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Ringer-Legende aus Hallbergmoos:"Der Ringerbund hat das Ringen kaputt gemacht"

Peter Neumair war vor langen Jahren beim SV Siegfried als Kämpfer auf der Matte höchst erfolgreich. Heute ist er 70, kümmert sich um seinen Fischweiher und ist mit der Entwicklung seines Sports alles andere als zufrieden. Eine zweite Karriere als Trainer hat er nie angestrebt.

Interview von Johann Kirchberger, Hallbergmoos

Mit zehn Jahren stand er zum ersten Mal auf der Ringermatte des SV Siegfried Hallbergmoos, mit 30 Jahren hat er seine Karriere beendet. Bis dahin sammelte er Titel und Meisterschaften wie am Fließband. Peter Neumair, der erst kürzlich seinen 70. Geburtstag feierte, war der beste Ringer, den der Landkreis Freising je hervorgebracht hat. Geblieben sind ihm neben vielen Pokalen und Urkunden vor allem die Erinnerungen an eine schöne Zeit. Über seine beispiellose Karriere und über die Entwicklung des Ringsports hat die Freisinger SZ mit Neumair gesprochen.

SZ: Als eingefleischter Sportler ist man ja auch nach seiner Karriere noch in irgendeiner Form aktiv. Was machen Sie denn jetzt?

Peter Neumair: Nix mehr. Bis vor drei Jahren habe ich noch Tennis gespielt. Aber ich hab eine neue Hüfte gebraucht und ein neues Knie, da ist Schluss mit lustig.

Sie haben elf deutsche Meistertitel bei den Senioren geholt und einige weitere in der Jugend. Zu einem Titel bei Europa- oder Weltmeisterschaften hat es aber nie gereicht. Wurmt Sie das im Nachhinein noch etwas?

Nein, ich war ja einmal Zweiter bei der EM und einmal Vierter bei der WM, wobei ich da den späteren Weltmeister geschlagen habe. Für mich war das viel genug. Ich hatte außerdem einige schwere Verletzungen, die ich gut überstanden habe. Ich muss nichts bereuen.

Peter Neumair (unten) vom Hallbergmooser Ringerclub SV Siegfried im Jahr 1976 bei einem Kampf in Uten. Repro: Marco Einfeldt

In Leningrad sind sie bei der EM Zweiter geworden und daheim frenetisch gefeiert und im offenen Wagen durch Hallbergmoos gefahren worden. War das der größte Erfolg Ihrer Karriere?

Normal ja. Aber was ist größer, EM-Zweiter oder WM-Vierter? Alles ist schön und gut.

Ringen ist ja eigentlich eine Einzelsportart. Trotzdem haben Mannschaftswettkämpfe ihren ganz besonderen Reiz für die Zuschauer. Was ist schöner, ein Sieg mit der Staffel oder ein Einzeltitel?

Normal ist ein Sieg mit der Mannschaft schon schöner. Dreimal bin ich ja in der Jugend mit der Siegfried-Staffel deutscher Meister geworden. Aber so ein Einzeltitel, das ist schon auch was.

Ihr Spezialgriff war der Armzug mit anschließendem Beinsteller. Der geht aber nur im Freistil. Sie waren aber auch im griechisch-römischen Stil erfolgreich. Wie geht das denn?

Ja mei (lacht verschmitzt), ich hab schon noch ein paar andere Griffe gekonnt. Freistil habe ich zwar bevorzugt, aber 1971 war ich sogar in beiden Stilarten deutscher Meister. Im Vorfeld der Olympischen Spiele in München durfte ich dann nicht mehr doppelgleisig fahren, eine Entscheidung des Bundestrainers.

Was hat Sie am Ringsport so fasziniert?

Mit zehn Jahren war ich Ringer und zugleich Fußballspieler. Schöner war Fußball, da bist Du nicht allein. Aber als Ringer war ich halt wesentlich erfolgreicher.

Durch die Ringerei sind Sie in der ganzen Welt herumgekommen. Welches Land hat Ihnen besonders gefallen, welches Erlebnis haben Sie in besonderer Erinnerung?

Da war mal eine WM in Bulgarien, da haben wir in einem Fußballstadion vor 50 000 Menschen gerungen. Und in Persien, noch zu Schah-Zeiten, da war die WM in einem extra erbauten Stadion für 30 000 Zuschauer. Anschließend war die ganze deutsche Mannschaft beim Bruder des Schahs eingeladen und wir durften auf seine Kosten einen Woche Erholungsurlaub am Kaspischen Meer machen. 1978, nach der WM in Mexiko, waren wir eine Woche in Acapulco und zur Vorbereitung 14 Tage in Colorado Springs.

Haben Sie noch Kontakt zu den alten Recken von früher?

