Weltfrauentag:Neun Protokolle aus dem Landkreis

Politikerinnen aus dem Landkreis erzählen anlässlich des Weltfrauentags von ihren Erfahrungen in der Politik.

Von Friederike Streib, Gudrun Regelein und Francesca Polistina

Susanne Hartmann (FDP), 57 Jahre, Hohenkammer:

Als ich 1996 begann, mich für Politik zu interessieren, sprach mich als alleinerziehende Mutter die FDP am meisten an. Dass ich meine Tochter zu den Parteitagen mitnahm, war nie ein Problem. 2008 wurde ich über die FPD-Liste als einzige Frau dieser Liste in den Gemeinderat gewählt. Da hatte ich das erste Mal das Gefühl, dass meine Ideen den Meinungen nicht standhalten konnten und ich auf die eine oder andere Art belächelt wurde. Ob es daran lag, dass ich eine Frau bin, ist aber schwer zu sagen.

Weltfrauentag: Susanne Hartmann.

Susanne Hartmann.

(Foto: privat/oh)

Trotzdem glaube ich, dass Frauen in der Politik nicht gleich wahrgenommen werden wie Männer. Es gibt noch viele dogmatische Männer, die meinen, Frauen haben in der Politik nichts zu suchen. Damit Gleichstellung wirklich erreicht werden kann, müssen die alten Ressentiments aus den Köpfen der Menschen verschwinden. Daran etwas zu ändern spornt mich an, weiterhin Politik zu machen. Es kann nicht sein, dass Frauen immer nur Kuchen backen dürfen.

Ich möchte als Frau etwas bewegen und nicht nur von Männern regiert werden. Frauen sollten so wahrgenommen werden, wie sie auf der politischen Bühne auftreten: Stark, kompetent, empathisch.

Susanne Günther (B'90/Die Grünen), 47 Jahre, Freising:

Wenn Frauen Führungspositionen anstreben, müssen sie sich noch immer deutlich mehr anstrengen als ihre männlichen Kollegen, das zeigen mir Statistiken, aber auch meine persönlichen Erfahrungen. Das größere Problem ist aber die Frauenfeindlichkeit, die im Netz stark ausgelebt wird. Sexistische Kommentare sind in den Sozialen Medien an der Tagesordnung und gehen oft genug unter die Gürtellinie. Damit mehr Frauen an die Spitze kommen und als Vorbilder vorangehen, müssen sie schon früher gefördert werden. Bei den Grünen passiert das durch Mentorinnenprogramme und durch die Quote. Und wir brauchen mehr Frauen in der Politik! Es kann nicht sein, dass die Hälfte der Bevölkerung in der Politik nicht repräsentiert wird. Frauen haben andere Dinge im Blick, planen anders und pflegen eine andere Diskussionskultur.

Weltfrauentag: Susanne Günther, Grüne

Susanne Günther, Grüne

(Foto: Marco Einfeldt)

Es ist nur leider so, dass die Männer lauter 'Hier bin ich' schreien und Frauen sich dadurch abschrecken lassen. Hier braucht es Veränderungen von Parteien und Strukturen: Wenn Stadtratssitzungen bis 24 Uhr gehen, ist es beispielsweise für eine alleinerziehende Mutter fast unmöglich, dort politisch mitzuwirken.

Nora Kusch (CSU), 45 Jahre, Eching:

Für mich ist es wichtig, etwas zu bewegen, die Dinge zu ändern die nicht gut laufen, und nicht nur zu kritisieren, sondern mich konstruktiv einzubringen. Dass sich bei meinem politischen Schaffen jemals Schwierigkeiten aufgrund meines Geschlechts ergeben haben, ist möglich. Ich versuche aber, nicht in diesen Kategorien zu denken. Im Kreis meiner Parteifreunde habe ich nie das Gefühl gehabt, anders behandelt zu werden, als männliche Kollegen! Für mich zählt der gegenseitige Respekt, unabhängig von Geschlecht, Alter oder Nationalität. Außerhalb der Partei ist das teilweise anders. Aber damit kann ich umgehen. Die Mehrheit der Wähler, die mich zur Bürgermeisterkandidatin gekürt haben, waren Männer. Ich denke, auch diese erkennen, dass Frauen stärker in die politische Verantwortung müssen. Und das ist gut so! Es braucht in der Politik mehr Themen, die Frauen betreffen und eine stärkere weibliche Perspektive. Themen wie Haushalt, Kindererziehung, soziales Engagement werden nicht adäquat gewürdigt, auch in finanzieller Hinsicht! Und ich behaupte, weibliche Führung ist eher kooperativ, als hierarchisch.

