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Feuerwehren im Landkreis Freising:An seine Grenzen kommen

Jens-Peter Lentrodt, Pressesprecher der Neufahrner Feuerwehr, sitzt am Fahrsimulator. Dort üben die Feuerwehren im Landkreis, die Fahrt zum Einsatzort unter hoher Belastung zu meistern.

(Foto: Marco Einfeldt)

Alle Sinne schärfen, dem Stress standhalten, vorausschauend agieren: Im Simulator üben die Feuerwehren im Landkreis Freising, Gefahrensituationen bei der Fahrt zum Einsatzort unter hoher Belastung zu meistern. Ein Selbstversuch.

Von Thilo Schröder, Neufahrn

Das Martinshorn dröhnt, das Blaulicht wirft blinkende Lichter an die umliegenden Häuserwände und eine Stimme aus dem Funkgerät teilt mit, dass eine eingeklemmte Person aus dem Auto befreit werden muss. Es ist Nacht, in einem Wohngebiet, und es regnet. Blitze zucken herab, Donnergrollen. Schnell den Gurt eingerastet, die Hände ans Lenkrad, dann den Fuß aufs Gas. Jetzt heißt es: alle Sinne schärfen, dem Stress standhalten, vorausschauend agieren. Denn jede Kreuzung, jedes parkende Auto, jeder Fußgänger stellt eine potenzielle Unfallgefahr dar.

Die geschilderte Szene basiert auf einer Computersimulation. Über drei Bildschirme, eine über Lautsprecher ertönende Geräuschkulisse und einen Fahrersitz samt Armaturenbrett wird jedoch ein relativ authentisches Setting erzeugt. Denn potenziell möglich sind solche Szenarien, beziehungsweise die darin simulierten Gefahrensituationen, allemal. "Alle diese Einsatzszenarien sind in allen Landkreisgemeinden möglich", glaubt Neufahrns Zweiter Kommandant Christian Eschlwech. Und so sind die Feuerwehren im Landkreis Freising froh, dass sie am Sondersignalfahrt-Trainer dieser Tage in der Feuerwache Neufahrn den Ernstfall simulieren können.

Auf Signalfahrten ist die Gefahr für schwere Unfälle um ein 17-faches höher als im Normalverkehr, so Sven Willecke

Das oberste Ziel für Feuerwehren auf der Fahrt zum Einsatzort lautet: sicher ankommen, eigene Unfälle unbedingt vermeiden. Ein schmaler Grat: Auf Signalfahrten sei die Gefahr für schwere Unfälle mit hohem Sachschaden um ein 17-faches höher als im Normalverkehr, sagt Sven Willecke. Der 47-Jährige ist Gruppenführer bei der Freiwilligen Feuerwehr Neufahrn, sitzt im Einsatzwagen in der Regel neben dem fahrenden Maschinisten. Für Unfälle mit Schwerverletzten sei das Risiko acht Mal, für tödliche Unfälle immer noch vier Mal so hoch.

Um zu lernen, Gefahrensituationen richtig einzuschätzen und mit der erhöhten Stressbelastung umzugehen, werden seit Anfang Juli Vertreter der 83 Freiwilligen und drei Werksfeuerwehren im Landkreis Freising am Simulator geschult.

Etwa 40 Termine sind angesetzt, bis Mitte August sollen rund 200 Einsatzkräfte das vierstündige Programm durchlaufen haben. "Das wird gut angenommen", sagt der Pressesprecher der Neufahrner Feuerwehr Jens-Peter Lentrodt. Eschlwech ergänzt: "Es gibt gelegentlich aber auch Leute, die das etwas zu forsch angehen, die sagen: Ich kann schon alles, das mach ich mit links." Und dann würden sie doch auf für sie neue Situationen stoßen.

Künftig soll es neben Neufahrn zwei weitere Schulungsstandorte im Landkreis geben

Für die Schulungen sind landkreisweit erstmals zehn Multiplikatoren ausgebildet worden, Willecke ist einer von ihnen. Bislang habe eine einzelne Mitarbeiterin der Staatlichen Feuerwehrschule Regensburg quer durch den Freistaat in die Landkreise reisen müssen, um die örtlichen Wehren zu schulen, sagt Lentrodt, selbst seit 30 Jahren im Blaulicht-Einsatz.

Künftig soll es neben Neufahrn auch zwei weitere Schulungsstandorte im Landkreis Freising geben. Und statt des bayernweit einen Simulators mindestens zwei vom demnächst vorgestellten Nachfolgemodell. Denn derzeit könnten die Einsatzkräfte "maximal ein Mal im Jahr" geschult werden, wie Willecke sagt. "Das Ziel der Schulung ist, jemanden an seine Grenzen oder knapp darüber hinaus zu führen", sagt Lentrodt. Dafür simulieren die Schulungsteilnehmer mehrere Einsatzfahrten, die aufgezeichnet und anschließend gemeinsam analysiert werden.

Feuerwehr Simulator

SZ-Autor Thilo Schröder durfte den Simulator einmal selbst ausprobieren. Das Ergebnis: Einige Unfälle, viele Fehler, hohe Konzentration.

(Foto: privat)

"Es ist wichtig, dass hier Unfälle passieren. Damit sie später nicht mehr passieren"

Der erste Versuch läuft locker und unkommentiert ab: Sondersignale und Funk bleiben aus, es darf über Randsteine gefahren, ein Auto gerammt oder ein Fußgänger vor einem wartenden Schulbus übersehen werden. "Es ist nicht schlimm", sagt Feuerwehr-Presseprecher Jens-Peter Lentrodt, "wenn hier ein Unfall passiert, selbst ein Kommandant kann auf seine alten Tage noch Fehler machen. Es ist gerade wichtig, dass das passiert. Damit es später dann nicht mehr passiert."

Beim zweiten Versuch gilt es dann, Fehler zu vermeiden. Unter Aufsicht fährt es sich nun konzentrierter, aber auch vorsichtiger. "Der Gruppenführer darf den Fahrer nicht hetzen", sagt Willecke, "nur bremsen, wenn er zu schnell fährt." Die letzte Fahrt muss ohne Anweisungen im eingangs beschriebenen Extrem-Setting absolviert werden. Zu Gewitter, Martinshorn und Funksprüchen in Endlosschleife addieren sich herausfordernde Gefahrensituationen: Ein hinter einem Lastwagen herannahendes, dadurch zunächst verborgenes Auto wird beim Linksabbiegen auf der Kreuzung beinahe erfasst - ein grober Fahrfehler, sind sich alle anschließend einig. Ein Stück weiter läuft ein Fußgänger plötzlich wenige Meter vor dem Fahrzeug auf die Straße, nur eine Notbremsung verhindert Schlimmeres. "So ein Depp!", ruft man instinktiv. "Fluchen ist wichtig", ermuntert Willecke, "das baut Stress ab." Am Ende wird die Unfallstelle unbeschadet erreicht.

Die erhöhte Stressbelastung im Simulator führe dazu, "dass man auf der Straße souveräner ist, selbst wenn man für einen Einsatz nachts aus dem Schlaf gerissen wird und nicht ausgeruht ist", sagt Lentrodt. Auch wenn in dem Programm dicht gestaffelt Extremsituationen simuliert werden, die in dieser Form im realen Einsatz im Landkreis Freising eher selten vorkommen dürften, selbst bei 225 Einsätzen in 2019 allein im Zuständigkeitsbereich der Feuerwehr Neufahrn. Für Gruppenführer Sven Willecke ist klar: "Wenn wir hier nur einen Unfall verhindern können, dann ist es das wert."

© SZ vom 29.07.2020/lada

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