Vor acht Jahren gab es in Schifferstadt ein Treffen zur Erinnerung an die Olympischen Spiele 40 Jahre zuvor in München.

Sie haben trotz verlockender finanzieller Angebote stets ihrem SV Siegfried die Treue gehalten. Nach Ihrer Karriere sind bei ihrem Verein aber nicht mehr in Erscheinung getreten. Warum eigentlich, wollten Sie nie Trainer werden?

Da hat's Ärger gegeben. Als wir 1980 bei den Olympischen Spielen in Moskau nicht starten durften, haben wir stattdessen Urlaub gemacht und ich habe acht Kilo zu viel gehabt. Aber immer abtrainieren, wie es der Verein wollte, das wollte ich nicht mehr. Ich hab nur noch einen Kampf gemacht und gesagt, jetzt muss ich nichts mehr und hab aufgehört. Trainer sein, das wollte ich nie. Ich war froh, als alles vorbei war. Die Entscheidung, in Moskau nicht anzutreten, ärgert mich aber immer noch. Für einen Sportler ist Olympia doch das Höchste. Die kann man doch nicht einfach wegen des Afghanistan-Kriegs boykottieren, irgendwo ist doch immer Krieg.

Was sagen Sie zur Entwicklung des Ringsports in Deutschland, nachdem sich die fünf besten Vereine vom Verband abgespalten und eine eigene Profiliga gegründet haben?

Der Deutsche Ringerbund hat das Ringen kaputt gemacht. Einmal durch die ständigen Regeländerungen, einmal durch die finanziellen Forderungen an die Vereine. Die Vereine haben sich ja aus gutem Grund abgespalten, der DRB wollte die Hälfte von den Einnahmen aus den Finalkämpfen. Das ist kein guter Zustand jetzt, man müsste sich halt mal zusammensetzen. Aber die Fürsten an der Verbandsspitze wollen das wohl nicht.

Der SV Siegfried hat lange versucht im Kreis der Besten mitzuhalten und hat Ringer aus ganz Europa zu den Kämpfen einfliegen lassen. Dann hat man sich in die Oberliga zurückgezogen, ist wieder in die Bundesliga aufgestiegen und jetzt wieder zurück in die Oberliga gegangen. Finden Sie dieses Auf und Ab gut?

Den freiwilligen Abstieg in die Oberliga habe ich für falsch gehalten. Ich habe mir seither keinen Kampf mehr angeschaut. Schuld daran, dass man heute nur noch mit teuren Ausländern bestehen kann, ist der Ringerbund. Früher waren einmal nur zwei Ausländer pro Staffel erlaubt, das ist heute anders. Ausländer zu haben, ist grundsätzlich gut, du brauchst starke Trainingspartner, um besser zu werden. Aber die Ausländer müssen auch hier leben.

Der Nachwuchs ist in Hallbergmoos nicht mehr so stark wie früher. Sie sind mit dem SV Siegfried dreimal deutscher Jugendmeister geworden. Davon ist man heute weit entfernt. Woran liegt das?

Früher ist jeder Hallbergmooser Bub erst zu den Ringern gegangen, wer da nicht gut genug war, hat Fußball gespielt. Heute, da gibt es so viele andere Sportarten, in denen sich die Jugend versuchen kann. Da gehen viele Talente verloren.

Erst kürzlich feierte Peter Neumair seinen 70. Geburtstag.

(Foto: Marco Einfeldt)

Corona hat den Ringsport heuer total ausgebremst. Ist es richtig, die Saison total ausfallen zu lassen?

Ja, da kann man nichts machen. Gegen Corona hat niemand eine Chance. Schauen wir mal, wann und wie es weitergeht.

Glauben Sie, dass der Ringsport langfristig eine Chance hat? Ringen sollte ja schon mal aus dem Olympiaprogramm gestrichen werden.

Ringen streichen, das geht nicht. Dazu ist dieser Sport in einigen Ländern einfach zu stark. In Persien etwa, in Russland, Japan oder auch in Amerika.

Sind Sie je mit Doping in Berührung gekommen?

Bei den Olympischen Spielen 1972 war die halbe deutsche Mannschaft gedopt. Die kamen alle aus dem Freiburger Raum und haben Anabolika bekommen. Wir anderen waren bei Dr. Spannbauer in München, der hat so was nicht gemacht.

Sie sind leidenschaftlicher Anhänger des FC Bayern. Haben Sie noch andere Hobbys?

Ich fahre fast täglich 20 Kilometer mit dem Rad und kümmere mich um meinen Fischweiher. Das reicht mir.

© SZ/nta
HALLBERGMOOS: SV Siegfried Hallbergmoos-Goldach 1922 / RINGEN *** Training

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