Elektro-Musiker Florian Senfter Stadionhymne mit Nebenwirkungen

Das Lied wird so oft gegrölt wie "Seven Nation Army": "Kernkraft 400" ist einer der meistgespielten Songs bei Sportveranstaltungen weltweit. Geschrieben hat ihn der Münchner Florian Senfter alias Zombie Nation. Der 38-Jährige tritt auf der ganzen Welt auf, doch der Erfolg bedeutet für ihn auch Ärger.

Von Lisa Sonnabend

Es ist sein Lied. Und irgendwie auch sein Fluch. "Dadadada, Dadadadüdeldadeldü, dü, dada." Nach jedem Tor grölen sie es in den amerikanischen Eishockey-, Baseball- oder Footballstadien. Ob bei den Detroit Red Wings, den Boston Bruins oder den New Jersey Devils. Und mittlerweile auch im europäischen Fußball, bei Austria Wien oder beim SC Freiburg, wenn die Spieler aufs Feld laufen. "Kernkraft 400" ist einer der meistgespielten Songs bei Sportveranstaltungen weltweit, in einer Liga mit "Seven Nation Army" von The White Stripes oder "We Will Rock You" von Queen.

Der Mann, der die Stadionhymne mit der eingängigen Melodie produziert hat, sitzt in seinem kleinen, langgezogenen Büro im Münchner Gärtnerplatzviertel und wird nicht so gerne auf seinen großen Erfolgssong angesprochen. Florian Senfter sagt: "Das ist alles ziemlich außer Kontrolle geraten."

Senfter, der unter dem Namen Zombie Nation Musik macht, ist einer der meist gebuchten Live-Acts in der elektronischen Musik. Der 38-Jährige trägt Bart, dunkle Jeans, einen schlichten, dunklen Pulli mit V-Ausschnitt, eine schwarze Mütze und an der linken Hand einen Ehering. An diesem Montag ist sein neues Album "RGB" erschienen, das mittlerweile sechste. Darauf befinden sich 14 House-, Techno- und Electrotracks. Ziemlich eingängig, tanzbar, experimentell. Mal sanft, mal wuchtig. Ob wieder so ein Hit drauf ist? "Es war nie meine Absicht, eine Stadionhymne zu schreiben", sagt Senfter. "Ich war in meinem Leben noch nie in einem Stadion."

Doch auch ohne neuen Hit ist Senfter ein gefragter DJ. Er wirkt erschöpft. Das viele Reisen, Auflegen in Clubs, kaum ein Wochenende ist er daheim in München. Eine Erkältung, die er aus dem Flugzeug mitgebracht hat, plagt ihn. Mal wieder.

Die Melodie ist der Text

Senfter wuchs in München auf, lernte klassisch Gitarre spielen, später wechselte er zur E-Gitarre, besuchte das Dante-Gymnasium in Sendling, wurstelte sich durch bis zum Abitur. Während seine Freunde genau wussten, was sie später einmal werden wollen und ein Studium begannen, fand Senfter kein Fach, das ihn interessiert hätte. Stattdessen begann er Mitte der 90er Jahre, illegale Partys zu organisieren. Unter Brücken, auf Wiesen, in verlassenen Häusern. Dort legte er auch zum ersten Mal auf. "Es war praktisch, dass wir unsere eigenen Feiern hatten", sagt Senfter. "So musste ich mich nicht bei Clubs wie dem Ultraschall in eine lange DJ-Liste eintragen und hoffen, eines Tages einmal dranzukommen." Um sich zu finanzieren, nahm er Gelegenheitsjobs an, räumte Lastwagen vor dem Deutschen Theater aus und ein.

Senfters erste Platte "Leichenschmaus" erschien 1999 bei DJ Hells Plattenfirma Gigolo Records. Der erste Track darauf: "Kernkraft 400", den er gemeinsam mit DJ Mooner produzierte. Das Besondere an dem Lied: Die Melodie tritt derart in den Vordergrund, dass eine Singstimme nicht mehr nötig ist. Die Melodie ist der Text. Und die lässt sich sogar mitgrölen.

Diese Melodie stammt allerdings nicht allein aus der Feder von Senfter, sondern sie ist ein Bestandteil des Commodore-64-Spiels "Lazy Jones" aus den 80er Jahren. Zombie Nation musste deswegen später den Musikprogrammierer an den Gewinnen beteiligen. Wie hoch die Summe war? Darüber spricht er nicht. Nach der Veröffentlichung des Albums war der Erfolg da, der Ärger aber auch. Denn es war niemand darauf vorbereitet, auch nicht die Plattenfirma.