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Equal Pay Day:"Ach so, Sie sind eine Frau! Ich habe mit einem Mann gerechnet."

Im Cockpit, auf Dächern oder in einer Führungsposition bei der Polizei: In vielen Berufen trifft man auf wenige Frauen. Doch es gibt auch Branchen, in denen die Männer die Exoten sind.

Von Inga Rahmsdorf

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Auf den Dächern

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Quelle: Alessandra Schellnegger

Heidi Löffler wollte Erzieherin werden, bis sie ein Praktikum in einer Kita machte und feststellte: "Mei, das ist ja überhaupt nichts für mich." Heute ist sie Spenglermeisterin und leitet ihren eigenen Dachdeckerbetrieb in München. "Mein Traumjob", sagt sie. Die 27-Jährige ist eine der ganz wenigen Frauen in der Branche. "Ja, manchmal gibt es auf den Baustellen schon Männer, die komisch schauen", sagt sie. Oft seien auch Kunden zunächst irritiert: "Ach so, Sie sind eine Frau! Ich habe mit einem Mann gerechnet." Aber so schlimm sei es auf dem Bau überhaupt nicht für Frauen. "Du musst halt gut sein. Und wahrscheinlich musst du immer einen Ticken besser sein als ein Mann", sagt sie. Löffler kann sich keinen schöneren Beruf vorstellen. Die Arbeit sei sehr abwechslungsreich, und es mache viel Spaß zum Beispiel so ein schönes Blechdach wie auf dem Justizpalast zu reparieren. Frauen rät sie, einfach mal mitzukommen und es auszuprobieren.

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In der Kita

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Quelle: Catherina Hess

Irgendetwas Handwerkliches wollte René Seipel machen. Er probierte verschiedene Branchen aus, begann eine Ausbildung als Elektrotechniker, arbeitete als Metallbauer und Veranstaltungstechniker. Alles ganz interessant, dachte er sich, doch immer kamen ihm auch Zweifel, ob es das Richtige sei. Bis er endlich durch Zufall seinen Traumberuf entdeckte: Kinderpfleger. Dabei hatte er zuvor noch nie an einen sozialen Beruf gedacht, hatte überhaupt keine Erfahrungen mit Kindern. 2017 hat der 25-Jährige die Ausbildung zum Kinderpfleger abgeschlossen und arbeitet nun im Kinderhaus vom Kinderschutzbund München. "Die Arbeit macht mir unglaublich viel Spaß und ist wahnsinnig abwechslungsreich", sagt er. Seine Chefinnen hätten ihm gerade anfangs sehr geholfen. Und er ist begeistert, sein Hobby in den Beruf einbringen zu können. Seipel ist der Musiker in der Kita. Er singt, spielt Schlagzeug, Gitarre, Klavier und Bass - zur Begeisterung der Kinder.

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Im Cockpit

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Quelle: Marco Einfeldt

Wenn Cordula Pflaum vor einem Langstreckenflug aus dem Cockpit tritt und sich in der First Class persönlich vorstellt, ist die Überraschung immer noch groß. Darüber, dass eine Frau das Flugzeug steuert. Vor 28 Jahren hat Pflaum den Eignungstest für Piloten bestanden und ihre Ausbildung bei der Lufthansa begonnen. Seitdem arbeitet sie in dem Unternehmen. Seit 13 Jahren trägt sie vier Streifen auf der Uniform und hat als Kapitänin damit den höchsten Ausbildungsgrad im Cockpit erreicht. Und die 48-Jährige bildet selbst Piloten aus. "Ein faszinierender und abwechslungsreicher Beruf." Pflaum schätzt es, ein Team an Bord zu führen und die Verantwortung für 300 Passagiere zu tragen. "Und es ist toll, jeden Tag die Sonne zu sehen und die Welt zu entdecken." Von den 5000 Piloten bei der Lufthansa sind sechs bis sieben Prozent weiblich. "Ich bin zwar in einer Männerdomäne unterwegs, aber es ist ein sehr direkter und fairer Umgang mit den Kollegen."

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Im Pflegeheim

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Quelle: Catherina Hess

"Es ist kein Beruf, sondern eine Berufung", sagt Enrico Büttner. Der ausgebildete Altenpfleger hat schon Zivildienst im Pflegeheim gemacht. Seitdem steht für ihn fest, dass er hier seinen Traumberuf gefunden hat. "Und seitdem bin ich auch mit dem Herzen dabei", sagt der 41-Jährige. Büttner arbeitet in einem Seniorenwohnheim der Münchenstift. Unter den knapp 2000 Mitarbeitern sind 535 Männer. Mit knapp 28 Prozent liegt Münchenstift damit über dem bundesweiten Durchschnitt von etwa 23 Prozent Männern in der Altenpflege. Für Büttner war das nie ein Thema. Entscheidend sei, dass einem die Arbeit Spaß mache. Klar, manchmal schlauche sie auch, aber in welchem Beruf ist das nicht so? "Besonders schön ist es, die Dankbarkeit zu spüren." Oft ohne Worte. Wenn Büttner die leuchtenden Augen der Bewohner sieht, ist das immer motivierend. Aber es ärgert ihn, dass Altenpfleger oft nur in negativen Kontexten in den Medien auftauchen würden.