Weltfrauentag: Nora Kusch.

Nora Kusch.

(Foto: Marco Einfeldt)

Marina Brandstetter (Bürgervereinigung Hohenkammer), 33 Jahre, Hohenkammer: Vor Kurzem ist einer der Bürgermeisterkandidaten in der Gemeinde, Franz Müller, sehr unerwartet verstorben. Wir - die anderen Kandidaten - und auch alle politischen Gruppierungen in Hohenkammer haben sich nach diesem tragischen Ereignis darauf geeinigt, bis zur Wahl am 15. März auf alle Wahlkampfaktivitäten zu verzichten.

Ich trage diese Entscheidung natürlich mit und respektiere sie - und möchte mich deshalb derzeit auch nicht zu politischen Themen äußern

Marina Brandstetter, Bürgermeisterkandidatin in Hohenkammer

Marina Brandstetter.

(Foto: privat)

Barbara Prügl (Bündnis 90 / Die Grünen), 59 Jahre, Au in der Hallertau:

Ich bin in einem sehr politisch geprägten Elternhaus groß geworden - mein Vater war viele Jahre lang Bürgermeister. Er war bei der CSU und wir haben zu Hause viel diskutiert. Ich bin mit vier Schwestern aufgewachsen, bei uns war es normal, dass Frauen alles machen, sich auch für die Politik interessieren und sich einmischen. Ich selbst habe viele Jahre lang meine politische Heimat gesucht und sie schließlich 1987 bei den Grünen gefunden. Auch bei den Grünen gibt es viel männliche Dominanz. Insofern finde ich es gut, dass wir das Frauenstatut haben.

Hier vor Ort hatte ich jedoch nie den Eindruck, als Frau im Gemeinderat nicht Ernst genommen zu werden. Ich finde, dass sich noch viel mehr Frauen in der Politik - auch in der Kommunalpolitik - engagieren sollten. Alleine schon deshalb, weil sie umsichtiger agieren und friedlichere Lösungen finden. Weshalb sie das nicht tun? Wahrscheinlich weil sie immer den sehr hohen Anspruch an sich selbst haben, über die Maßen gut sein zu müssen.

Weltfrauentag: Barbara Prügl.

Barbara Prügl.

(Foto: Marco Einfeldt)

Raimunda Menzel (Überparteiliche Wählergruppe Gammelsdorf), 54 Jahre, Gammelsdorf:

Ich bin als erste Frau in Gammelsdorf in den Rat gewählt worden. Das war 1996. Bis 2008 war ich dann Gemeinderätin. Ich habe mich schon immer für die Gemeindepolitik interessiert, war früher ehrenamtlich sehr aktiv. Irgendwann wollte ich dann auch mitgestalten und wurde damals von den anderen Frauen richtig gepusht. Die haben mir immer gesagt, dass es mit mir funktionieren würde - und das hat es dann auch. Zumindest bin ich auf Anhieb in den Gemeinderat gewählt worden und war dort bislang die einzige Frau. Die anderen Räte sind mir immer auf Augenhöhe begegnet, ich bin immer respektiert und für voll genommen worden.

raimunda menzel

Raimunda Menzel.

(Foto: privat)

Grundsätzlich fände ich mehr Frauen in der Politik gut, gerade auch in der Kommunalpolitik. Die sind dort unterrepräsentiert. Derzeit sind von den insgesamt 16 Gemeinderatskandidaten auf unserer Liste nur fünf Frauen. Weshalb das aber so ist, kann ich nicht sagen."

