Internationaler Frauentag:Kein Anlass zum Feiern

Gewalt gegen Frauen

Sorge bereitet der Gleichstellungsbeauftragten Petra Lichtenfeld, dass es in Familien durch die Corona-Einschränkungen zu mehr Gewalt kommt als in anderen Zeiten. Viele der Probleme werden erst nach der Pandemie ans Tageslicht kommen.

(Foto: Maurizio Gambarini/DPA Bildfunk)

In Freising finden diesmal keine Aktionen statt. Gleichstellungsbeauftragte Petra Lichtenfeld verzichtet bewusst darauf, weil die Situation in vielen Familien derzeit wegen der Pandemie sehr angespannt ist.

Von Johanna Pichler, Freising

Am 8. März ist Internationaler Frauentag - weltweit wird dann auf Frauenrechte, die Gleichstellung der Geschlechter und auf Diskriminierung aufmerksam gemacht. In Freising findet in diesem Jahr allerdings keine Aktion statt. Die Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises, Petra Lichtenfeld, betont, dass die Konzentration derzeit eher auf anderen Themen liege. Auch die Umsetzung eines Mottos oder einer Aktion wäre wegen der aktuellen Corona-Lage schwierig.

Der Internationale Frauentag wird seit Bestehen der Gleichstellungsstelle in Freising immer wieder gefeiert. "Der Tag kann genutzt werden, um das Augenmerk auf ein bestimmtes Thema zu lenken und auf Frauenthemen aufmerksam zu machen", sagt Lichtenfeld. Doch um nachhaltig etwas bewegen zu können, "reicht ein Tag nicht aus". Besonders viel Sorge bereite ihr die aktuelle Situation in den Familien. "Die Gewalt ist stärker als in den üblichen Zeiten. Es ist ein schwieriges Thema, weil sich schlecht Kontakt herstellen lässt, wenn alle zuhause sitzen."

Auch der Verhütungsmittelfonds in Freising sei seit Beginn der Corona-Pandemie weniger genutzt worden. "Im Moment erreicht man die Menschen einfach weniger gut und viele kämpfen auch um ihre Existenz." Die Gleichstellungsbeauftragte fände es unangemessen, unter diesen Umständen ein Motto für den diesjährigen Frauentag zu wählen.

"In Krisenzeiten fällt man häufig in vertraute Rollenmuster zurück"

Laut der IG Bau Oberbayern sind Frauen auch im Landkreis Freising besonders stark von den Folgen der Pandemie betroffen. Die Gewerkschaft warnt vor einem Rückschritt bei der Gleichberechtigung in Folge der Pandemie: Frauen kümmern sich wieder stärker um Kinder und Haushalt und haben niedrigere Einkommen, auch müssen sie häufiger um ihre Arbeitsplätze fürchten. Petra Lichtenfeld sieht diese Gefahr ebenfalls. "Es kommt zu einer Retraditionalisierung. In Krisenzeiten fällt man häufig in vertraute Rollenmuster zurück." Die IG Bau Oberbayern betont, dass neben besseren politischen Rahmenbedingungen vor allem ein gesellschaftliches Umdenken von großer Bedeutung sei. Insbesondere durch die Schließungen von Kindergärten und Schulen bleibe die Kinderbetreuung meist an den Frauen hängen. Auch die durchschnittliche Arbeitszeit von Frauen sei durch die Corona-Pandemie stärker gesunken als die der Männer. "Männer, die beruflich etwas zurücktreten, können der Partnerin helfen, den nächsten Karriereschritt zu gehen und Lasten in der Familie fairer zu verteilen", sagt dazu der Bezirksvorsitzende der IG Bau Oberbayern, Michael Müller.

Die Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises befürchtet auch, dass viele Probleme, die sich im Familienkreis abspielen, derzeit nicht ans Tageslicht kommen. "Nach Corona werden die Jugendhilfen und Beratungsstellen gefordert sein. Die tatsächlichen Schäden wird man erst am Ende sehen können."

Nachholbedarf in Sachen Gleichberechtigung gibt es auch in der Politik. "Frauen sind nicht ausreichend präsent in der Politik. Sie sind auf so vielen unterschiedlichen Gebieten, wie beispielsweise Arbeit, Kindererziehung und Haushalt, gefordert. Das kostet vor allem Zeit. Die Strukturen in der Politik sind einfach frauenfeindlich." Auch im Landkreis Freising sind deutlich weniger Frauen als Männer in der Politik tätig. In den 24 Städten und Gemeinden gibt es nur drei Bürgermeisterinnen. Lediglich die Stadt Freising stellt neben Oberbürgermeister Tobias Eschenbacher auch zwei Bürgermeisterinnen. Im Stadtrat sind ebenfalls deutliche Unterschiede bei der Geschlechterverteilung festzustellen. Unter den 40 Mitgliedern sind nur elf Frauen, aber 29 Männer.

Große Unterschiede gibt es auch bei den Dozentinnen und Dozenten an den Hochschulen. An der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf zeigt sich dies besonders deutlich. Beim hauptberuflich beschäftigten wissenschaftlichen Personal mit Lehrdeputat sind 41 Prozent Frauen. Bei den Professoren beläuft sich der Frauenanteil derzeit gerade mal auf rund 24 Prozent.

Das Augenmerk der Gleichstellungsbeauftragten Petra Lichtenfeld liegt vor allem auf inneramtlicher Gleichstellung, Gleichberechtigung in Führungspositionen und Modellen für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Das Thema der häuslichen Gewalt werde insbesondere in Zeiten wie diesen natürlich auch intensiv verfolgt. "Ich habe immer mit Frauen gearbeitet", erzählt Lichtenfeld. Frauen mit ihrer Thematik und ihren Problemen seien für sie schon immer sehr präsent gewesen. Durch die vielen aktuellen Schwierigkeiten habe sie in diesem Jahr jedoch Hemmungen gehabt, den internationalen Frauentag mit einer Aktion oder Feier zu zelebrieren.

© SZ/nta
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