Inklusion im Landkreis Erding:"Hier werden wir einfach akzeptiert"

Inklusion im Landkreis Erding: Kunterbunter Kinderfasching: Tanja Kroker tanzt mit der elfjährigen Eva (links) und anderen Kindern im Mehrgenerationenhaus Taufkirchen.

Kunterbunter Kinderfasching: Tanja Kroker tanzt mit der elfjährigen Eva (links) und anderen Kindern im Mehrgenerationenhaus Taufkirchen.

(Foto: Renate Schmidt)

Der Verein "Kunterbunte Familien" ist ein Anlaufpunkt für Eltern mit behinderten Kindern. Vorurteilsfreier Austausch und Spaß stehen im Vordergrund - gerade weil es wenig Räume gibt, in denen das sonst möglich ist. Besuch bei einer besonderen Faschingsfeier.

Von Vivien Götz, Taufkirchen

Ein kleiner Pirat wuselt blitzschnell über den Flur im Mehrgenerationenhaus Taufkirchen. Zielsicher steuert er die Kiste mit Snacks und Süßigkeiten an, die an der Garderobe steht. "Will er wieder zu den Quetschies? War ja klar!", sagt Tanja Kroker lachend. Sie ist als Biene verkleidet - kleine Tiger, Ninjas und ein Fußballspieler kommen gerade zur Tür herein. "Ich bin eine Kuh", tönt es aus einer anderen Ecke. Bei den "Kunterbunten Familien" ist Kinderfasching.

Tanja Kroker, die im Mittelpunkt des wilden Treibens steht, hat die "Kunterbunten Familien" 2011 ins Leben gerufen. Als Ort des Austauschs und der gegenseitigen Unterstützung für Eltern mit behinderten Kindern. "Die Idee ist aus der Not heraus geboren", sagt sie. Denn als 2011 ihr Sohn Levi mit Trisomie 21, dem Down-Syndrom, geboren wurde, gab es im Landkreis keine Anlaufstelle für Eltern mit behinderten Kindern.

Kurz nach Levis Geburt wandte sich Familie Kroker deshalb an eine Selbsthilfegruppe in Altötting. "Wir brauchten dringend jemanden zum Reden", erinnert sich Tanja Kroker. "Wir hatten gerade erst erfahren, dass Levi Down-Syndrom hat und eine Herz-OP braucht, wir hatten riesige Angst." Bei Babys mit Down-Syndrom sind Herzfehler, die eine OP noch im ersten Lebensjahr nötig machen, nicht ungewöhnlich.

In Altötting trafen die Krokers auf eine Familie, deren Kind die OP gut überstanden hatte. "Wir sind aus diesem Treffen raus und waren viel zuversichtlicher", erinnert sich Tanja Kroker. "Zu sehen, dass dieses Kind überlebt hat und quietschfidel ist, war unglaublich erleichternd." Weil die Fahrt nach Altötting auf Dauer keine Option war, entschlossen sich die Krokers, in Erding selbst eine Gruppe zu gründen. Zum ersten Treffen seien vier Elternpaare gekommen, allerdings mit ganz unterschiedlichen Themen und Behinderungen.

"Wir haben uns damals gefragt, ob wir uns nicht lieber nur auf Kinder mit Down-Syndrom spezialisieren sollen, weil wir von anderen Einschränkungen ja keine Ahnung hatten", erinnert sich Tanja Kroker. Aber die anderen Eltern hätten ja auch Unterstützung gebraucht und so wurde die Gruppe für alle geöffnet. "Daher kam dann auch die Idee für den Namen "Kunterbunte Familien", weil wir so gemischt sind", erzählt sie.

Seit der Gründung sind über zehn Jahre vergangen und aus der "Kaffeeklatsch-Runde" der Anfangstage ist ein eingetragener Verein geworden. Auch der Kreis der Eltern ist gewachsen und die Kinder werden inzwischen während der Vereinsnachmittage von Schülerinnen und Schülern des Gymnasiums Dorfen, sogenannten Inklusionshelfern, betreut.

Ein Raum für vorurteilsfreien Austausch

Im Mehrgenerationenhaus hat sich der Anfangs-Trubel inzwischen gelegt. Die Kinder haben sich ihre Betreuer geschnappt und tanzen in der Kinderdisco mit Luftballons und Luftschlangen zu "Zwei kleine Wölfe" und dem Fliegerlied. Die Eltern sitzen im Nebenzimmer und tauschen sich aus.

"Ich bin sehr froh über diese Gruppe, weil man sich einfach so offen sprechen kann", sagt Gabi. Sie kommt mit ihrer elfjährigen Tochter Eva seit etwas mehr als einem Jahr zu den Treffen der "Kunterbunten Familien". Bei Eva wurde das sehr seltene Okur-Chung-Neuroentwicklungs-Syndrom diagnostiziert, erzählt ihre Mutter. Vor allem ihre sprachliche Entwicklung sei verzögert.

