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Lebenskrisen:"Es ist völlig normal, dass man scheitert"

"Behandler ist das Team", heißt eine Devise in der psychosomatischen Abteilung im Klinikum Freising. Deshalb ist der Austausch, wie hier zwischen Bruno Schröder und Oberärztin Monika Mlnarschik, wichtig.

(Foto: Marco Einfeldt)

Viele Patienten haben eine Odyssee hinter sich, bevor sie zu Bruno Schröder in die psychosomatische Abteilung des Klinikums kommen - in ein Loch zu fallen, widerspricht dem verbreiteten Menschenbild.

Das Team der psychosomatischen Abteilung des Freisinger Krankenhauses behandelt verschiedenste seelische Erkrankungen, eine davon ist Depression. Wie die Krankheit entsteht, ob man Depression vorbeugen kann und welche Therapieformen Patienten in der Abteilung in Anspruch nehmen können, erzählt der Chefarzt Bruno Schröder im Interview.

SZ: Wie entsteht eine Depression?

Bruno Schröder: Es ist immer eine Kombination aus Verschiedenem. Dazu gehört die Biologie, also die Gene, dann die psychische Komponente - was haben wir durchgemacht - und die soziale Komponente: Wie sieht es im sozialen Umfeld aus, Familie, Job. Man nennt es das bio-psycho-soziale Modell, das wir verfolgen, um den Menschen in seiner Gesamtheit zu verstehen.

Also sind Depressionen zu einem gewissen Teil vererbbar?

Die Gene spielen immer eine Rolle. Allerdings ist es wenig hilfreich, sich darauf zu beschränken, den Menschen als Produkt seiner Gene zu begreifen. Ich sehe Depression immer auch als ein Ergebnis von Beziehungserfahrungen, die man im Laufe des Lebens gemacht hat und die sich an dieser Stelle auf unheilvolle Weise zeigen. Ich glaube stark daran, dass der Mensch im Laufe seiner Entwicklung, insbesondere in der Eltern-Kind-Interaktion, stark bestärkt und unterstützt werden kann. Es kann aber auch viel Leiden gestiftet werden, durch Gewalt, Missbrauch, emotionale Mangelversorgung. So etwas fördert psychische Labilität besonders, in der Kindheit ist man verletzlicher. Was für mich das Wichtigste ist: Warum kommt der Patient genau jetzt zur Türe herein, was hat das Fass zum Überlaufen gebracht?

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Welche Therapieformen bieten Sie in der Psychosomatik des Klinikums an?

Wir integrieren sowohl tiefenpsychologische als auch verhaltenstherapeutische Elemente.

Was heißt das genau?

Tiefenpsychologisch bedeutet, dass wir das aktuelle Leiden des Patienten als ein Resultat von vielen Faktoren verstehen. Dazu gehört insbesondere die eigene Lebensgeschichte. Es ist spannend, den Menschen mit ihm gemeinsam in seinem Leiden zu begreifen als jemanden, der durch aktuelle Anlässe in eine Not gekommen ist, die aber nur verstehbar ist, wenn man das ganze Leben des Patienten mit einbezieht. Verhaltenstherapie dagegen bedeutet, konkrete Handlungsoptionen mit dem Patienten zu begreifen und umzusetzen. Da geht es nicht so sehr ums Verstehen, eher ums Machen. Wenn jemand zum Beispiel Hemmungen hat, S-Bahn zu fahren, üben wir das mit ihm gemeinsam.

Seit 2017 bieten Sie ein öffentliches Beratungsangebot an. Wie wird das angenommen?

Uns war es wichtig, einmal im Monat Präsenz zu zeigen für alle, die sich für unsere Arbeit interessieren. Das Angebot bezieht sich in erster Linie auf mögliche Patienten, es soll die Hemmschwelle abbauen. Es dient aber auch der Information für Angehörige und für Leute, die im psychosozialen Bereich arbeiten, wie Ärzte oder Therapeuten. Pro Termin kommen zwischen fünf und 20 Leuten.

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Gibt es in Freising genügend Angebote für Psychosomatik und Psychotherapie?

Das Angebot an Psychotherapie ist viel besser als früher, aber es besteht immer noch ein gewisser Mangel an niedergelassenen Psychotherapeuten. Unser Job ist es auch sicherzustellen, dass die Leute nach dem Aufenthalt bei uns gut psychotherapeutisch weiterbehandelt werden. Interessant ist auch: Hausärzte sind für uns wahnsinnig wichtige Einweiser. Wir haben viele Patienten, deren seelisches Leiden sich zunächst eher in körperlichen Symptomen ausdrückt. Sie haben Schmerzen, Bewegungsstörungen, fühlen sich kraftlos, schlaflos, lustlos. Solche Patienten gehen eher zum Hausarzt. Die Leute haben oft eine Odyssee hinter sich, die viele Jahre dauert, bis sie hierher kommen. Das liegt unter anderem daran, dass die Akzeptanz für Psychosomatik in der Bevölkerung zwar enorm gestiegen, es aber immer noch ein schambesetztes Thema ist.

Warum wird Depression immer noch anders wahrgenommen als ein Schlaganfall?

Das hat, denke ich, etwas mit dem Anspruch der Gesellschaft an die Leistungsfähigkeit des Einzelnen zu tun. Das Menschenbild ist etwas, das durch Funktionieren gekennzeichnet ist. Es ist völlig normal, dass man scheitert, Krisen hat, in Löcher fällt. Aber es entspricht nicht dem verbreiteten Menschenbild.

Gibt es irgendeine Möglichkeit, Depression vorzubeugen?

Absolut! Das soziale Netz ist höchst wichtig: soziale Kontakte, Freundschaften, Hobbys - sich in irgendeiner Weise zu verankern. Auch sollte man das ärztliche System angemessen in Anspruch nehmen. Jeder Mensch sollte sich einen Hausarzt suchen. Das Internet kann hilfreich sein, birgt aber auch Gefahren. Wenn ein Mensch heutzutage meint, er muss die Verantwortung für sein körperliches und geistiges Leiden alleine übernehmen, ist das Wahnsinn. Das ist eine Anleitung zum Unglücklichsein.

Der Beratungstermin findet jeden ersten Donnerstag im Monat um 17 Uhr in der Psychosomatik des Freisinger Krankenhauses statt.