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Auf dem Revier

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Quelle: Alessandra Schellnegger

Von den 25 Polizeiinspektionen in München wird nur eine von einer Frau geleitet. Andrea Ortmayr ist seit fast zehn Jahren Chefin der Inspektion 22 in Bogenhausen. Eine extrem vielfältige Arbeit, sagt die 44-Jährige. "Ich bin auf Einsätzen unterwegs und auch nah dran an den Menschen." Als sie 1992 in Altötting bei der Polizei anfing, waren Frauen in Uniform noch etwas ganz Außergewöhnliches. Das habe sich zum Glück geändert. "Unsere schärfste Waffe ist das Wort, und das können Frauen und Männer gleich gut." Dass Frauen bei der Polizei bisher kaum in Führungspositionen vertreten sind, ändere sich zwar, aber leider nur langsam. "Man muss sich klar werden, was man möchte." Gemeinsam mit ihrem Mann hat sie überlegt und entschieden, wie sie Beruf und zwei Kinder vereinbaren können. Klar sei aber auch, wenn man Karriere machen möchte, dann sei das mit Abstrichen im Privatleben verbunden. Das sei immer eine individuelle Entscheidung.

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Im Kosmetikstudio

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Quelle: Stephan Rumpf

Marco Hörder ist Kosmetiker und damit als Mann ein absoluter Exot. Die Branche liegt fast vollständig in weiblichen Händen. Der 39-Jährige hat zunächst als ausgebildeter Krankenpfleger in einer Klinik gearbeitet. In der Abendschule hat er dann noch eine Ausbildung als Kosmetiker absolviert. Zusammen mit seiner Schwester hat Hörder vor 14 Jahren ein eigenes Kosmetikstudio gegründet, das Redröh im Westend. Nägel modellieren, Waxing, Haarentfernung mit dem Laser, Gesichtsbehandlung, es sei ein wahnsinnig abwechslungsreicher Beruf. Ja, Hörder muss sich schon immer ein bisschen dafür rechtfertigen und erklären, dass er als Mann Kosmetiker ist. Auch viele Kunden reagieren zunächst überrascht auf ihn. Aber das lege sich ganz schnell. Entscheidend sei schließlich die Kompetenz. "Es gibt auch Kunden, die lieber zu Männern gehen." Und Männern würde es häufig die Hemmschwelle nehmen, überhaupt ein Kosmetikstudio zu betreten.

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Hinterm Steuer

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Quelle: Catherina Hess

Warum eigentlich nicht? Das fragte sich Renata Adamu, als sie ein Werbeplakat sah, auf dem die MVG um Busfahrer warb. Mal etwas Neues ausprobieren. Adamu hatte zwar schon Lastwagen gefahren, weil sie in der Firma ihres Mannes mithalf, doch dass sie eines Tages als Busfahrerin arbeiten würde, darüber hatte sie nie nachgedacht. Im Juni 2017 begann sie mit dem Lehrgang und seitdem lenkt die 43-Jährige Linienbusse durch die Stadt. "Es macht viel Spaß und wird nie langweilig. Jeden Tag fahre ich eine andere Linie und treffe viele interessante Leute." Viele Passagiere sind schon erstaunt, eine Frau hinter dem Steuer zu sehen - nur fünf Prozent der MVG-Busfahrer sind weiblich -, doch alle würden positiv reagieren, besonders ältere Damen. Und manche Männer, die beim Einsteigen noch skeptisch schauen, sagen beim Aussteigen dann: "Sie sind super gefahren." Adamu würde sich auch mehr Kolleginnen wünschen. "Das ist gar nicht schwer."

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In der Praxis

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Quelle: Alessandra Schellnegger

"Guten Tag, Herr Doktor." Mit diesen Worten wird Matthias Glasow oft begrüßt. Dabei gibt es in der dermatologischen Praxis nur eine Frau Doktor, Isabell Sick, und das ist die Chefin von Glasow. Der 30-Jährige ist seit fünf Jahren medizinischer Fachangestellter und damit als Mann noch eine Seltenheit. Nur vier Prozent in dem Beruf sind männlich. An der städtischen Berufsschule sind derzeit von 1225 Auszubildenden 53 Männer. Dabei sei es ein sehr schöner und unheimlich abwechslungsreicher Beruf, so Glasow. Er ärgert sich nur, wenn er als Arzthelfer bezeichnet wird. "Wir helfen nicht nur, wir machen auch Vieles selbstständig." Zudem gebe es auch viele Aufstiegs- und Weiterbildungsmöglichkeiten. "Nur die Entlohnung ist überhaupt nicht leistungsgerecht", sagt er. Daher engagiert er sich auch in der Gewerkschaft. Würde seine Chefin ihn nicht übertariflich bezahlen, bräuchte er einen Zweitjob, um sich ein Leben in München überhaupt leisten zu können.

© SZ vom 17.03.2018/amm

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