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Die ganze Welt in Freising:"Integriert zu sein, finde ich zu wenig"

Die Moosburgerin Nigar Tiryaki hat türkische Wurzeln. Sie führt ihr eigenes Taxiunternehmen und ist in der SPD.

Von Clara Wollmann, Moosburg

Vom Taxistand am Bahnhof ist es nicht weit zu Nigar Tiryakis Büro am Gries. Ihr Ehemann Efkan fährt schnell zur Schaltstelle, der das Unternehmen seinen Namen verdankt: "Taxizentrale Moosburg". Ein sonnendurchfluteter Raum, viele Aktenordner, eine große Karte über dem Schreibtisch zeigt das Einzugsgebiet. Von hier aus werden Autofahrten über den Freisinger Landkreis hinaus koordiniert. Die 50-Jährige ist ihre eigene Chefin, mittlerweile beschäftigt sie zehn Fahrer sowie einen Büroangestellten und besitzt drei Taxis und drei Mietwagen.

Wer anders ist, muss sich beweisen

Im Juli diesen Jahres hat die Süddeutsche Zeitung in ihrem "Buch Zwei" ein großes "Tischgespräch" geführt, bei dem sieben Menschen mit Migrationshintergrund miteinander über Rassismus in Deutschland geredet haben. Dabei war auch die erfolgreiche Berliner Unternehmerin Aynur Boldaz-Özdemir, die von einer Veranstaltung erzählte, bei der ein Banker neben ihr saß, der nicht wusste, was sie macht. Als sie ihm gesagt habe, dass sie eine Firma habe, habe er nur gefragt: Kosmetik? Über den Umstand, dass sie 150 Mitarbeiter habe, sei er richtig geschockt gewesen, so Boldaz-Özdemir weiter: "Ich glaube, es müssten viel öfter positive Beispiele gezeigt werden, damit sich etwas verändert."

Samuel Fosso, der Migrationsreferent der Stadt Freising, empfindet es so, dass Menschen mit Migrationshintergrund in allem doppelte Leistung bringen müssen: "Menschen, die sichtbar anders sind, müssen sich ständig beweisen", sagt er. Die Freisinger SZ besucht in ihrer Serie "Die ganze Welt in Freising" erfolgreiche Unternehmer mit Migrationshintergrund und spricht mit ihnen darüber, ob sie es tatsächlich schwerer haben und hatten.

Heute: Nigar Tiryaki aus Moosburg

Klein fing sie 2008 in Erding an. Mit nur einem Fahrzeug, das damals noch den Namen "Taxi Tiryaki" auf der gelben Tür trug. "Obwohl viele Leute mich kannten, kam es immer wieder vor, dass Fahrgäste lieber im Regen standen und auf ein Taxi mit einem nicht-ausländischen Namen warteten, als bei uns einzusteigen", erzählt Tiryaki. Als dann 2017 das Unternehmen nach Moosburg umsiedelte, reichte es ihr und sie taufte es in den jetzigen Namen um. Heute hat sie sich damit abgefunden, auch wenn diese Erfahrung sie traurig stimmte. Zum ersten Mal hätte sie damals gespürt, dass ihr kultureller Hintergrund eben doch eine Rolle zu spielen scheint. Tiryaki, deren Eltern aus der Türkei stammen, lebt seit ihrem zweiten Lebensjahr in Moosburg. Hier ist sie zur Schule gegangen, hat eine Ausbildung zur Groß- und Handelskauffrau gemacht. "Nie habe ich mich als Ausländerin gefühlt", blickt sie zurück. "Bis ich mit meinen Taxis herkam, da hab ich plötzlich gemerkt, dass man mich anders betrachtet: nicht einfach als Mensch, sondern als jemanden mit ausländischen Wurzeln, als Ausländerin."

"Taxifahren hat nichts mit der Nationalität zu tun"

Es gibt Steine, die Selbständige mit Migrationsgeschichte zusätzlich aus dem Weg schaffen müssten, meint Tiryaki. Allerdings fallen diese je nach Branche unterschiedlich wuchtig aus. Als sie und ihr Mann von 1999 bis 2005 einen Feinkostladen mit Obst und Gemüse führten, hätten sie keine Nachteile gespürt. "Vielleicht, weil die Kunden eher wussten, was sie erwartet, wenn sie in einen türkischen Lebensmittelladen gehen. Doch Taxifahren hat nichts mit der Nationalität zutun."

Nigar Tiryaki ist außerdem Mutter dreier Kinder, im Elternbeirat und stellvertretende Vorsitzende der Moosburger SPD. Wenn ihr etwas Spaß mache, habe sie so viel Energie, erklärt sie und lacht.

(Foto: Marco Einfeldt)

Nicht nur wegen ihres Namens, auch aufgrund ihres Geschlechts wird Tiryaki manchmal anders behandelt: "Wenn ich bei Handwerksbetrieben oder Behörden anrufe, kann es passieren, dass mir ausgewichen wird. Wenn mein Mann sich meldet, klappt es immer."

Das aber reizt sie dann immer öfter, wie sie sagt, sie gibt nicht auf. Und sie will, dass es nicht immer nur ums Geld geht. "Für mich steht immer an höchster Stelle der Mensch." Wenn ein Gast mal nicht genug Geld dabei hat, dann sollen ihre Fahrer großzügig sein. "Das ist Menschlichkeit. Vielleicht sind wir so erzogen worden, ich weiß es nicht. Aber es tut ganz gut, etwas nicht immer nur für die eigene Tasche, sondern für die Seele zu tun."

Klar, sei es wichtig, rentabel zu wirtschaften. Und Tiryaki hat die Selbständigkeit auch nie bereut, zumindest nicht die als Taxiunternehmerin. Als sie noch den Lebensmittelladen führte schon: Von morgens bis abends im Verkaufsraum zu stehen, das wurde auf Dauer sehr anstrengend. Jetzt, als "richtig selbständig", wie sie es ausdrückt, habe sie größeren Spielraum: "Wenn man sich auf seine Angestellten verlassen kann, ist man unabhängig. Wenn man will, kann man mal nach Hause gehen, abschalten, in den Urlaub fahren." In ihrem jüngsten Urlaub im August war allerdings auch der Laptop dabei, die Arbeit hört nie auf.

Nigar Tiryaki führt mit ihrem Mann Efkan die Taxizentrale Moosburg.

(Foto: Marco Einfeldt)

Tiryaki ist auch stellvertretende Vorsitzende der Moosburger SPD

Für Nigar Tiryaki ist das kein Grund, nicht noch mehr zu machen. Und dazu sei sie noch Mutter von drei Kindern, wie sie betont. Sie sitzt im Vorstand des Elternbeirats, engagiert sich ehrenamtlich als stellvertretende Vorsitzende in der SPD Moosburg, denn "ohne die Politik geht es nicht". Mit dieser Einstellung wurde sie selbst erzogen, in das politische Engagement ist sie hineingewachsen. Schon ihr Vater war Parteimitglied, da benötigte er Tiryaki als Dolmetscherin. So sei sie von klein auf bei Demonstrationen dabei gewesen und einfach so aufgewachsen, sagt sie und lacht herzlich. Seitdem treibt sie aber auch der Wunsch nach "mehr Gleichberechtigung" um, ihre Arbeit als Unternehmerin kann diesen nicht sättigen. "Integriert zu sein, finde ich zu wenig. Man muss dafür und seine Rechte einstehen. Man muss sie gebrauchen, und, ganz wichtig, wählen gehen."

Wie sie das alles unter einen Hut bringt? "Wenn mir etwas Spaß macht, dann habe ich so viel Energie. Und wenn ich auch noch etwas erziele, ich meine Erfolge sehen kann, dann spornt mich das noch mal an. Eigentlich könnte ich noch mehr machen."

Weder die ständige Büroarbeit, noch das Chefin-Sein halten die Unternehmerin davon ab, manchmal selbst ihre Kunden zu fahren. Was für sie selbstverständlich ist, überrascht manche Gäste: "Die sind irritiert, dann begeistert - eine Türkin, die Taxi fährt, noch dazu nachts?" Ihre Bekanntheit nutze sie jedoch nicht zugunsten ihres politischen Amtes aus, Wahlwerbung liegt in keinem ihrer Autos. "In meine Taxis steigt jeder ein. Egal welche politische Einstellung, Nationalität, Geschlecht." Und so kann sie auch überzeugen: "Ich möchte, dass die Menschen sich mehr trauen, dass sie mehr Mut zum Zusammenleben haben."

© SZ/nta

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