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Engpässe in der Geburtshilfe:Bizarr: Deutschland kämpft um Nachwuchs und München strauchelt im Babyboom

Es ist eine bizarre Situation: Deutschland kämpft verzweifelt und mit allen erdenklichen familienpolitischen Maßnahmen um mehr Nachwuchs. In vielen Kommunen müssen Geburtsabteilungen schließen, weil nicht mehr genügend Kinder zur Welt kommen. München hingegen verzeichnet jährlich einen neuen Babyboom - und kommt dem Andrang in den Kreißsälen nicht mehr hinterher.

Die Frauenklinik des Rotkreuzklinikums hat im Jahr 2013 mit etwa 3300 Geburten gerechnet. Entbunden haben dann fast 3600 Frauen. Noch deutlicher sind die Zahlen des Städtischen Klinikums Schwabing: Ausgelegt sind die Kapazitäten dort eigentlich für jährlich 1200 Geburten. 2014 kamen in dem Krankenhaus, das drei Kreißsäle hat, etwa 2100 Kinder zur Welt. "Es boomt", sagt Raphael Diecke, Sprecher des Städtischen Klinikums, ein Ausbau sei nötig und auch geplant. Das Schwabinger Klinikum soll künftig Platz für 3000 Geburten bieten. "Trotzdem ist bei uns noch keine Schwangere abgewiesen worden", so Diecke. Das sei allerdings nur durch den Klinikverbund möglich. In Einzelfällen seien Frauen an eine der anderen beiden städtischen Geburtskliniken verwiesen worden.

Es gibt Krankenhäuser, bei denen sollte man nach der Zeugung eines Kindes nicht zu lange mit der Geburtsanmeldung warten, wie im Klinikum Dritter Orden. Idealerweise, heißt es dort, sollte man sich bis zur achten Schwangerschaftswoche angemeldet haben. Ein Zeitpunkt, zu dem viele Frauen gerade erst wissen, dass sie schwanger sind. Anders sah es bis vor kurzem im Rotkreuzklinikum aus, als noch "jede Schwangere zur Geburt willkommen" war, sagt Sprecherin Julia von Grundherr. Doch dann ist auch die Frauenklinik an ihre Grenzen gestoßen. Die Anmeldezahl wurde gedeckelt. Im Jahr 2014 mussten 220 Frauen, die angemeldet waren, verlegt werden. Grund dafür war auch das Problem, Personal zu finden.

"Hebammen sind oft am Rande dessen, was sie leisten und verantworten können."

Der Mangel an Hebammen war zwischenzeitlich so stark, dass die Klinik sich "häufig mindestens einmal täglich" vom Münchner Notruf-System Ivena abmelden musste, sagt die Sprecherin. Zudem mussten "einige wenige Frauen mit beginnenden Wehen in andere Krankenhäuser verlegt werden". Was trotz Kollegialität nicht immer einfach gewesen sei, weil auch die anderen Häuser überfüllt waren. Ebenso häufig wie das Rotkreuzklinikum um einen Platz bat, wurde es von anderen Krankenhäusern angefragt.

Astrid Giesen, Vorsitzende des Bayerischen Hebammen Landesverbands (HBLV) hat beobachtet, dass in jüngster Zeit reihenweise Hebammen in großen Kliniken gekündigt hätten. Gleichzeitig hat die Zahl der freiberuflichen Hebammen in München deutlich zugenommen. Grund dafür sei vor allem die gestiegene Arbeitsbelastung in großen Kliniken bei geringer Bezahlung, so Giesen. In München müssten Hebammen meist drei bis vier Frauen gleichzeitig bei der Geburt betreuen. Ideal wäre eine Eins-zu-eins-Betreuung. "Sie sind oft am Rande dessen, was sie leisten und verantworten können." Der Personalschlüssel sei veraltet und entspreche nicht mehr den aktuellen Anforderungen.

Um die Situation zu verbessern, hat das Rotkreuzklinikum nun zusätzlich freiberufliche Hebammen aufgenommen. Auch die RGU-Befragung hat ergeben, dass Kliniken, die mit freiberuflichen Hebammen arbeiten, besser in der Lage sind, bei hohem Andrang die Versorgung zu sichern. In Kliniken mit vielen Geburten sei es attraktiver, freiberuflich zu arbeiten, weil die Bezahlung besser sei und man sich die Zeit besser einteilen kann. "Es ist eine wunderschöne Arbeit", sagt Giesen, "aber auch ein anstrengender Knochenjob."

© SZ vom 25.04.2015/angu
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