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Museum Erding:"Klopapier wird sicher auch nicht fehlen"

Sammlungsobjekt: ein seltenes Häkel-Virus.

(Foto: Renate Schmidt)

Das Museum Erding hat als eines der ersten Häuser mit dem Sammeln von Corona-Objekten begonnen - und damit bundesweit für Aufsehen gesorgt. Leiter Harald Krause hofft auf weitere Einsendungen.

Interview von Regina Bluhme

Das Museum Erding ist aufgrund der Corona-Pandemie seit über einem Monat geschlossen, und doch kann sich das Haus über mangelnde Aufmerksamkeit nicht beklagen. Bundesweit haben kürzlich Radiosender und Magazine aus Erding berichtet. Das Museum war eines der ersten, das in Bayern begonnen hat, Objekte der Corona-Krise zu sammeln. Die Landkreisbewohner sind aufgerufen, Dokumente eines Alltags mit Ausgangssperre und Ladenschließungen aufzubewahren und auf Fotos und Videos festzuhalten. Inzwischen sind schon mehr als vierzig Online-Einsendungen eingegangen. Die Bilder reichen vom leergekauften Klopapierregal bis zum gehäkelten Corona-Kugel-Mobile. Ein Gespräch mit Museumsleiter Harald Krause über eine museumsreife Gegenwart und die Geschichte einer abgebrannten Osterkerze.

SZ: Herr Krause, das Coronavirus hat es jetzt also ins Museum geschafft. Wie war die Resonanz auf den Aufruf, den Alltag der Krise zu dokumentieren?

Harald Krause: Ich muss sagen, es ging wie ein Lauffeuer durch ganz Deutschland. Zahlreiche Medien wie zum Beispiel Radiosender, das Fernsehen, die Bayerische Staatszeitung, Welt, Focus und die Deutsche Presseagentur haben über unseren Sammelaufruf berichtet.

Waren die Erdinger die ersten mit dieser Idee?

Wir, also Sammlungsleiterin Elisabeth Boxberger und ich, haben uns ein bisschen vom Sammelaufruf des Wien Museums in Österreich inspirieren lassen. Inzwischen sind viele andere große Landes- und Stadtmuseen auch aktiv. Wir waren somit nicht die ersten, aber wir waren sehr früh dran und - darauf bin ich stolz - die ersten in Bayern. Gestartet sind wir, und das war damals natürlich kein Scherz, am 1. April.

War Ihr Aufruf erfolgreich?

Das Museum Erding mit seinem Leiter Harald Krause hat mit der Dokumentation der Corona-Zeit bereits begonnen.

(Foto: Renate Schmidt)

Unser Aufruf war durchaus erfolgreich. Einsendungen von mehr als vierzig Personen aus ganz Deutschland haben wir bereits online erhalten. Es haben sich Menschen aus Berchtesgaden, aus Würzburg, bis aus Mannheim gemeldet. Unser Fokus liegt dabei natürlich auf Objekten aus Stadt und Landkreis Erding. Wir werden vieles davon aufnehmen und dokumentieren, mit Inventarnummer versehen und in die Datenbank eingeben. Ein Corona-Museum wollen wir aber nicht werden. Uns geht es um die bildhafte Alltags-Dokumentation in Zeiten von Kontakt- und Ausgangssperren und staatlich verordneten Geschäftsschließungen. Ob und wie beziehungsweise wann wir dann die Corona-Objekte auch ausstellen, muss sich noch zeigen.

Was haben die Menschen an Corona-Objekten eingeschickt?

Zum Beispiel Fotos von verschiedenen Zetteln, mit denen Geschäftsinhaber an ihrer Tür oder im Schaufenster über die Ladenschließung informieren. Das ist ganz interessant. Einige verabschieden sich mit perfekt ausgedruckten guten Wünschen von der Kundschaft, manche sogar auf bayrisch, andere wünschen noch gute Gesundheit und bitten darum, dass Kunden die Treue halten. Andere haben nur kurz ein paar Zeilen mit Kugelschreiber notiert - vermutlich ein Zeichen, dass es rasch gehen musste.

Klopapier wird sicher auch nicht fehlen. Wir haben natürlich auch Fotos von leeren Klopapierregalen in Geschäften erhalten. Überhaupt Bilder von leergekauften Regalen aus Zeiten der Hamsterkäufe. Weiter gibt es Fotos von Menschen mit Mundschutz. Und da gerade Ostern war, gibt es auch Bilder von selbstgebastelten Osterhasen mit Mundschutz. Ein Einsender hat uns sogar ein Corona-Gedicht auf bayerisch überlassen.

Das selbstgehäkelte Corona-Mobile ist mittlerweile ja fast berühmt.

