Fastenaktionen in Freising:Im Idealfall eine neue Lebensweise

Familie Gebhardt, die aufs Auto verzichtet und voll auf Lastenfahrrad umgestiegen ist.

Sieben Wochen Autoverzicht und stattdessen der Umstieg aufs Lastenfahrrad, auch das gehört in diesem Jahr zum Fastenprogramm.

(Foto: Florian Peljak/dpa)

Die Fastenzeit ist angebrochen. In der modernen Gesellschaft sind die einst rein religiös motivierten Vorschriften im Laufe der Zeit gelockert worden. Dafür erstreckt sich das Fasten jetzt auf viele Lebensbereiche, auch die Umwelt.

Von Francesca Polistina, Freising

Die Masken sind nun endlich gefallen, die närrische Musik wurde stumm geschaltet. "Am Aschermittwoch ist alles vorbei", heißt es in einem bekannten Faschingslied. Und tatsächlich: Für viele Christen hat die Fastenzeit gerade begonnen, insgesamt 40 Tage dauert die Zeit der Buße und Besinnung, die als Vorbereitung auf das Osterfest dient. Fastenbräuche gibt es in allen Weltreligionen, im Christentum sind die Regeln, die im Mittelalter durchaus strikt waren, mit der Zeit lockerer geworden. Was aber noch gilt: Auf Dinge verzichten, die einem am Herzen liegen. Vier Freisinger Häuser erzählen von ihrer Fastenzeit.

Katholisches Kreisbildungswerk

Wer hat gesagt, dass man nur auf Fleisch, Süßigkeiten und Alkohol verzichten soll? Das Katholische Kreisbildungswerk Freising geht in die Fastenzeit mit einer Aktion, die vor allem der Umwelt gefallen könnte: "ohne AutoMobil" lautet das Motto der diesjährigen Initiative, die man auch "mobil, aber ohne Auto" lesen könnte. In den vergangenen Jahren ging es um den Verzicht auf Plastik und Verpackungen, diesmal hat man sich für ein Thema entschieden, das selbst im Wahlkampf harsch debattiert wird: der Individualverkehr.

"Eine Mitarbeiterin hat schon den Autoschlüssel abgegeben", sagt Geschäftsführerin Marina Freudenstein. Außerdem bekommt das Kreisbildungswerk Unterstützung von Radl Ruhland, der ein E-Lastenrad für vier Wochen zum Testen zur Verfügung gestellt hat. Und diejenigen, die auf das eigene Fahrzeug angewiesen sind? "Natürlich können nicht alle auf das Auto verzichten. Trotzdem wollen wir versuchen, die Nutzung des Autos zu reduzieren und zum Beispiel Fahrgemeinschaften zu bilden", sagt sie. Und wer weiß, vielleicht lässt sich auch diese oder jene neue Gewohnheit dauerhaft etablieren.

Kolpingsfamilie

Für Josef Wildgruber, stellvertretenden Vorsitzenden der Kolpingsfamilie Freising, sollte man in der Fastenzeit den geistlichen Aspekt nicht aus den Augen verlieren. Denn die Fastenzeit bleibt vor allem eins: ein Moment der Besinnung und des Gebets. Der klassische Verzicht auf Bier und Schokolade, wovon immer die Rede ist, ist dem Einzelnen überlassen und tatsächlich lobenswert, bei ihm bedeutet Fastenzeit aber vor allem "sich verstärkt einzubringen und im sozialen Bereich bei der Kirche tätig zu werden". Fasten als Engagement, könnte man also sagen. In die Fastenzeit ist die Kolpingsfamilie mit einem Gottesdienst gestartet, einige religiöse Veranstaltungen sind auch geplant, "um sich auf das Osterfest vorzubereiten".

Evangelische Kirche

"Sieben Wochen Ohne" heißt die Fastenaktion der Evangelischen Kirche in Deutschland, die seit über 30 Jahren dazu einlädt, die Passionszeit bewusst zu erleben und zu gestalten. Dieses Jahr unter dem Motto: "Zuversicht! Kein Grund zu Pessimismus". Auch in Freising nimmt die Kirchengemeinde teil. "Die Aktion will zur Hoffnung und Gottvertrauen aufrufen", erklärt Dorothee Löser, stellvertretende Dekanin in Freising. "Für mich heißt das konkret, dass ich versuche, zuversichtlich zu sein und kritisch zu bleiben, zum Beispiel wenn die Medien von Gefahren und Katastrophen berichten". Obwohl Sorgen und Ängste Teil des Lebens sind, darf man laut der Pfarrerin eines nicht vergessen: "Deutschland war nie so sicher wie heute" und "da draußen gibt es viele guten Mächte".

AOK

Mit Abnehmen hat die christliche Fastenzeit eigentlich nichts zu tun, aber wenn man schon dabei ist, warum nicht bei der Gelegenheit auch ein paar Kilo verlieren? Das scheint zumindest der Gedanke einiger Menschen zu sein. Edith Boiger, Ernährungsexpertin bei der Freisinger AOK, rät allerdings zur Vorsicht. Denn die Deutsche Gesellschaft für Ernährung sieht das Fasten weiterhin skeptisch als Methode zur dauerhaften Gewichtsreduktion. Bei bestimmten Krankheiten kann das Heilfasten tatsächlich nützlich sein, "fürs Abnehmen bringt es aber nur etwas, wenn man es maßvoll betreibt und als Einstieg in eine ausgewogenere Essensweise mit viel Obst, Gemüse und kalorienfreien Getränken nutzt", erklärt sie.

Das Gleiche gilt für die Detox: Der Begriff, der als Abkürzung für "Detoxifikation" gilt und beinahe in allen aktuellen Diätbüchern erwähnt wird, ist wissenschaftlich alles andere als eindeutig. Häufig werden da Fastensäfte konsumiert: "So verliert der Körper ziemlich schnell Wasser, aber diese Gewichtsabnahme ist nicht von Dauer - Es sei denn, man macht daraus nachhaltige Essgewohnheiten." Und genau hier liegt der Schlüssel: lieber einen bewussten Umgang als einen radikalen aber kurzzeitigen Verzicht. Egal, ob es um das Stück Schokolade oder das Handy geht: "Die Fastenzeit kann zum schrittweisen Einstieg in die angestrebte Lebensweise werden", so Boiger. Welches Ziel man auch immer verfolgt.

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