"Man fühlt sich einfach verstanden, wird nicht verurteilt und kann auch über belastende Themen sprechen", sagt die 52-Jährige. Dafür gebe es sonst oft wenig Verständnis. Desirée, die Mutter von Benni, dem kleinen Piraten mit der Vorliebe für Süßigkeiten, hat ähnliche Erfahrungen gemacht. "Es ist schon hart, was einem alles an den Kopf geworfen wird", sagt sie.

Benni ist vier und hat Trisomie 21, genau wie Krokers Sohn Levi. Die Diagnose stand erst im fünften Monat der Schwangerschaft fest, trotzdem musste Bennis Mutter sich rechtfertigen, als sie sich gegen eine Abtreibung entschied. Auch im Krankenhaus bei der Geburt sei sie immer wieder gefragt worden, warum sie denn nicht abgetrieben habe, erinnert sich die 42-Jährige.

Am verletzendsten finden es die beiden Mütter, wenn Menschen ihre Kinder ablehnen, ohne sie überhaupt zu kennen. "Das sind doch auch Menschen und sie haben keine Berührungsängste. Sie wollen einfach spielen und Spaß haben, so wie andere Kinder auch", sagt Gabi mit Nachdruck. Beide Mütter wollen nicht mit vollem Namen in der Zeitung stehen. In der Vergangenheit hat der Verein mit Reaktionen auf Presseberichte teilweise schlechte Erfahrungen gemacht.

Jugendliche helfen bei der Kinderbetreuung

Während die Eltern sich unterhalten, kommen immer wieder Kinder mit ihren Inklusionshelfern im Schlepptau an den Tisch, kuscheln mit ihren Eltern, schnappen sich ein Stück Kuchen und rennen danach zurück zum Spielen in die Turnhalle. Dort wurde in der Zwischenzeit ein großes Schwungtuch ausgepackt und die Kinder lassen den bunten Stoff immer wieder hochfliegen und flitzen kreischend und lachend darunter hindurch.

Die Inklusionshelfer sollen nicht nur die Kinder unterhalten und das Programm der Nachmittage gestalten, sondern gleichzeitig die Eltern entlasten und ihnen den Austausch untereinander ermöglichen. Auch diese Idee entstand in einer Notlage, wie Tanja Kroker erzählt: "Als die Kinder größer wurden, hat das Halligalli zugenommen und es war klar, dass wir sie irgendwie betreuen müssen", erinnert sie sich.

Kroker ist Musiklehrerin am Gymnasium Dorfen und der stellvertretende Schulleiter Wolfgang Lanzinger unterstütze sie bei der Idee, Schüler und Schülerinnen in die Betreuung der behinderten Kinder einzubinden. "Mir liegen die Kunterbunten schon sehr am Herzen", sagt Lanzinger, der auch zum Faschingsnachmittag gekommen ist.

Inzwischen ist die Mitarbeit bei den "Kunterbunten Familien" Teil des Wahlunterrichts am Gymnasium Dorfen. Zusammen mit Kroker und einer Kollegin bereiten die Schülerinnen und Schüler die Nachmittage vor. Einmal im Monat sind sie dann im Mehrgenerationenhaus dabei und kümmern sich um die "Kunterbunties". Jedem Kind ist dabei ein Inklusionsbetreuer zugeteilt. Kroker und ihre Kollegin stehen bei Fragen und Problemen immer zur Verfügung.

Inklusion im Landkreis Erding: Mit dem Sozialpreis hat der Landkreis Erding vor Kurzem Tanja Kroker und ihren Mann Markus vom Verein "Kunterbunte Familien" ausgezeichnet, links Landrat Martin Bayerstorfer.

Mit dem Sozialpreis hat der Landkreis Erding vor Kurzem Tanja Kroker und ihren Mann Markus vom Verein "Kunterbunte Familien" ausgezeichnet, links Landrat Martin Bayerstorfer.

(Foto: Renate Schmidt)

Für dieses besondere Konzept wurden die "Kunterbunten Familien" Anfang Januar mit dem Sozialpreis des Landkreises Erding ausgezeichnet. "Sie geben Menschen Antworten und führen die Jugend an das Ehrenamt heran", sagte Sozialministerin Ulrike Scharf bei der Preisverleihung.

Marc Galizki-Seisenberger ist 16 und einer der Jugendlichen, die beim Kinderfasching im Mehrgenerationenhaus als Inklusionshelfer dabei sind. Seit über einem Jahr ist er der Betreuer von Krokers Sohn. Levi mache am liebsten Sport, sie spielen oft Fußball oder Basketball zusammen, erzählt Marc. "Es macht Spaß, es ist total schön, den Kindern ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern", sagt er zu seinem Ehrenamt.

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