Eine Dame aus Bad Wiessee hat unter Quarantäne ein Mobile gehäkelt, das aus einem Erdball besteht, den drei Corona-Viren umkreisen. Im Moment haben wir das nur als Foto, aber später einmal werden wir es in die Sammlung aufnehmen können. Sie schenkt es dem Museum Erding.

Was hat Sie besonders beeindruckt?

Sehr beeindruckt hat mich die bis auf den Stumpen heruntergebrannte Osterkerze, die die Mesnerin von St. Martin in Langengeisling abgegeben hat. Weil ja heuer wegen der Versammlungsverbote keine Gottesdienste in den Wochen vor und an Ostern selber stattfinden durften, hat man die Kerze einfach brennen lassen für alle, die zum stillen Gebet in die Kirche gekommen sind. Und so ist die Osterkerze 2019 die erste Langengeislinger Osterkerze, die bis ganz nach unten abgebrannt ist. Das ist für unsere Sammlung natürlich etwas ganz Besonderes. Und auch schön, weil wir dazu auch eine persönliche Schilderungen erhalten, die unmittelbare Emotionen mitten in der Krise widerspiegeln.

Die Erdinger sollen weiter sammeln.

Für uns ist alles interessant, was den Alltag betrifft, beruflich oder privat. Das kann eine Hinweistafel sein, das kann ein Foto sein, wie bei der Erdinger Tafel mit Mundschutz Lebensmittel ausgegeben werden, das kann ein Foto sein, wie zwei Kinder allein vor sich hinkicken, ein leeres Flughafenterminal, ein Foto vom Home-Office oder die Warteschlangen am Grünen Markt: einfach von den Verhaltensmustern, die jetzt normal sind.

Fehlt Ihnen noch ein Aspekt?

Was uns tatsächlich fehlt, sind Einsendungen von denen, die aktuell quasi "im Verborgenen" unglaublich fleißig sind - im Gesundheitswesen, in den Krankenhäusern und in der Pflege beziehungsweise in den Verwaltungen und Ämtern. Wir haben bislang keine Fotos vom Arbeitsalltag. Interessant wäre zum Beispiel ein von gebrauchten Gesichtsmasken überquellender Mülleimer im Klinikum Erding. Denn ich finde es besonders wichtig, für die Nachwelt zu dokumentieren, was diese Menschen während der Corona-Pandemie für die Gesellschaft geleistet haben. Und nicht nur den sichtbaren Stillstand im öffentlichen Leben.

Auch ein gebastelter Osterhase mit Mundschutz ist in der Sammlung vertreten.

(Foto: Renate Schmidt)

Der Alltag wird nicht in der Rückschau dokumentiert, sondern eins zu eins in der Gegenwart.

Das ist für uns wirklich spannend. Das Museum Erding muss in weiter Zukunft nicht auf Zeitzeugen zurückgreifen, die vor 50 Jahren Mundschutz während Corona geschneidert haben. Wir können jetzt Dokumente aus dem aktuellen Alltag erhalten und sind umso näher dran, da wir ja selbst auch Zeitzeugen sind. Besonders wichtig sind die persönlichen Beschreibungen. Das ist etwas anderes als "stumme" Impfbücher und Lebensmittelkarten aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Für uns wäre deswegen auch sehr wertvoll, wenn uns jemand einen Bescheid oder Laborbericht über Corona-Testungen zuschickt - egal, ob mit positiven oder negativen Befund. Hohe Sammlungsrelevanz hätte auch die Nachricht des Arbeitgebers über verordnete Kurzarbeit.

Was wollen Sie mit der Corona-Sammlung erreichen?

Wir wollen zum einen den tief greifenden Stillstand dokumentieren, zum anderen den Fleiß der vielen Menschen - also die vielfältigen die Auswirkungen der Corona-Maßnahmen auf den individuellen Lebensalltag. Dabei ist uns im Zuge des Sammelns die Interaktion von Stadtgemeinschaft und Museum besonders wichtig. Wobei wir selbstverständlich auch schon vor Corona punktuell das Alltagsgeschehen in Erding dokumentiert haben.

Herr Krause, was symbolisiert für Sie persönlich die Corona-Krise?

Für mich ist es diese unglaubliche Ruhe. Nur wenige Kondensstreifen am Himmel von den Flugzeugen. Und wenn ich frühmorgens aus dem Fenster sehe, sehe ich die nahezu leeren Straßen und Gehsteige - ein ganz anderes Erding. Ein wenig schaurig schon! Auch das werden wir im Museum durch eigene Fotostrecken dokumentieren.

Fotos können unter Angabe des Bildrechteinhabers und einer kurzen Beschreibung und Datierung unter der E-Mail museum@erding.de an das Museum Erding geschickt werden. Objekte sollen daheim gesammelt werden und erst zum Museum gebracht werden, wenn das Haus wieder geöffnet ist.

© SZ vom 25.04.2020/pvn
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