Forstenried:Potemkinsches Wirtshaus

Forstenried: Vereinslokal, Betriebskantine, Schnitzel-Hochburg, griechisches Restaurant: Der Gasthof "Zur Post" hat eine lange und wechselvolle Geschichte.

Vereinslokal, Betriebskantine, Schnitzel-Hochburg, griechisches Restaurant: Der Gasthof "Zur Post" hat eine lange und wechselvolle Geschichte.

(Foto: Robert Haas)

Der Gasthof "Zur Post" soll in vier Wohnungen aufgeteilt werden, nur das Äußere des leer stehenden Gebäudes bleibt erhalten. Die Lokalpolitiker versuchen, die Umnutzung zu verhindern

Von Jürgen Wolfram, Forstenried

Der traditionsreiche Gasthof "Zur Post" an der Forstenrieder Allee 192 soll auch in Zukunft ein Gastronomiebetrieb bleiben. Mit dieser klaren Ansage hat der Bezirksausschuss (BA) Thalkirchen-Obersendling-Forstenried-Fürstenried-Solln einhellig auf Pläne der Eigentümer reagiert, die Räume der Speisegaststätte in vier Wohnungen mit jeweils zwei bis drei Zimmern umzubauen. Aus dem Kellergeschoss verschwinden sollen Treppe, Nebenzimmer und Toiletten. Nur die äußere Erscheinung bliebe erhalten.

Allein schon wegen seiner Lage "mitten im Dorfkern-Ensemble", aber auch weil dadurch das Gleichgewicht aus Gewerbe und Wohnen in diesem Mischgebiet gestört würde, will die Stadtteilvertretung von der Umnutzung nichts wissen. Unterstützung erhoffen sich die Lokalpolitiker von den Denkmalschutzbehörden, denn die "Post" steht, ebenso wie mehrere andere Gebäude in der näheren Umgebung, auf der Denkmalliste - als "Wirtshaus/Restaurant".

Es gelte, "im Sinne eines lebendigen Denkmalschutzes möglichst die ursprüngliche Nutzung fortzuführen", heißt es im BA-Beschluss. Und "unter allen Umständen" sei zu gewährleisten, "dass die Denkmaleigenschaften des Hauses nicht in Mitleidenschaft gezogen werden". Nach Einschätzung des Vorsitzenden des BA-Unterausschusses Bau und Planung, Alexander Aichwalder (Grüne), könnte es aus rechtlichen Gründen ein enges Rennen geben um die Zukunft des Gasthofs. Umso mehr komme es darauf an, dessen historische Bedeutung für Forstenried hervorzuheben.

In den Reihen der Stadtbezirksvertretung ist die herausragende Stellung des Wirtshauses im Forstenrieder Ortsbild unstrittig. Hannelore Prechtel (SPD) sprach unter breiter Zustimmung von einem "Schmuckstück" und meinte damit nicht zuletzt den schattigen Wirtsgarten des Gasthofs. Sollte beides verschwinden, drohe der Forstenrieder Allee "Verödung" und dem gesamten "hochsensiblen Umgriff" ein herber Verlust an Aufenthaltsqualität. Man müsse den Denkmalschutzbehörden und -gremien schleunigst und eindringlich schildern, "was die externen Eigentümer da zerstören würden".

Seit einiger Zeit steht der Gasthof "Zur Post" leer und wirkt verwaist, doch hat er in seiner mehr als hundertjährigen Geschichte eine Menge erlebt. Beispielsweise wurde hier 1904 die Schützengesellschaft Falkenhorst gegründet. Handwerker, Forstleute sowie die Mitglieder von Kegelclubs und Trachtenvereinen gaben sich an der Forstenrieder Allee 192 jahrzehntelang die Klinke in die Hand. Wechselvoll wie das Publikum nahm sich das kulinarische Angebot aus. Ältere Forstenrieder erinnern sich, wie die "Post" einst Beschäftigten der umliegenden Betriebe als Ersatzkantine diente. Postbedienstete und Bankangestellte etwa zahlten mit Essensmarken.

Lange verteidigte das Gasthaus seinen Ruf als typisch bayerische Wirtschaft und führende Schnitzel-Hochburg am Südrand von München. Eine exotischere Geschmacksnote hielt in jüngerer Vergangenheit Einzug, erst mit dem Asiaten "Tamarind" und zuletzt mit dem griechischen Spezialitätenlokal "Avli". Aus und vorbei. Was den Wirtsleuten am Ende am meisten zusetzte, Personalnot, schwindende Publikumsgunst oder Corona, ist kaum noch zu rekonstruieren. Eindeutig ist nur der ausgeprägte Wille des Bezirksausschusses, an die alte Gasthaustradition anzuknüpfen und eine Umnutzung zu verhindern.

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