Süddeutsche Zeitung

Fliegerbombe in Schwabing:Was auf den Knall folgte

Vor einem Jahr richtete die Sprengung einer Fliegerbombe in München einen Millionenschaden an. Für manche war das vor allem ein spektakuläres Ereignis. Geschäftsleute und Anwohner dagegen kämpfen teilweise immer noch mit den Auswirkungen.

Von Wolfgang Görl

Die Markise über dem Eingang der Kneipe "Zum neuen Hut" hat alle Renovierungsarbeiten überstanden, noch immer sind kleine Brandlöcher und Rußflecken zu sehen. Ein paar Meter weiter neigt sich der Kopf einer Straßenlaterne zur Seite, als hätte ihn ein Kraftmensch verbogen.

Dort aber, wo vor einem Jahr, am 28. August um 21.54 Uhr, die Bombe explodierte, werkeln jetzt Bauarbeiter. "Die neue Münchner Freiheit" steht auf dem Transparent über dem Rohbau. Die alte Freiheit verkörperte die Absturzkneipe "Schwabinger 7", die an der Stelle stand. Als man sie abriss, stießen Arbeiter auf eine Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg. Damit begann für die Anwohner eine Zeit des Schreckens und der Existenzangst.

"Als die Bombe am Montag entdeckt wurde, sagte die Polizei, wir müssen unseren Laden verlassen", erzählt Dilek Sahin, die Inhaberin des gegenüberliegenden Friseursalons Dilek. Die Sicherheitskräfte evakuierten die umliegenden Gebäude, bis zum Abend mussten 2500 Anwohner ihre Wohnung verlassen und in Notunterkünften oder bei Bekannten übernachten.

Am Dienstag - es war der 28. August - machte sich Sprengmeister Günther Sobieralski an die Arbeit. Doch auch dieser Spezialist für chemische Langzeitzünder war machtlos. Am Abend entschloss man sich, den Blindgänger zu sprengen. Eine gewaltige Druckwelle erschütterte das Viertel, Strohballen, die man zur Dämmung über die Bombe gelegt hatte, entzündeten sich und glimmten auf den Dächern weiter.

Als Dilek Sahins Tochter am Morgen den Salon kurz inspizieren durfte, war das Entsetzen groß: Obwohl Bretterverschläge die Fenster schützen sollten, waren die Scheiben zerborsten und die Rahmen verzogen. Die Druckwelle hatte Kacheln aus der Wand gesprengt, Risse klafften in der Wand, Teile der Decke waren herabgefallen.

In den folgenden zwei Wochen blieb der Laden geschlossen, weil Experten zunächst die Statik des Gebäudes prüfen mussten. In dieser Zeit arbeiteten die Haarkünstler in den Räumen der Friseurinnung in der Holzstraße. Als sie wieder in die Feilitzschstraße zurückkehren durften, mussten sie monatelang ohne Tageslicht Locken drehen - die Fenster waren vernagelt.

Erst im März war die Renovierung abgeschlossen. Nicht jeder Kunde machte da mit. "Es sind etliche abgesprungen", sagt die Chefin. Gleichwohl ist sie relativ glimpflich davongekommen. "Die Versicherung hat bezahlt, wenn auch nicht alles, aber ich bin glücklich und zufrieden."

Ronny Kleiner hat es weitaus schlimmer getroffen. Ihm gehört die Boutique "Bliss", ein kleiner Modeladen im Gebäude neben der Explosionsstelle. Im Hinterhof, erzählt Bliss-Verkäufer Alexander Kregelin, befand sich damals ein Holzschuppen, der als Lager diente. "Das Holz hat Feuer gefangen, und durch die kaputten Fenster drangen die Flammen in den Laden." Am nächsten Morgen stand Kleiner in den Ruinen seiner Existenz. Die Inneneinrichtung war vernichtet, das gesamte Sortiment verbrannt. Damals sagte er: "Ich dachte, ich komme da hin und fege die Glasscherben weg. Aber hier sieht es nun aus wie nach einem Bombenanschlag in Tel Aviv."

Heute zieren wieder bunte Farben das Schaufenster, drinnen sind die Kleiderständer voll mit modischen Jeans, Jacken und Röcken. Doch der schöne Schein trügt. Für Kleiner ist die Sache noch lange nicht erledigt. Auf eine halbe Million Euro beziffert er den Schaden, der durch den Brand und den darauf folgenden Verdienstausfall entstanden ist.

Die Versicherung habe nur etwa 200.000 Euro bezahlt. "Es ist ein sehr zäher, langer und energieraubender Prozess, der nach zwölf Monaten noch immer andauert", schreibt Kleiner - er weilt derzeit im Urlaub - per E-Mail. Erst im Mai 2013 konnte er die Boutique wieder eröffnen, "das Geschäft ist um etwa 70 Prozent zurückgegangen". Kleiner erhebt schwere Vorwürfe gegen die Kommune: "Von der Stadt kam sogar nach mehrmaliger persönlicher Anfrage und Anrufen, später auch mittels Anwalt, überhaupt keine Hilfe." Auf seine Bitte, die Stadt möge ihm vorübergehend Laden- und Lagerflächen zur Verfügung stellen, "wurde nur gelacht". Er ist verbittert: "Gerade auf der menschlichen Seite hat die Stadt komplett versagt."

Ein zäher Prozess

Wenige Tage nach der sogenannten kontrollierten Sprengung hatte Oberbürgermeister Christian Ude angekündigt, den Geschädigten zu helfen. Allerdings müssten zuvor die Haftungsfragen geklärt werden. Mittlerweile gibt es einen Fonds, aus dem in Härtefällen Geld an die Betroffenen fließt. Nach Auskunft des Sozialreferats wurden bislang 53.500 Euro ausbezahlt, davon 42.000 aus der städtischen Kasse. Die restliche Summe kam vom "Adventskalender" der Süddeutschen Zeitung und von der Hilfsaktion "Lichtblick Senioren".

Dem Sozialreferat zufolge haben 39 Personen Hilfe beantragt, von denen die meisten als Härtefälle anerkannt wurden. In fünf Fällen habe man Zahlungen verweigert, "weil es sich um Unternehmen handelte, die nur einen kurzfristigen Umsatzausfall zu verzeichnen hatten und dadurch nicht existenziell bedroht waren". Wer im Einzelnen finanzielle Unterstützung bekommen hat, steht nicht im Bericht der Behörde.

Auch Reinhard Pascher, Geschäftsführer des Modeladens "Flip", hätte von der Stadt größeres Entgegenkommen erwartet. Zwar hatten die Bretterverschläge vor den Fenstern größere Schäden verhindert, weil aber die Lüftungsanlage kontaminiert war, musste die Boutique für drei Wochen schließen. Mit der Zusage, die Räume über die geöffneten Fenster und Türen zu belüften, hatte Pascher eine Ausnahmegenehmigung beantragt. Vergebens. "Man kommt da nicht an die richtigen Leute ran, auch nicht an den OB." Immerhin, die Versicherung hat einen Teil der Verluste übernommen, "das reichte gerade zum Überleben".

Verhandlungen mit der Versicherung

Hermine Meck-Remmert, Chefin der Boutique "Rag Republic", hadert hingegen mit ihrer Versicherung. "Die waren anfangs unmöglich." Erst nach harten, nervenaufreibenden Verhandlungen habe die Versicherung bezahlt. An den Decken und Wänden ihres Ladens waren Risse aufgetreten, weshalb Experten erst einmal prüften, ob das Haus abgerissen werden müsse.

Ähnlich war die Lage bei der Constantin Film AG. Auch hier ruhte der Betrieb, bis die Statiker das Gebäude wieder freigaben. In den Büros waren Möbel und das Parkett beschädigt, auch Fenster sind zu Bruch gegangen. Die meisten Mitarbeiter konnten nach einer Woche an ihren Arbeitsplatz zurückkehren, in Einzelfällen zog es sich bis zum Frühjahr hin. "Die Schadensregulierung ist noch nicht abgeschlossen", berichtet Constantin-Sprecherin Katja Wirz.

Beatrice Rillinger ist nach der Explosion für zehn Tage ins Hotel gezogen. Ihre Wohnung war voller Staub und Stroh, die herausgesprengte Eingangstür lag mitten im Raum, ein Mantel war verkohlt. Ihre wertvollen Bücher und Gläser aber haben die Druckwelle wunderbarerweise überstanden.

Weniger widerstandsfähig waren die Flaschen und Gläser, die Hans Rickert in seiner Getränkekammer lagerte. "Da waren nur noch Scherben", erzählt der Wirt der Kneipe "Zum neuen Hut". Auf insgesamt 30.000 Euro schätzt Rickert den Schaden, den die Bombe in seiner Kneipe angerichtet hat. "Einen Teil hat die Versicherung bezahlt." Wenigstens hielt sich der Verdienstausfall in Grenzen: "Schon am Freitag waren die Gäste wieder da. Die wollten sehen, wie es bei mir ausschaut."

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SZ vom 26.08.2013/wolf
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