bedeckt München

Frauen auf Volksfesten:Bedrängt im Gedränge

183. Münchner Oktoberfest

Für Frauen gibt es auf der Wiesn einen Security Point. Dorthin können sie kommen, ganz egal ob es um einen Übergriff geht oder um ein verlorenes Handy. Für das Freisinger Volksfest wäre diese Aktion auch wünschenswert, sagt die Gleichstellungsbeauftragte.

(Foto: dpa)

Beim Oktoberfest gibt es die Aktion "Sichere Wiesn für Mädchen und Frauen". Denn die Grenze zwischen Flirt und Übergriff sei oft nicht sofort erkennbar, sagt Freisings Gleichstellungsbeauftragte Petra Lichtenfeld.

Von Gudrun Regelein und Peter Becker, Freising

Im Bierzelt und in der Weinhalle auf dem Freisinger Volksfest herrscht beste Laune: Das Bier schmeckt, Musik und Stimmung sind gut, Menschen umarmen sich - da spürt die Frau eine Hand auf ihrem Po. Jemand hat das Getümmel genutzt, um sie zu begrapschen. Wie soll sie reagieren? Max Riemensperger, der mit seinem Team die Weinhalle bewirtet, würde sich in so einem Fall eine klare, heftige Reaktion der Frau wünschen, gesetzt den Fall, dass sie den Übeltäter identifizieren kann. "Eine Watschn oder einen Rempler" könnte er sich vorstellen. "Dann werden andere Leute aufmerksam."

Die Grenze zwischen Flirt und Übergriff sei oft nur schwer zu ziehen - und von außen oft nicht erkennbar, sagt Petra Lichtenfeld, Gleichstellungsbeauftragte im Landratsamt "Das ist eine sehr subjektive Angelegenheit. Für die eine Frau kann es noch okay sein, umarmt zu werden, für die andere schon nicht mehr." Wichtig sei, wenn eine bestimmte Grenze erreicht sei, die Möglichkeit zu haben, aus der Situation herauszukommen, sagt sie. Laut zu werden, sich von dem Angreifer zu distanzieren - und nach außen zu erkennen zu geben, dass es sich um einen Fremden handele.

Beim Oktoberfest werden Frauen in einem Security Point betreut - ganz gleich worum es geht

Sicher habe nicht jede Frau die Geistesgegenwart, sich gegen einen sexuellen Übergriff so heftig zu wehren, wie es sich Riemensperger wünscht. Doch wer sich belästigt fühle, könne sich jederzeit an einen seiner Angestellten wenden oder an die Security, sagt er. Die beobachten den Verdächtigen und greifen notfalls ein.

Einen speziellen Ansprechpartner für Frauen, die von sexuellen Übergriffen betroffen sind, hat das Freisinger Volksfest aber nicht - was Petra Lichtenfeld sehr bedauert. Beim Oktoberfest beispielsweise gibt es die Aktion "Sichere Wiesn für Mädchen und Frauen". Dort werden in einem Security Point etwa 200 Frauen jährlich betreut - egal, ob es um einen schweren Übergriff geht, um eine Begleitung für den Heimweg oder um ein verlorenes Handy. Angelehnt an das Münchner Konzept gibt es in Dachau das "Sichere Dachauer Volksfest". Zum mittlerweile zweiten Mal bietet dort das Frauenhaus Hilfe von Frauen für Mädchen und Frauen an, die Opfer sexueller Gewalt auf dem Volksfest werden. Wer sich nur eingeschränkt selbst schützen kann oder seine Gruppe verloren hat, kann sich ebenfalls an die Helferinnen wenden.

Die Aktion wäre auch für das Freisinger Volksfest sinnvoll, sagt die Gleichstellungsbeauftragte

"So etwas wäre auch in Freising sinnvoll", sagt Petra Lichtenfeld. Denn die Dunkelziffer könne viel höher sein als die Zahl der gemeldeten Fälle. Sie wünsche sich von den Festzeltbetreibern eine größere Aufmerksamkeit, sagt die Gleichstellungsbeauftragte. Sie appelliere gerade an die jungen Frauen, vorsichtiger zu sein. "Viele sind unbedarft und senden falsche Signale aus - was aber einen Übergriff natürlich auch nicht rechtfertigt", sagt sie. Gemeinsam mit den Volksfestbetreibern, der Polizei und der Stadt würde sie gerne das Thema aufgreifen - und für das kommende Jahr sinnvolle präventive Maßnahmen ausarbeiten.

Beim Vorwurf der sexuellen Belästigung sei grundsätzlich eine große Sensibilität notwendig, betont Michael Ertl, stellvertretender Leiter der Freisinger Polizeiinspektion. Einen speziellen Ansprechpartner für Frauen oder ein gemeinsam abgesprochenes Konzept für das Volksfest fände er positiv. Viele Übergriffe aber würden gar nicht angezeigt, manchmal sei auch die Hürde, zur Polizei zu gehen, zu hoch. In manchen Fällen sei so viel Alkohol konsumiert worden, dass der Übergriff von der Frau gar nicht mehr registriert werde, berichtet Ertl. Er rate Frauen und Mädchen, auf dem Heimweg dunkle Plätze und Straßen zu meiden - und nicht alleine zu gehen. "Das Beste ist, erst gar nicht in eine solche Situation zu geraten", sagt Ertl.

Den Vorwurf einer Facebook-Userin, den diese in einem inzwischen wieder gelöschten Kommentar auf der "SZ Freising"-Seite gemacht hatte, dass nur Frauen kontrolliert würden und ihnen das Pfefferspray weggenommen werde, womit sie sich im Ernstfall schützen können, weist Ertl zurück. Natürlich würden auch Männer von den Sicherheitskräften kontrolliert, sagt er. Und die Bestimmungen besagten, dass keine Waffen oder gefährlichen Gegenstände mitgebracht werden dürften. Vom Mittragen von Pfeffersprays oder anderen Waffen halte er grundsätzlich nichts, "die vermitteln nur eine trügerische Sicherheit". Diese könnten bei einem Überfall gegen die Frau, die sie ja eigentlich zum Schutz bei sich trägt, eingesetzt werden.

Auf dem Platz und in der näheren Umgebung sorge das Volksfest-Konzept für Sicherheit, sagt Freisings Hauptamtsleiter Rupert Widmann. Dass es in diesem Jahr bereits einen Fall einer sexuellen Belästigung gegeben habe, sei höchst bedauerlich, betont er. Allerdings habe sich dieser auf dem Heimweg der Frau ereignet - nicht auf dem Platz. Grundsätzlich aber überlege man immer, was man an dem Sicherheitskonzept verbessern könne. "Ein Konzept ist nie starr, es wird immer fortgeschrieben", sagt er.

© SZ vom 09.09.2017/zim

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite