Kultur im Landkreis Freising:Der Terminkalender ist wieder voll

Kultur im Landkreis Freising: Ritsch Ermeier ist ein künstlerisches Multitalent. Auch ihn hat die Corona-Krise schwer getroffen.

Ritsch Ermeier ist ein künstlerisches Multitalent. Auch ihn hat die Corona-Krise schwer getroffen.

(Foto: Marco Einfeldt)

Straßenmusikant, Einzelhandelskaufmann, Kinderbuchautor, Mitglied eines bayerischen Volksmusik-Duos und Stadt- und Marktführer - Ritsch Ermeier hat schon viel gemacht. Jetzt blickt das Multitalent zurück auf die Corona-Zeit.

Interview von Melanie Glinicke

Straßenmusikant in Europa, Einzelhandelskaufmann, Kinderbuchautor, Hörbuchautor, Radioredakteur, Mitglied eines bayerischen Volksmusik-Duos und Stadt- und Marktführer - Ritsch Ermeier hat in seinem Leben schon viel Verschiedenes gemacht, Kultur hat für ihn einen hohen Stellenwert. Nach langer Pause gehen kulturelle Veranstaltungen nun wieder los. Auch Ritsch Ermeier kann seit Juni wieder seine Marktführungen bei den "Markstrawanzan" in Au abhalten.

SZ: Wie war es, das erste Mal seit Langem wieder eine Marktführung bei den Marktstrawanzan zu machen und wie laufen andere kulturelle Veranstaltungen im Moment wieder an?

Ritsch Ermeier: Das war einfach total toll, mein Ziel ist es ja, in lachende Gesichter zu sehen und die Leute zu begeistern, nach langer Zeit war das mal wieder so. Recht viel bessere Sachen gibt es, glaube ich, nicht. Im Winter ist man so lange zu Hause gesessen, da war das umso schöner. Man kann es wirklich als Befreiung bezeichnen. Auch sonst ist mein Terminkalender jetzt auf einmal wieder sehr voll. Das ist schön, aber ein bisschen entzerrter, wie eben vor Corona, das wäre besser. Momentan ist alles eben immer auf einen Schlag. Aber ich werde mitnehmen, was geht, wer weiß, wie es im Oktober dann wieder aussieht.

Sie haben bereits so viele verschiedene Dinge gemacht, woher kommt Ihr Antrieb dazu?

Ich weiß es nicht genau, früher hätte man wahrscheinlich gesagt, der ist hyperaktiv. Ich habe einfach permanent Ideen, zum Beispiel habe ich von Kultur vor dem Fenster während Corona gehört, das habe ich dann auch gemacht. In Mainburg habe ich mich vor die Balkone der Leute gestellt und eine halbe Stunde ein Konzert gegeben. Die Leute waren begeistert. Oft bekomme ich einfach beim Spazierengehen viele Ideen, das muss ich dann sofort aufschreiben. Am Anfang ist nichts und dann ist da plötzlich etwas, das ist das Schöne, das gefällt mir. Vielleicht wurde es mir in die Wiege gelegt, ich bin auf jeden Fall froh, dass ich es habe.

Gab es bei den vielen Dingen, die Sie schon gemacht haben, ein Highlight?

Da gab es so viele. Vielleicht das "Sauglocknläutn" beim Bauernmarkt am Odeonsplatz in München vor acht oder neun Jahren, da waren 20 000 Leute da, und wenn man dann auf der Bühne steht, ist das anders. Ich mag Kleinkunstbühnen wegen der Nähe zum Publikum zwar lieber, aber als Highlight kann man es schon bezeichnen, eben, weil es so anders war. Oder vielleicht die Isentalautobahn-Demonstration, da haben wir auch gespielt. Oder ein Highlight aus meiner Zeit in Amerika: In Seattle habe ich dort Musik gemacht, wo auch schon Jimi Hendrix Musik gemacht hat, das ist ein Traum von vielen. Dann habe ich angefangen, zu spielen und jemand kam erst mit einer Geige dazu und dann noch jemand mit Kastagnetten, das war wirklich ein Happening.

Was können Sie anderen Kulturschaffenden aus Ihrer Erfahrung mitgeben?

Jeder soll er selbst bleiben und nicht etwas nacheifern, was man sowieso nicht erreichen kann. Jeder kann etwas und er muss nur das machen, was er gut kann. Schuster, bleib bei deinen Leisten, sage ich oft. Die bekannten Volksmusiker Marianne und Michael haben uns schon mal angefragt, ob wir auf Tournee gehen wollen, da haben wir gesagt "Nein, das machen wir nicht". Da würden wir ja unsere Seele verkaufen. Sich treu zu bleiben ist am wichtigsten.

Wie sehr waren Sie durch Corona eingeschränkt und wie hat sich das auf Sie ausgewirkt?

Am Anfang hat mir das den Boden unter den Füßen weggezogen. Was passiert hier, was läuft hier, dachte ich mir. Ich saß da und hab angefangen, zu spazieren, als mir das zu blöd wurde, bin ich geschlendert. War schon seltsam die Situation, aber dann passierten auch schöne Dinge: Einmal bin ich an einer Brücke stehen geblieben und dann ist unten ein Biber vorbei geschwommen. So etwas passiert nur, wenn man sich Zeit nimmt. Ich kann dann auch schnell wieder das Positive sehen. Die Stimmung war trotzdem sehr komisch. Am Anfang hatte ich auch finanzielle Sorgen. Ich habe dann diese Unterstützung bekommen, sie aber schnell zurückgezahlt. Aber bei mir geht es ja. Wenn ich jetzt jünger gewesen wäre und mir zum Beispiel gerade ein Haus gekauft hätte, wäre es wirklich der Horror gewesen. Im Sommer ging es ja dann bergauf, so wie jetzt. Ich hoffe nur, das ist keine Eintagsfliege und dann hört es wieder auf. Es herrscht einfach eine Unsicherheit, das merkt man auch bei den Menschen im Publikum.

Schade ist: Früher hat man noch CDs verkauft, aber dieser Markt ist seit Spotify ja auch weggebrochen, so was hätte während Corona auch geholfen. Ich selbst bin früher mal Taxi gefahren, aber selbst das wäre nicht gegangen, weil in Zeiten des Lockdowns ja auch niemand irgendwo hin kann. Es sind schwierige Zeiten, aber man darf nicht vergessen, dass das Jammern auf hohem Niveau ist, das sage ich meinen Kindern auch immer: Wir haben fließendes Wasser aus dem Wasserhahn, wir müssen keine Angst haben, dass uns eine Handgranate auf den Kopf fällt. Missstände muss man anprangern, aber nicht nur jammern.

Fühlten Sie sich in der schwierigen Zeit von der Politik unterstützt?

Ich fühle mich von der Politik eher im Stich gelassen. Söder sagte mal, jeder Künstler bekommt 1000 Euro im Monat und das hat absolut nicht gestimmt. Wenn ich dann auch noch das von der Maskenaffäre höre, fehlen mir wirklich die Worte. Mit Sauglocknläutn haben wir darüber auch ein Lied gemacht, Provision heißt das, das ist dann unsere Art und Weise, damit umzugehen. Was man aber natürlich auch sehen muss, ist, dass die Politiker auch zum ersten Mal in so einer Situation sind.

Was glauben Sie, wie hat die Kultur die Pandemie insgesamt überstanden?

Die Kultur bleibt und überlebt auf alle Fälle, die Frage ist nur, auf welche Art und in welcher Vielfalt. Die Vielfalt ist durch Corona ein wenig verloren gegangen, beispielsweise ist "Flying Circus" in München wieder losgegangen, da sind oft die schon bekannten Kollegen zu sehen, die eh auch immer wieder im Fernsehen zu Gast sind. Aber so was wie Kleinkunst und Kleinkunstkneipen mussten zumachen, die Gegen- und Subkultur hat es sehr schwer, aber das braucht man auch für die Kultur. Bis das wieder auf die Beine kommt, das wird dauern. Das merke ich auch bei Sauglocknläutn: Normalerweise wären wir im Herbst ausgebucht, jetzt haben wir nur ein paar Termine und selbst die stehen mit Fragezeichen im Kalender. Problematisch ist ja auch: Ein Wirt, der eine Bühne betreibt, hat durch Corona auch kein Geld und kann mich nicht bezahlen. Und wenn man dann zu viel Eintritt verlangt, kommt keiner. Wenn es im Herbst noch eine Welle gibt, werden das noch mehr Kleinkunstbühnen nicht überleben. Da kommt vielleicht auch noch was nach, denn die Hilfen, die man bekommen hat, müssen ja wieder abbezahlt werden. Vieles ist nicht absehbar.

Wie sehen Sie persönlich Ihre Zukunft? Glauben Sie, Sie haben mittlerweile genug ausprobiert und gemacht?

Wenn ich sage, ich will stader werden, lachen meine Bekannten immer. Momentan bin ich schon noch so, dass ich vor Ideen sprühe. Ich bin noch nicht auf dem ausruhenden Ast. Auch wenn ich mittlerweile Opa geworden bin, sehe ich mich noch lange nicht auf der Rentner-Bank.

© SZ vom 02.08.2021
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