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Polizei in Freising:Mann will sterbenden Vater im Heim besuchen - und bekommt Anzeige

Seniorenheim Freising

Das Vitalis-Seniorenzentrum in Freising

(Foto: Marco Einfeldt)

Auf Facebook schildert der Freisinger die Umstände seines gescheiterten Besuchs und wie es zum Streit mit einer Pflegerin kam. Einen Tag nach dem Vorfall ist der Vater tot - und der Mann muss aufs Polizeirevier.

Von Gudrun Regelein, Freising

"Die unerträgliche Grausamkeit des einsamen Sterbens, und wo die Menschlichkeit aufhört!". So titelte ein Freisinger seinen Post, den er in verschiedenen Foren - unter anderem bei "Treffpunkt Freising" - veröffentlicht hat. In diesem schildert er sehr bewegend, wie er am vergangenen Wochenende seinen im Sterben liegenden Vater im Vitalis-Seniorenzentrum Freising besuchen wollte - und abgewiesen wurde. Schon in den Wochen zuvor sei er täglich dort gewesen, aber an diesem Tag lief alles anders.

"Am Samstag öffnete eine junge Pflegerin die Tür und bat mich, einen Moment im Eingangsbereich zu warten, sie müsse meinen Einlass telefonisch abklären. Ich nahm in der Schleuse auf einem roten Stuhl Platz. Dann wurde ich von einer älteren Pflegerin angegangen, ich solle sofort das Haus verlassen. Während ich mich vom Stuhl erhob, fuhr die Frau fort, ich solle jetzt endlich rausgehen. Auf meine Frage, warum, wurde ich noch energischer gedrängt, das Haus zu verlassen", schreibt er.

Danach eskalierte die Situation, es kam es zu einem Wortgefecht und Beschimpfungen, bis der Mann schließlich bei der Polizei anrief. Er schreibt, dass er lange auf die Streife gewartet habe, diese aber nicht gekommen sei, sodass er schließlich nach Hause gefahren sei. Am Sonntag, als er wieder seinen Vater besuchen wollte, erfuhr er, dass dieser verstorben war. "Seinen sehnlichen und einzigen Wunsch, nicht alleine sterben zu müssen, haben wir ihm nicht erfüllen können", schreibt der Sohn. Für ihn hat das Ganze aber noch ein anderes Nachspiel: Am Sonntag wurde er auf das Polizeirevier in Freising zu einer Beschuldigten-Vernehmung gebeten. Die ältere Pflegerin hatte gegen ihn Anzeige wegen Beleidigung gestellt.

Polizeichef Ernst Neuner bestätigt auf Anfrage der SZ Freising, dass es am vergangenen Samstag einen Polizeieinsatz beim Vitalis-Seniorenzentrum gegeben habe. "Wir wurden gerufen, da jemand Zutritt in das Seniorenheim wollte", berichtet er. Der Besuch dort sei dem Mann verweigert worden, da es in dem Heim einen Corona-Ausbruch gegeben habe. Allerdings sei er beim Eintreffen der Streife - etwa eine Viertelstunde nach dem Anruf - nicht mehr vor Ort gewesen. Auch dass die Pflegerin Anzeige wegen Beleidigung erstattet habe, bestätigt Neuner.

Sie könne die Not des Sohnes, nicht zu seinem sterbenden Vater zu dürfen, sehr gut verstehen, sagt Barbara Mallmann, leitende Koordinatorin der Hospizgruppe Freising. "Für Angehörige ist das furchtbar." Die Pflegerin aber habe alles richtig machen wollen. Es sei ihr nicht darum gegangen, den Mann nicht zu seinem Vater zu lassen, sondern sie habe wegen einer Corona-Infektion in dem Haus alle anderen schützen wollen.

Das Pflegepersonal in den Heimen sei in den vergangenen Monaten der Corona-Pandemie an seine Grenzen gelangt. "Gerade in der momentanen Situation gibt es keine andere Möglichkeit, als möglichst viele Kontakte zu reduzieren, um weitere Ausbrüche zu vermeiden", sagt Mallmann.

Von der Vitalis-Gesellschaft für soziale Einrichtungen mbH gab es bis zum frühen Mittwochabend keine Stellungnahme zu den Vorfällen in ihrem Freisinger Seniorenzentrum.

© SZ vom 21.01.2021/van
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