Süddeutsche Zeitung

Engpässe in der Geburtshilfe:Mit Wehen in der Warteschlange

  • Die Münchner Geburtskliniken müssen Hunderte Schwangere vor der Geburt abweisen, sogar wenn die Wehen schon eingesetzt haben.
  • Bis 2025 rechnet die Stadt mit einem Geburtenanstieg um elf Prozent. Die Kapazitäten für die Geburtshilfe wachsen nicht so schnell mit.
  • Zuweilen melden die Kliniken sich tageweise bei der Rettungsleitstelle ab, weil sie keine Schwangeren mehr aufnehmen können.

Von Inga Rahmsdorf

In Filmen sind es meist dramatische Szenen, mit quietschenden Autoreifen, und auf dem Rücksitz windet sich schreiend die schwangere Frau. Die Wirklichkeit sieht oft wesentlich unspektakulärer aus, wenn die Wehen einsetzen und eine Frau sich in die Geburtsklinik begibt. Unerwartet aufregend kann es allerdings doch noch vor dem Kreißsaal werden, zumindest wenn die Schwangere in ein Münchner Krankenhaus fährt. Dort kann es ihr passieren, dass sie abgewiesen wird - selbst wenn sie sich frühzeitig für die Geburt angemeldet hatte -, weil gerade kein Kreißsaal frei ist und alle Hebammen bereits völlig ausgelastet sind.

Diese Situation ist nicht die Regel, sie kommt aber offenbar in München immer häufiger vor. Was nicht überrascht, wenn man einmal ganz nüchtern die Zahlen ansieht: Im Jahr 2003 wurden in Münchner Krankenhäusern etwa 17 600 Kinder geboren. Zehn Jahre später, 2013, waren es schon 20 700 Babys. Und künftig werden die Zahlen wohl weiter steigen. Bis 2025 rechnet die Stadt mit einem Anstieg der Geburten um weitere elf Prozent. Doch die Kapazitäten für die Geburtshilfe wachsen nicht so schnell mit.

Bis zu 800 Frauen wurden selbst nach Einsetzen der Wehen abgewiesen

Das Referat für Gesundheit und Umwelt (RGU) hat alle elf Münchner Geburtskliniken zu ihrer Situation im Jahr 2014 befragt. Herausgekommen ist ein Ergebnis, das nicht überrascht in der schnell wachsenden Stadt, das aber Kommunalpolitiker und Kliniken aufrütteln müsste und werdende Eltern in Unruhe versetzen könnte: Bis auf eine Privatklinik melden alle Krankenhäuser Engpässe bei der Geburtshilfe. Demnach wurden 2014 insgesamt 600 bis 800 Frauen vor der Geburt und auch noch nach Einsetzen der Wehen in Kliniken abgewiesen. Wenn es keine Komplikationen gibt, mag es medizinisch unproblematisch sein, eine Frau in Wehen weiterzuschicken. Hebammen betonen aber, dass sich Stress negativ auf den Geburtsverlauf auswirken kann.

Bei sieben der elf Geburtskliniken kam es zudem vor, dass sie sich stunden- oder tageweise bei der Rettungsleitstelle abmeldeten, weil sie keine Schwangeren mehr aufnehmen konnten. Das Fazit des Gesundheitsreferenten Joachim Lorenz (Grüne) fällt deutlich aus: In Münchens Geburtskliniken müssen dringend Personal aufgestockt und Räume ausgebaut werden. Das RGU will sich im Sommer mit Vertretern der Kliniken und des Freistaats zu Fachgesprächen treffen, um die Situation zu verbessern. Es gebe dringenden Handlungsbedarf, sagt auch Hans Theiss, gesundheitspolitischer Sprecher der CSU im Stadtrat.

2100 Kinder

sind im Jahr 2014 im Städtischen Klinikum Schwabing auf die Welt gekommen. Ausgelegt sind die Kapazitäten in dem Krankenhaus, das drei Kreißsäle hat, für jährlich nur 1200 Geburten. Wie stark die Geburtenzahlen steigen, zeigt auch die Statistik für alle Münchner Krankenhäuser: 2003 wurden in der Stadt 17 600 Kinder geboren, im Jahr 2013 waren es bereits 20 700 Säuglinge - und die Stadt rechnet bis 2025 mit einem Anstieg der Geburten um weitere elf Prozent.

Dabei geht es nicht nur um die Geburtshilfe selbst. Ingo Mittermaier, SPD-Stadtrat und Arzt, warnt zudem davor, dass auch die sechs Geburtskliniken überlastet sind, die über ein Perinatalzentrum verfügen, somit eine besondere Versorgung bei Komplikationen wie Frühgeburten anbieten können. Das sei ein wichtiges Entscheidungskriterium für viele Eltern. Engpässe auf Früh- und Neugeborenenintensivstationen könnten "Auswirkungen auf die Überlebenschancen und lebenslange Gesundheit der Kinder" haben, so Lorenz.

Bizarr: Deutschland kämpft um Nachwuchs und München strauchelt im Babyboom

Es ist eine bizarre Situation: Deutschland kämpft verzweifelt und mit allen erdenklichen familienpolitischen Maßnahmen um mehr Nachwuchs. In vielen Kommunen müssen Geburtsabteilungen schließen, weil nicht mehr genügend Kinder zur Welt kommen. München hingegen verzeichnet jährlich einen neuen Babyboom - und kommt dem Andrang in den Kreißsälen nicht mehr hinterher.

Die Frauenklinik des Rotkreuzklinikums hat im Jahr 2013 mit etwa 3300 Geburten gerechnet. Entbunden haben dann fast 3600 Frauen. Noch deutlicher sind die Zahlen des Städtischen Klinikums Schwabing: Ausgelegt sind die Kapazitäten dort eigentlich für jährlich 1200 Geburten. 2014 kamen in dem Krankenhaus, das drei Kreißsäle hat, etwa 2100 Kinder zur Welt. "Es boomt", sagt Raphael Diecke, Sprecher des Städtischen Klinikums, ein Ausbau sei nötig und auch geplant. Das Schwabinger Klinikum soll künftig Platz für 3000 Geburten bieten. "Trotzdem ist bei uns noch keine Schwangere abgewiesen worden", so Diecke. Das sei allerdings nur durch den Klinikverbund möglich. In Einzelfällen seien Frauen an eine der anderen beiden städtischen Geburtskliniken verwiesen worden.

Es gibt Krankenhäuser, bei denen sollte man nach der Zeugung eines Kindes nicht zu lange mit der Geburtsanmeldung warten, wie im Klinikum Dritter Orden. Idealerweise, heißt es dort, sollte man sich bis zur achten Schwangerschaftswoche angemeldet haben. Ein Zeitpunkt, zu dem viele Frauen gerade erst wissen, dass sie schwanger sind. Anders sah es bis vor kurzem im Rotkreuzklinikum aus, als noch "jede Schwangere zur Geburt willkommen" war, sagt Sprecherin Julia von Grundherr. Doch dann ist auch die Frauenklinik an ihre Grenzen gestoßen. Die Anmeldezahl wurde gedeckelt. Im Jahr 2014 mussten 220 Frauen, die angemeldet waren, verlegt werden. Grund dafür war auch das Problem, Personal zu finden.

"Hebammen sind oft am Rande dessen, was sie leisten und verantworten können."

Der Mangel an Hebammen war zwischenzeitlich so stark, dass die Klinik sich "häufig mindestens einmal täglich" vom Münchner Notruf-System Ivena abmelden musste, sagt die Sprecherin. Zudem mussten "einige wenige Frauen mit beginnenden Wehen in andere Krankenhäuser verlegt werden". Was trotz Kollegialität nicht immer einfach gewesen sei, weil auch die anderen Häuser überfüllt waren. Ebenso häufig wie das Rotkreuzklinikum um einen Platz bat, wurde es von anderen Krankenhäusern angefragt.

Astrid Giesen, Vorsitzende des Bayerischen Hebammen Landesverbands (HBLV) hat beobachtet, dass in jüngster Zeit reihenweise Hebammen in großen Kliniken gekündigt hätten. Gleichzeitig hat die Zahl der freiberuflichen Hebammen in München deutlich zugenommen. Grund dafür sei vor allem die gestiegene Arbeitsbelastung in großen Kliniken bei geringer Bezahlung, so Giesen. In München müssten Hebammen meist drei bis vier Frauen gleichzeitig bei der Geburt betreuen. Ideal wäre eine Eins-zu-eins-Betreuung. "Sie sind oft am Rande dessen, was sie leisten und verantworten können." Der Personalschlüssel sei veraltet und entspreche nicht mehr den aktuellen Anforderungen.

Um die Situation zu verbessern, hat das Rotkreuzklinikum nun zusätzlich freiberufliche Hebammen aufgenommen. Auch die RGU-Befragung hat ergeben, dass Kliniken, die mit freiberuflichen Hebammen arbeiten, besser in der Lage sind, bei hohem Andrang die Versorgung zu sichern. In Kliniken mit vielen Geburten sei es attraktiver, freiberuflich zu arbeiten, weil die Bezahlung besser sei und man sich die Zeit besser einteilen kann. "Es ist eine wunderschöne Arbeit", sagt Giesen, "aber auch ein anstrengender Knochenjob."

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SZ vom 25.04.2015/angu
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