Anita Wölfle (Wählergemeinschaft Wolfersdorf), 58 Jahre, Wolfersdorf

Mitzubestimmen ist mir immer wichtig gewesen. Deshalb bin ich seit 24 Jahren Gemeinderätin, als Frau wurde ich immer gleichwertig behandelt und voll geschätzt. Ich habe nie den Eindruck gehabt, dass ich aufgrund meines Geschlechtes anders wahrgenommen werde. Es stimmt, dass Frauen in der Politik unterrepräsentiert sind: Das liegt meiner Meinung nach daran, dass Frauen es schwer haben, sich gegenüber den Männern zu behaupten. Während ein Mann aufsteht und redet, überlegt sich eine Frau hundertmal, ob sie genug qualifiziert ist. Frauen sind in dieser Hinsicht unschlüssiger. Außerdem haben Frauen häufig nicht die Zeit, sich ehrenamtlich zu engagieren, weil sie sich um die Kinderbetreuung kümmern. Ich finde es wichtig, dass Frauen in der Politik sichtbar sind und dass ihre Perspektive vertreten ist, eine Quote lehne ich dennoch ab. Denn eine Frau sollte eine Position dank ihrer Qualifizierung und nicht bloß wegen einer Quote erreichen.

Weltfrauentag: Anita Wölfle.

Anita Wölfle.

(Foto: Marco Einfeldt)

Sabina Brosch (Bündnis 90/ Die Grünen), 53, Hallbergmoos:

Ich bin seit über dreißig Jahren in der Politik aktiv und war bei der Geburtsstunde der Grünen dabei. Nicht immer konnte ich in der ersten Reihe sein: Als meine drei Kinder noch klein waren, hatte ich einfach keine Zeit und Energie, um mich mehr einzubringen - Das ist übrigens einer der Gründe, warum Frauen in der Politik auf kommunaler Ebene so unterrepräsentiert sind. Nun kandidiere ich als Bürgermeisterin: Meine Kinder sind mittlerweile Erwachsene und finden mein Engagement toll, aber immer noch bekomme ich die Frage gestellt: Du kandidierst, als Frau?

Weltfrauentag: Sabina Brosch.

Sabina Brosch.

(Foto: Marco Einfeldt)

Ich verstehe, wenn die Leute sagen würden: Du bist nicht qualifiziert oder ich teile deine politische Orientierung nicht, aber dass ich die Frage gestellt bekomme, weil ich als Frau antrete, kann ich nicht akzeptieren. Dann antworte ich einfach: "Wieso nicht?" Und es folgt meistens keine begründete Argumentation. Ich bin froh, wenn andere Frauen kandidieren, egal welcher Partei sie angehören, weil ich glaube, dass Frauen bestimmte Dinge anders sehen als Männer, zum Beispiel, was das Thema Kinderbetreuung angeht. Außerdem sind sie wagemutiger und bereit, zu experimentieren.

Susanne Hoyer (parteiunabhängig, von den Freien Wählern unterstützt), 50 Jahre, Langenbach:

Als ich vor sechs Jahren beschloss, als Bürgermeisterkandidatin anzutreten, tat ich das mit viel Idealismus. Für mich war selbstverständlich, dass ich auch "als Frau" kandidieren kann. Dann wurde ich überrascht. Im Wahlkampf bekam ich tatsächlich die Frage gestellt, die sonst Männer nicht bekommen: Traust du dich das, als Frau? Und dann ist da immer noch diese Frage: "Kann die das?" Die Frage kam sowohl von Männern als auch von Frauen - bis eine Frau mir sogar riet, im Wahlkampf zu erklären, wie ich das Amt, Familie und Kind organisieren werde. Männer werden das sicher nicht gefragt. Fakt ist, Politik braucht einen gesunden Mix aus Männern und Frauen, denn Frauen bringen Kompetenzen, Sichtweisen und Erfahrungen mit, die bereichern und die örtliche Gemeinschaft und Kommunalpolitik stärken. Wenn man sich allerdings die Gremien auf Landes- und Bundesebene anschaut, versteht man, dass man etwas tun muss, um die Verhältnisse paritätischer zu gestalten. Ob in diesem Sinne eine Quote ein sinnvolles Mittel ist, stelle ich in Frage. Denn Frauen verweigern nicht ihre Unterstützung im gesellschaftlichen Leben, sondern wir müssen bessere Rahmenbedingungen schaffen, um Frauen für die Politik zu gewinnen, zum Beispiel was die Kinderbetreuung oder die klassische Rollenverteilung angeht.

Weltfrauentag: Susanne Hoyer.

Susanne Hoyer.

(Foto: privat)
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