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Film:Blickfeldforschung

Das Jugendfilmfestival "Flimmern & Rauschen" geht im Netz über die Bühne - und wagt Neues

Anfang April wäre es wieder so weit gewesen: "Flimmern & Rauschen", Deutschlands ältestes Jugendfilmfestival, hätte im Gasteig an drei Tagen mehr als 15 Stunden lang Werke junger Filmemacher präsentiert. Doch dann kam die Pandemie, und das Festival konnte in seiner seit 1982 bewährten Form nicht stattfinden. Stattdessen gibt es nun von Mittwoch, 17., bis Dienstag, 23. Juni, eine Heimkino-Edition - ähnlich wie das schon beim Dok-Fest im Mai der Fall war. Auch wenn für Thomas Kupser vom Medienzentrum München, dem langjährigen Veranstalter des Festivals, feststeht, dass ein digitales Format nicht die echten Begegnungen ersetzen kann, gibt es doch auch positive Aspekte, die er der coronaangepassten Ausgabe abgewinnen kann. "Wir haben sehr schöne neue Formate entwickelt, die wir sicherlich auch nach der Pandemie beibehalten werden", erklärt Kupser.

Neu sind beispielsweise die zwei "Live-Talks" mit ambitionierten jungen Filmschaffenden auf dem Weg in den Profibereich. Am Donnerstag, 18. Juni, geht es um "Filmemachen im Kollektiv", zu Gast sind Vertreter der erfolgreichen Münchner Filmkollektive "Drehmetrie" und "Zugdirekt", die erneut mit spannenden Projekten beeindrucken. Dazu gehören "Gedankenpalast" und "Kastanien kann man essen" (Drehmetrie) sowie "Hinter dem Point Of No Return" (Zugdirekt). Die Interviews werden im Live-Stream über Youtube übertragen, und die Zuschauer können im Chat über die Kommentarfunktion Fragen an den Filmnachwuchs stellen. Etwa, wie es mit den Hierarchien in der Aufgabenverteilung aussieht. Am Sonntag, 21. Juni, kommen bei "Movies For Future" Filmgruppen zu Wort, die im Umfeld von "Fridays for Future" ihre Themen gewählt haben.

Thematisch breit aufgestellt sind die jungen Filmemacher. Etwa im beklemmend schönen Experimentalfilm „Horazio – The Timekeeper“.

(Foto: Fabian Sigler)

Eine weitere Neuerung, die Thomas Kupser schon jetzt so gut gefällt, dass er sie auch in Zukunft beibehalten will, sind die Einspieler, in denen die jeweiligen Filmemacher ihre Werke anteasern. "Sie führen uns Zuschauer sehr persönlich in ihr Werk ein und sagen, warum man es sich anschauen sollte", sagt Kupser. Etwa die Hälfte der Teilnehmer haben solche Einspieler produziert, teilweise so witzig und einfallsreich, dass die Veranstalter übereingekommen sind, auch dafür einen Preis auszuloben.

Bei der diesjährigen Ausgabe gab es - wie im vergangenen Jahr - erneut einen Rekord an Einreichungen: 120 Filme wurden eingesandt, 73 davon wurden für das Programm ausgewählt, nach Altersgruppen gestaffelt. Dramatische Spielfilme, experimentelle Kurzfilme, spannende Dokumentationen, schräge Komödien, humorvolle Sketche und ziemlich abgefahrene Animationsfilme. Filme der jungen Generation zu Themen, die Heranwachsende interessieren und bewegen. Die Beiträge stammen von Kindergartenkindern, die zum ersten Mal eine Kamera in der Hand halten bis zu jungen professionellen Newcomern unter 27 Jahren. Doch nicht nur die Quantität, auch die Qualität der Einreichungen halte sich auf einem hohen Niveau, sagt Kupser. "Die digitale Filmproduktions-Technik zu beherrschen, ist mittlerweile Standard, wie das funktioniert, haben eigentlich alle gecheckt. Wirklich erstaunlich ist aber, wie großartig sich die jungen Münchner Filmkollektive in den vergangenen Jahren weiterentwickelt haben." Die Gruppen würden immer erfahrener, produzierten immer anspruchsvollere Projekte. "Daraus ist eine sehr lebendige Filmszene hier in München erwachsen."

Als ganz aktuellen Beitrag zur politischen Diskussion kann Thomas Kupser das Webvideo "Against And For", entstanden an der Münchner Filmhochschule, empfehlen.

(Foto: oh)

Bei der Preisverleihung am Freitag, 19. Juni, vergibt die Jury fünf Hauptpreise in verschiedenen Kategorien, dazu kommt noch der Publikumspreis. "Wir organisieren eine festliche Veranstaltung hier im Medienzentrum, senden direkt aus unserem großen Studio, zeigen auch noch einmal die Siegervideos", sagt Kupser.

Sehr spannend findet er "Horazio - The Timekeeper", einen beklemmend schönen Experimentalfilm von Fabian Sigler über ein Mädchen, dessen monotoner, uniformierter Alltagsrhythmus in Schule und Freizeit ganz ohne Sprache, nur mit Musik umgesetzt wird. Auch ein anderes Werk habe mit dem Phänomen der Zeit zu tun: "Layers" vom Filmkollektiv "2und20". "Ein Spielfilm einer ganz neuen Filmgruppe, der sich mit der Frage nach Schuld und Akzeptanz beschäftigt, überlegt, inwieweit ein dramatischer Unfall vermeidbar war und die Zeit sich zurückdrehen lässt", sagt Kupser. Generell sei der Anteil der "reflektierenden Filme", wie es der medienpädagogische Leiter nennt, in diesem Jahr ausgesprochen hoch. "Das zieht sich von der Frage, warum gehe ich ins Kloster, bis hin zu der Frage, inwieweit es sich lohnt, noch Bücher zu schreiben und Filme zu drehen, wo es doch schon so viele tolle Werke gibt."

Als ganz aktuellen Beitrag zur politischen Diskussion kann er das Webvideo "Against And For", entstanden an der Münchner Filmhochschule, empfehlen. Der kurze Essayfilm nach einer Idee von Sheila Stellah, einer Aktivistin der Münchner Gruppe "Beyond Colour", lässt sich im Kontext der "Black Lives Matter"-Proteste lesen und setzt sich mit der Frage auseinander: Wofür kämpfen wir eigentlich? Eindrücklich wird dazu aufgefordert, darüber nachzudenken, ob wir nicht lieber für als gegen etwas sein wollen. Ihren Einspieler beginnen die jungen Filmemacher Quynh Le Nguyen und David Hacke mit Gedanken an George Floyd in den USA. Aber auch in Deutschland gebe es Menschen, die im Zuge von polizeilichen Ermittlungsfehlern zu Tode gekommen seien. Wie der Kurde Amad Ahmad aus Syrien, der aufgrund einer Verwechslung über zwei Monate unschuldig in der Justizvollzugsanstalt Kleve saß, wo er im September 2018 bei einem Brand starb.

Auch ein anderes Werk hat laut Kupser mit dem Phänomen der Zeit zu tun: „Layers“ vom Filmkollektiv „2und20“.

(Foto: Filmkollektiv 2und20)

Infos und Programm: www.bkjff.de/muenchen

© SZ vom 16.06.2020

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