bedeckt München

Erneuter Umbau:Die Schranne, eine Tragikomödie

Schrannenhalle

Blick in die Schrannenhalle, 2012.

(Foto: Stephan Rumpf)
  • Seit der Eröffnung der neuen Schrannenhalle im Jahr 2005 hat noch kein Konzept so richtig funktioniert. Nun soll es mit der italienischen Feinkostkette Eataly endlich klappen.
  • Das ganze Theater um die innerstädtische Halle begann bereits 1978, als der Architekturhistoriker Volker Hütsch die Überreste der Schranne bei Recherchen zu einer Doktorarbeit entdeckte. Lesen Sie hier die ganze Geschichte:

Von Franz Kotteder

Stände mit Lebensmitteln, dazwischen andere, an denen es etwas zu essen und zu trinken gibt - direkt revolutionär ist das Konzept von Eataly für die Schrannenhalle ja nun nicht. Genau genommen passiert so etwas am Viktualienmarkt seit gut 200 Jahren. Und in der Schrannenhalle gehörte das eigentlich auch schon zum Grundkonzept, als sie im September 2005 nach schier endlosem Hin und Her wiedereröffnet wurde.

In der Ausführung freilich hatte die Idee ihre Tücken: So richtig funktioniert hat bis heute kaum etwas, was sich Betreiber und Standinhaber so ausgedacht haben. Was einer von ihnen, der Pizzabäcker Arvis Lokman von "Loko's Südländische Spezialitäten" sagt, bestätigen viele andere: "Man muss schon ganz schön kämpfen, um hier zu überleben." Von Bestand war in den vergangenen neun Jahren vor allem der Wechsel.

Das ganze Theater, eine lange Tragikomödie, begann im Grunde genommen bereits 1978, als der Architekt und Architekturhistoriker Volker Hütsch die Überreste der Halle bei Recherchen zu einer Doktorarbeit auf dem Gaswerksgelände der Stadtwerke in Moosach entdeckte. Dort waren die Bauteile jenes Hallenteils gelagert, der den Brand von 1932 überstanden hatte. Die Schrannenhalle selbst war freilich viel älter. Der damalige Stadtbaumeister Franz Karl Muffat hatte sie zwischen 1851 und 1853 zwischen dem Viktualienmarkt und dem heutigen Marionettentheater beim Sendlinger Tor errichten lassen, als frei stehende, luftige Halle, hauptsächlich für den Getreidemarkt der Stadt. Sie war einer der frühen Eisenkonstruktionen, mithin ein Münchner Industriedenkmal.

Als Ende des 19. Jahrhunderts die Großmarkthalle entstand, verlor die Schrannenhalle rasch an Bedeutung. 1914 wurde der Südteil abgebaut, dort entstand das städtische Hochhaus, das heutige Planungsreferat. Der nördliche Teil aber brannte 1932 weitgehend ab, übrig blieb lediglich der Kopfbau, der später als städtische Freibank genutzt wurde, in der es billiges Fleisch zu kaufen gab, das den normalen Qualitätsanforderungen nicht entsprach und das bei der Fleischbeschau als "bedingt tauglich" durchgefallen war.

Die unendliche Geschichte eines Wiederaufbaus

Nach der Wiederentdeckung des Baudenkmals kamen diverse Politiker, allen voran die Stadträte Franz Forchheimer (CSU) und die spätere Bürgermeisterin Sabine Csampai (Grüne) auf die Idee, einen Teil der Halle dort wieder aufzustellen, wo sie ursprünglich gestanden war. Denn dort war lediglich ein Parkplatz. Ob sie ahnten, was daraus entstehen würde? Wohl kaum. Es dauerte bis 1994, bis sich der Stadtrat grundsätzlich dafür aussprach, die Schrannenhalle wieder aufzubauen. Ein Jahr später ist mit dem Seefelder Unternehmer Helmut Ronstedt ein Investor gefunden, der die Halle wieder aufbauen würde, zwei Jahre später wirft er wieder hin, weil er sich von der Stadt ungerecht behandelt fühlt.

Im September 1998 wird man sich dann mit Klaus Thannhuber, dem Chef der Deutschen Beamtenvorsorge Immobilienholding AG (DBVI), handelseinig. Er soll das Projekt im Erbbaurecht auf 99 Jahre übernehmen. Die DBVI bekommt für eine symbolische Mark die Stahlwerkskonstruktion und will 40 Millionen Mark (etwa 20 Millionen Euro) investieren. Am Ende ist fast das Doppelte fällig, der Wiederaufbau kostet um die 37 Millionen Euro.

Der geht eh ein bisschen schleppend voran, auch weil sich Investor und Stadt vier Jahre lang über Details des Umbaus in die Haare kriegen. Manche im Stadtrat sind auch ganz dagegen, wie Bernhard Fricke, der für die Wählergemeinschaft David gegen Goliath im Rathaus sitzt und im März 2000 auf einen der Bäume an der Prälat-Zistl-Straße klettert und mehrere Tage dort verbringt, um gegen die Fällung zu protestieren. Die Bäume müssen unter anderem einer Tiefgarage weichen, die unter der Schrannenhalle gebaut wird.

Eröffnung im September 2005

Am 5. September 2005 wird die Halle schließlich mit großem Trara eröffnet. Entstanden ist ein typisch münchnerisches Konstrukt aus Hightech, viel Glas, Stahl und ein paar historischen Elementen. Drinnen: eine Mischung aus fast biedermeierlichem Kunsthandwerk, Schampus- und Fressständen und ein wenig Kultur. Die wird immer weniger, auch die Disco im Untergeschoss ist nicht der Hit, der traurige Höhepunkt ist dort 2007 eine Porno-Party.

Ansonsten läuft es in der Markthalle anfangs gut, später floriert nur noch das Wirtshaus Pschorr in der alten Freibank, das bis heute der einzige wirkliche Lichtblick geblieben ist. Investor Thannhuber aber hat sich mit ein paar anderen Geschäften verhoben, es kommt zu Ermittlungen der Staatsanwaltschaft, sogar ein Haftbefehl wird beantragt. Im August 2008 wird die Schrannenhalle unter Zwangsverwaltung gestellt.

Hans Hammer und Eataly

Der heutige Inhaber Hans Hammer übernimmt die 110 Meter lange Halle 2010. Der Immobilien-Unternehmer und Münchner CSU-Schatzmeister sagt, er habe damals schon mit der italienischen Feinkostkette Eataly verhandelt: "Die waren aber gerade dabei, ihre große Filiale in New York aufzubauen und sagten, sie hätten keine Kapazitäten frei." Hammer kam dann auf die ungewöhnlichsten Ideen; er verhandelte mit Madame Tussauds wegen eines Ablegers des berühmten Londoner Wachsfigurenkabinetts und auch mit der amerikanischen Trendmodekette Abercrombie & Fitch. Schließlich kam es zu einem Mix aus Spezialitäten- und Gastroständen, einer Schokoladenerlebniswelt rund um eine lila Kuh und ein großes Käfer-Outlet. Doch alles funktionierte nur so lala, nicht umsonst wollte Michael Käfer schon nach zwei Jahren wieder raus aus der Schrannenhalle.

Ein Grund für Hans Hammer, erneut mit Eataly ins Gespräch zu kommen. Die Italiener haben jetzt Kapazitäten frei und drängen auf den deutschen Markt. Im Spätsommer 2015, zehn Jahre nach der ersten Eröffnung der Schrannenhalle, wollen sie ihren Gourmettempel aufsperren. Die Geschichte geht also noch weiter.

© SZ vom 22.12.2014/tba
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema