Denkmalschutz:Die Bilderretter vom Freisinger Domberg

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Denkmalschutz: Der Zustand des alten Holztafelbildes in der Freisinger Dom-Sakristei hat sich in den vergangenen Jahren rapide verschlechtert. Theresa Hilger (links) und Julia Brandt vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege gehören zu einem Experten-Team, das solche Kunstwerke retten will.

Der Zustand des alten Holztafelbildes in der Freisinger Dom-Sakristei hat sich in den vergangenen Jahren rapide verschlechtert. Theresa Hilger (links) und Julia Brandt vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege gehören zu einem Experten-Team, das solche Kunstwerke retten will.

(Foto: Marco Einfeldt)

Zu trockene Luft wird für Kunstwerke zum Problem. Experten suchen nach Wegen, ein Bild in der Dom-Sakristei zu erhalten - damit könnte ein Durchbruch gelingen.

Von Petra Schnirch, Freising

Es ist ein Projekt, das weit über Freising hinausstrahlen und zugleich ein großes Problem der Denkmalpflege lösen könnte: Ein Team aus Restauratorinnen und Wissenschaftlern sucht am Freisinger Domberg nach einer Methode, um alte Holztafelbilder zu retten, die zunehmend unter einem vom Menschen beeinflussten Raumklima leiden. Den Anstoß dazu gab der Zustand des Altaraufsatzes von Hans Mair von Landshut in der Sakristei des Freisinger Domes, der sich rapide verschlechtert.

Das großformatige Bild aus dem Jahr 1495, das Szenen aus der Passion Christi zeigt, leidet sichtbar unter zu trockener Luft durch die Heizungswärme im Winter, aber auch durch den Klimawandel. An vielen Stellen löst sich die Malschicht ab, der Holzuntergrund ist aufgrund zu geringer Luftfeuchte deutlich geschrumpft. Eine Notlösung verhindert, dass sich der Zustand des Patienten weiter verschlechtert, bis eine Lösung gefunden ist: Das Bild ist übersät mit weißen Papierstreifen, die an Heftpflaster erinnern. Sie sorgen dafür, dass keine Farbe abplatzen kann. Durch Trockenbauwände aus Gipskarton, eine Art Klimabox, die die Firma Adldinger gestiftet hat, ist das Kunstwerk aus dem Spätmittelalter abgeschirmt und vor schädlichen Einflüssen geschützt.

Denkmalschutz: Besondere Leidensgeschichte: Das Holztafelbild ist inzwischen mit weißen Papierstreifen zugepflastert, die verhindern sollen, dass die Farbe an diesen Stellen abplatzt.

Besondere Leidensgeschichte: Das Holztafelbild ist inzwischen mit weißen Papierstreifen zugepflastert, die verhindern sollen, dass die Farbe an diesen Stellen abplatzt.

(Foto: Marco Einfeldt)

Wie dramatisch deren Auswirkungen inzwischen sind, zeigen erste Messergebnisse des Forschungsprojekts, das Anfang des Jahres gestartet wurde, mit Laserscans: Allein im März wölbte sich eine der beiden Tafeln um etwa zehn Millimeter nach hinten, wie Restauratorin Theresa Hilger bei einem Treffen am Domberg schilderte. Bis Mai erfolgte dann eine Gegenbewegung in die andere Richtung. "Das ist sehr schnell, das ist sehr stark."

Die Abstände zwischen den Rettungsmaßnahmen der Restauratoren seien zuletzt immer kürzer geworden, sagte die Leiterin des Restaurierungswerkstätten am Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege, Katharina von Miller. Erste Eingriffe an dem 2,75 mal 3,82 Meter großen "Gründonnerstagsretabel" sind bereits 1903/04 dokumentiert, weiterte folgten 1974, 1986, 2006/07, 2010/11 und 2016. Sie habe diese Entwicklung "stirnrunzelnd" verfolgt.

Mit 360.000 Euro fördert die Deutsche Stiftung Umweltschutz das Projekt

30 Monate sind für das Forschungsprojekt angesetzt, das von der Deutschen Stiftung Umweltschutz gefördert wird, denn auch die sich verändernden Bedingungen durch den Klimawandel bleiben nicht ohne Folgen für Gebäude und Kunstwerke. Die Fördersumme beträgt stattliche 360000 Euro - eben weil ein Leitfaden entstehen soll, wie jahrhundertealte Bilder erhalten werden können - und das auf möglichst nachhaltige Weise.

Eingebunden sind in das interdisziplinäre Projekt die TU München, das Bamberger Kompetenzzentrum Denkmalwissenschaften und Denkmaltechnologien, das Fraunhofer-Institut, die Domkirchenstiftung sowie die Beratungsgesellschaft Care for art, die auf Schadstoffanalysen und Arbeitsschutz spezialisiert ist. Denn es geht um viel: Schreitet der Prozess bei dem Holztafelbild in der Dom-Sakristei weiter voran, werde sich die Farbe endgültig ablösen, sagte Julia Brandt, Mitarbeiterin am Landesamt für Denkmalpflege. Seit dem Einbau eines Kamins und einer Heizung hat sich das Problem verschärft.

Ein neues Verfahren soll möglichst ressourcenschonend sein

Nach den vorbereitenden Arbeiten für das Projekt, zu denen das Anbringen des schützenden Gehäuses zählt, kann nun mit weiteren Analysen begonnen werden. Alex Fröhlich vom TUM-Lehrstuhl für Holzbau und Baukonstruktion entwickelte ein Schema für die Messtechnik, mit der beispielsweise Materialfeuchte und Längenänderung exakt ermittelt und beobachtet werden können. Die Instrumente sollen in Kürze aufgebaut werden.

Das Besondere an dem Vorhaben: Ein neues Verfahren zum Erhalt solcher Kunstwerke soll möglichst ressourcenschonend sein - also ohne technische Gerätschaften auskommen, für deren Betrieb viel Strom benötigt wird. Dies sei gerade auch angesichts der aktuellen Energiekrise geboten, sagte Julia Brandt. Das Tafelbild in einen teuren Klimakasten zu stecken, ist für das Team deshalb keine Option - und würde die Sakristei zudem "total verfremden", sagte Domrektor Marc-Aeilko Aris.

Vorgesehen sind Simulationen und praktische Versuche mit einem Dummy

Denkbar sei beispielsweise eine Regulierung der Feuchtigkeit durch Materialien wie Holz oder Textilien, aber auch durch eine Salzlösung, die hinter dem Tafelbild für das passende Mikroklima sorgen könnte, schilderte Alex Fröhlich. Der Ist-Zustand des Bilds wird in den kommenden Monaten engmaschig überwacht, Veränderungen werden dokumentiert. Nach Material- und Maltechnikanalysen will das Experten-Team hygrothermische Simulationen und praktische Versuche mit einem Dummy vornehmen, denn Tests am kränkelnden Original verbieten sich natürlich. Erst nach einer umfangreichen Risikobewertung soll der stark geschrumpfte Holzträger befeuchtet werden, sodass er sich langsam ausdehnen kann.

Domrektor Aris hofft, dass das Projekt Signalwirkung haben wird, in der Bundesrepublik gebe es nichts Vergleichbares. "So war das in Freising immer: Von hier kommen Impulse für die Welt", sagte er mit einem Augenzwinkern. Die nun gestellte Aufgabe ist gewaltig: Es geht laut Aris um die Frage, ob Kunstwerke, die lange unter dem Einfluss des Menschen stünden, "überhaupt überleben können".

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