Große Scheu Nur wenige bedürftige Rentner gehen zur Tafel

Archivbild: Der Vorsitzende der Freisinger Tafel, Peter Bach (links), und Gründer Eberhard Graßmann verpacken gespendete Ware in Tüten. Nur etwa zehn Prozent der Kunden sind Rentner.

(Foto: Marco Einfeldt)

Etwa 20 Rentner nutzen das Angebot in Freising, das sind lediglich zehn Prozent der Kunden. Die Zahl der bedürftigen Senioren dürfte deutlich höher sein, schätzen Experten, doch viele haben Angst, ihre Armut öffentlich zu machen.

Von Gudrun Regelein, Freising

Lediglich zehn Prozent der Freisinger Tafelkunden sind Rentner. Jede Woche kämen nur etwa 20 alte Menschen, die sich mit einem Bezugsschein bei der Tafel an der Kammergasse eine Kiste mit Lebensmitteln abholen, berichtete Peter Bach auf der Mitgliederversammlung des Vereins. Eigentlich aber, da ist sich der Freisinger Tafelvorsitzende sicher, gebe es in der Stadt wesentlich mehr bezugsberechtigte Rentenbezieherinnen und -bezieher.

Wahrscheinlich sei die Scheu, zur Tafel zu kommen, bei vielen Rentnern groß, vermutet Bach. "Sicher haben viele Hemmungen, ihre Armut öffentlich zu machen", sagt der Tafelvorsitzende. Manche der älteren Menschen aber hätten vielleicht auch Bedenken, dass der Ansturm sehr groß sei und sie sich in eine lange Schlange einordnen müssten. Das müsse aber niemand befürchten: Bei der Ausgabe am Donnerstagnachmittag sei es ab etwa 15 Uhr normalerweise sehr ruhig. "Und die Ware reicht auf jeden Fall für alle Kunden", sagt Bach. Ein weiterer Grund für die geringe Zahl an Rentnern: Viele würden die Einkommensgrenzen für die Bezugsberechtigung nicht kennen. Wenn Alleinstehende unter 1000 Euro pro Monat an Rente beziehen - und das dürften laut Bach einige sein - können sie sich beispielsweise bei der Caritas, der Diakonie oder der Arbeiterwohlfahrt (Awo) eine Bezugsberechtigung bescheinigen lassen und bekommen einen Tafelausweis. Mit diesem können sie dann regelmäßig Lebensmittel abholen.

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Bei der Bundestafel liege der Durchschnitt der Rentner bei etwa 22 Prozent. "So viele bedürftige Senioren gibt es sicher auch bei uns", meint Bach. Auch im Landkreis sei die Altersarmut ein großes Thema. Er würde gerne mehr alte Menschen über die Tafel unterstützen.

"Die glauben, sie müssten es selber schaffen"

"Es gibt ganz sicher mehr alte Menschen als die 20 Tafelkunden, die eigentlich Hilfe bräuchten", bestätigt Beate Drobniak, Leiterin der Diakonie Freising. Gerade der älteren Generation, die Entbehrung erlebt habe, falle es schwer, um Hilfe zu bitten. "Die glauben, sie müssten es selber schaffen." Lieber werde nur noch Haferflocken mit Salz gegessen oder sogar gehungert, bevor man an einen öffentlichen Ort gehe, um sich Lebensmittel zu holen. "Diese Vorstellung ist für viele nur schwer zu ertragen", sagt Drobniak. Vielleicht bräuchte es andere Konzepte, um bedürftige Rentner zu erreichen. Ein Bringservice oder auch eine Begleitung sei beispielsweise denkbar, sagt Drobniak - auch wenn diese einen Mehraufwand bedeuten würde.

Eine Zeit lang habe die Awo tatsächlich Rentner zur Tafel begleitet, berichtet Heidi Kammler. Die Vorsitzende der Awo Freising kennt einige Senioren, die zwar die Berechtigung hätten, zur Tafel zu gehen, das aber nicht tun. Gerade Frauen seien betroffen, etwa solche, die mit einer geringen Witwenrente auskommen müssen. "Viele aber haben Angst, dass sie sich dann total öffnen müssen, dass sie von jedem gesehen werden", berichtet Kammler. In einigen Fällen habe man schon einmal mit dem Awo-Bus die Lebensmittelkiste von der Tafel abgeholt und sie dem Senior gebracht, erzählt sie. Bei manchen dauere es sehr lange und koste viel Überzeugungskraft, bis sie zur Tafel gehen. "Manche muss man wirklich an die Hand nehmen und sie erst einmal begleiten." Sie sage den alten Menschen immer wieder, dass sie sich nicht zu schämen bräuchten: "Das sind keine Bittsteller, sondern Menschen, die einen Anspruch auf diese Unterstützung haben."

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