in Geselligkeit.

© SZ vom 26.09.2020

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