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Abschied in Hallbergmoos:Ende eines Familien-Allrounders

Aus verschiedenen Gründen schließt Claudia Stotter (links) ihren Buchladen in Hallbergmoos. Ihre größte Stütze im Verkauf, Antonia Elshuber, hatte bereits angekündigt, ihre Stelle aufgeben zu wollen.

(Foto: Marco Einfeldt)

21 Jahre lang hat Claudia Stotter den einzigen Buchhandel im Ort geführt. Am Samstag schließt sie ihren beliebten Laden für immer.

Von Alexandra Vettori, Hallbergmoos

Es war ein lang angekündigter Abschied, und am Samstagabend ist die Bücherstube Stotter endgültig Geschichte. Dann verliert Hallbergmoos nicht nur seinen einzigen Buchladen, sondern auch das einzige Spielwarengeschäft. 21 Jahre lang ist Claudia Stotter hinter der Verkaufstheke gestanden. Dass sie jetzt damit aufhört, habe verschiedene Ursachen, sagt die 53-Jährige.

Da ist zum einen die Renovierung des Hauses, in dem die Bücherstube ist, die würde bei einer späteren Vermietung natürlich zu Buche schlagen und den Ertrag eines Nachfolgers schmälern. "Die Umsätze gehen, wenn auch nicht drastisch, aber doch schleichend immer weiter zurück. Für einen Mieter wäre die Pleite programmiert." Sie selbst möchte sich künftig mehr um ihre Enkelkinder kümmern, schließlich wandert ein Teil davon mit ihrem Sohn aus. "Und ich könnte es nicht ertragen, sie nie zu besuchen, nur weil ich den Laden nicht einfach zwei Wochen zusperren kann." Und drittens hört ihre größte Stütze im Verkauf demnächst auch auf.

Die Kunden reagierten emotional

Schade sei es schon, räumt Claudia Stotter ein, die vor 25 Jahren aus Ismaning nach Hallbergmoos gezogen ist. Anfangs, erinnert sich die gelernte Buchhändlerin, habe das Ladensortiment noch zu 85 Prozent aus Büchern bestanden, nebenbei gab es auch Mineralien und Steine. "Relativ schnell haben dann die Kunden-Nachfragen das Sortiment bestimmt", berichtet Claudia Stotter. Sie wünschten sich das, was sie in Hallbergmoos vermissten, also Schulartikel, hochwertige Spielsachen, ein bisschen Bürobedarf, Geschenkartikel, "wir haben sehr viele Geburtstagskisten gemacht, ja, wir waren ein Familien-Allrounder", sagt Stotter. Und das, betont sie, bis zuletzt: "Das war hier kein todgeweihter Laden, wir waren ein sehr beliebter Treffpunkt."

Deshalb, vermutet sie, seien die Reaktionen der Kunden auch gar so emotional gewesen. Schon vor einem halben Jahr habe sie es den Stammkunden erzählt, dass sie schließe, meistens habe sie blankes Entsetzen geerntet. "Bis heute gab es seither keinen Tag, an dem wir nicht ein Erlebnis hatten, dass uns Gänsehaut gemacht hat." Claudia Stotter erzählt zum Beispiel von einer alten Dame, die mittlerweile 95 Jahre alt ist. Früher habe sie für ihren mittlerweile auch schon über 30 Jahre alten Enkel immer die Schulsachen gekauft. "Und jetzt musste er sie extra herfahren, damit sie sich verabschieden konnte", erzählt Claudia Stotter. Von anderen Kunden erhielten sie Geschenke, Blumen, sogar Basteleien von Kindern, "und unsere Tafeln Merci-Schokolade, damit können wir bald einen Handel aufmachen. Das hätte ich nie erwartet".

Den Online-Buchhandel habe sie zwar in den vergangenen Jahren auch immer stärker gespürt, existenzbedrohend sei er aber noch nicht gewesen. "Wir haben sehr früh über Libri einen eigenen Onlineshop gemacht, das hat ganz gut funktioniert. Trotzdem hat man jedes Jahr gemerkt, dass der Vorort-Buchumsatz zurückgeht." Nur Trauer herrsche aber trotz der unmittelbar bevorstehenden Schließung nicht. "Wir haben Spaß bis zum Schluss", sagt Claudia Stotter. Man habe deshalb auch nur vier Wochen lang Abverkauf gehabt, "es sollte bis zum Schluss so sein, wie uns die Kunden gekannt haben".

© SZ vom 12.03.2020/fpol

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