bedeckt München 24°

Fliegerbombe in Schwabing:Was auf den Knall folgte

Münchner Fliegerbombe nach erfolgloser Entschärfung gesprengt

Nach erfolglosen Entschärfungsversuchen wurde vor einem Jahr eine Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg im Zentrum von München kontrolliert gesprengt.

(Foto: dpa)

Vor einem Jahr richtete die Sprengung einer Fliegerbombe in München einen Millionenschaden an. Für manche war das vor allem ein spektakuläres Ereignis. Geschäftsleute und Anwohner dagegen kämpfen teilweise immer noch mit den Auswirkungen.

Die Markise über dem Eingang der Kneipe "Zum neuen Hut" hat alle Renovierungsarbeiten überstanden, noch immer sind kleine Brandlöcher und Rußflecken zu sehen. Ein paar Meter weiter neigt sich der Kopf einer Straßenlaterne zur Seite, als hätte ihn ein Kraftmensch verbogen.

Dort aber, wo vor einem Jahr, am 28. August um 21.54 Uhr, die Bombe explodierte, werkeln jetzt Bauarbeiter. "Die neue Münchner Freiheit" steht auf dem Transparent über dem Rohbau. Die alte Freiheit verkörperte die Absturzkneipe "Schwabinger 7", die an der Stelle stand. Als man sie abriss, stießen Arbeiter auf eine Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg. Damit begann für die Anwohner eine Zeit des Schreckens und der Existenzangst.

"Als die Bombe am Montag entdeckt wurde, sagte die Polizei, wir müssen unseren Laden verlassen", erzählt Dilek Sahin, die Inhaberin des gegenüberliegenden Friseursalons Dilek. Die Sicherheitskräfte evakuierten die umliegenden Gebäude, bis zum Abend mussten 2500 Anwohner ihre Wohnung verlassen und in Notunterkünften oder bei Bekannten übernachten.

Am Dienstag - es war der 28. August - machte sich Sprengmeister Günther Sobieralski an die Arbeit. Doch auch dieser Spezialist für chemische Langzeitzünder war machtlos. Am Abend entschloss man sich, den Blindgänger zu sprengen. Eine gewaltige Druckwelle erschütterte das Viertel, Strohballen, die man zur Dämmung über die Bombe gelegt hatte, entzündeten sich und glimmten auf den Dächern weiter.

Als Dilek Sahins Tochter am Morgen den Salon kurz inspizieren durfte, war das Entsetzen groß: Obwohl Bretterverschläge die Fenster schützen sollten, waren die Scheiben zerborsten und die Rahmen verzogen. Die Druckwelle hatte Kacheln aus der Wand gesprengt, Risse klafften in der Wand, Teile der Decke waren herabgefallen.

In den folgenden zwei Wochen blieb der Laden geschlossen, weil Experten zunächst die Statik des Gebäudes prüfen mussten. In dieser Zeit arbeiteten die Haarkünstler in den Räumen der Friseurinnung in der Holzstraße. Als sie wieder in die Feilitzschstraße zurückkehren durften, mussten sie monatelang ohne Tageslicht Locken drehen - die Fenster waren vernagelt.

Erst im März war die Renovierung abgeschlossen. Nicht jeder Kunde machte da mit. "Es sind etliche abgesprungen", sagt die Chefin. Gleichwohl ist sie relativ glimpflich davongekommen. "Die Versicherung hat bezahlt, wenn auch nicht alles, aber ich bin glücklich und zufrieden."

Ronny Kleiner hat es weitaus schlimmer getroffen. Ihm gehört die Boutique "Bliss", ein kleiner Modeladen im Gebäude neben der Explosionsstelle. Im Hinterhof, erzählt Bliss-Verkäufer Alexander Kregelin, befand sich damals ein Holzschuppen, der als Lager diente. "Das Holz hat Feuer gefangen, und durch die kaputten Fenster drangen die Flammen in den Laden." Am nächsten Morgen stand Kleiner in den Ruinen seiner Existenz. Die Inneneinrichtung war vernichtet, das gesamte Sortiment verbrannt. Damals sagte er: "Ich dachte, ich komme da hin und fege die Glasscherben weg. Aber hier sieht es nun aus wie nach einem Bombenanschlag in Tel Aviv."

Heute zieren wieder bunte Farben das Schaufenster, drinnen sind die Kleiderständer voll mit modischen Jeans, Jacken und Röcken. Doch der schöne Schein trügt. Für Kleiner ist die Sache noch lange nicht erledigt. Auf eine halbe Million Euro beziffert er den Schaden, der durch den Brand und den darauf folgenden Verdienstausfall entstanden ist.

Die Versicherung habe nur etwa 200.000 Euro bezahlt. "Es ist ein sehr zäher, langer und energieraubender Prozess, der nach zwölf Monaten noch immer andauert", schreibt Kleiner - er weilt derzeit im Urlaub - per E-Mail. Erst im Mai 2013 konnte er die Boutique wieder eröffnen, "das Geschäft ist um etwa 70 Prozent zurückgegangen". Kleiner erhebt schwere Vorwürfe gegen die Kommune: "Von der Stadt kam sogar nach mehrmaliger persönlicher Anfrage und Anrufen, später auch mittels Anwalt, überhaupt keine Hilfe." Auf seine Bitte, die Stadt möge ihm vorübergehend Laden- und Lagerflächen zur Verfügung stellen, "wurde nur gelacht". Er ist verbittert: "Gerade auf der menschlichen Seite hat die Stadt komplett versagt."

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite