Außergewöhnliches Chorprojekt:Bauwerk aus Stimmen

Außergewöhnliches Chorprojekt: Sakrale Weltmusik: Die "Missa in Jazz" von Peter Schindler mischt Stile, Epochen und Kulturen.

Sakrale Weltmusik: Die "Missa in Jazz" von Peter Schindler mischt Stile, Epochen und Kulturen.

(Foto: Christian Endt)

Die "Missa in Jazz" von Peter Schindler fordert den Geist, ist jedoch auch ein spirituelles Geschenk. Am Wochenende ist das Werk in Ebersberg und Zorneding zu hören.

Von Ulrich Pfaffenberger, Zorneding/Ebersberg

Abendliche Probe in der Martinskirche von Zorneding. Nur noch kurze Zeit bis zur Aufführung der "Missa in Jazz" von Peter Schindler. Erfahrene Sängerinnen und Sänger aus dem Landkreis haben sich zu einem Projektchor zusammengefunden, um gemeinsam mit der Kirchenmusikerin Megumi Onishi eine Komposition zu erarbeiten, die in mancher Hinsicht den Rahmen des Üblichen sprengt. Allein schon die Spielzeit: Während eine der üblichen klassischen Messen, sei sie von Schubert oder von Mozart, höchstens eine halbe Stunde reine Musikzeit ausmacht, sind es hier 80 Minuten, in denen sich Chor und Band konzentriert ihrer Aufgabe widmen müssen.

Wie wesentlich diese Konzentration ist, wird jedem, der sich im Kirchenraum zum Zuhören niederlässt, schon nach Kurzem bewusst: Mitunter ist, ausgerechnet, das einzig Vertraute der viele Jahrhunderte alte lateinische Text der Messgesänge. Vieles andere erscheint auf Anhieb fremd, gewöhnungsbedürftig, fordernd. Ja, auch beim Hören ist durchgehend Konzentration gefordert. Keine barocken Schnörkel oder romantischen Intermezzi, die für Ablenkung sorgen oder für Entspannung. Wobei eines die Situation abstrakt zuspitzt: Es probt nur der Chor. Die Instrumentalisten werden erst bei einer späteren Probe dazustoßen.

Gleichwohl gibt es keinen Zweifel. Was hier zum 300-jährigen Bestehen des Gotteshauses erklingen soll, steht vom Aufwand, von der Leistung der Beteiligten, von der prägenden Wirkung vermutlich dem wenig nach, was damals im 18. Jahrhundert die Zornedinger vollbrachten, um dieses Haus zu Ehren Gottes zu errichten und zu gestalten.

Außergewöhnliches Chorprojekt: 300 Jahre Sankt Martin: Anlass für das herausfordernde Projekt ist das Jubiläum der Zornedinger Kirche.

300 Jahre Sankt Martin: Anlass für das herausfordernde Projekt ist das Jubiläum der Zornedinger Kirche.

(Foto: Christian Endt)

Vom Zuhören zum Philosophieren ist es unter dieser Perspektive nur ein kleiner Schritt. Wenn, weil die Band noch fehlt und allein die Stimmen des Chores ertönen, nur die Hälfte des Werks wahrnehmbar wird: Welche ist es? Um beim Kirchenraum zu bleiben, der uns umgibt: Sind es die Fundamente, die Säulen, das Gewölbe - also das Bauwerk an sich? Oder sind es die Altäre, die Gemälde, das Mobiliar - also der Raumschmuck?

So klar strukturiert der Gesang sich darstellt, so kraftvoll seine Streben miteinander verbunden sind, geht die Tendenz eher zu einem Bauwerk aus menschlichen Stimmen, wobei dieses eher der Sagrada Familia gleicht als der Martinskirche. Viele Stilelemente verweben sich da zu einem einheitlichen Konstrukt. Da dominieren zeitweise und überdeutlich Zitate aus der Gregorianik, da lassen Fugen ihre Muskeln spielen, an denen Bach seine Freude gehabt hätte. Ansatzweise ist ein Swing herauszuhören, auch Latinjazz darf bei einer solchen "Missa" nicht fehlen. Wer seine Sinne auf Empfang stellt, den erreichen sogar Anspielungen aus der Welt der Klezmer oder des Blues. Das ganze Opus "Jazz" zu nennen, ist also durchaus gerechtfertigt, wenn auch Anhänger der reinen Lehre, so es solche in dieser Stilform geben kann, darüber streiten mögen. Worüber nach dieser "Missa" kein Zweifel mehr bestehen wird: Die lateinische Sprache ist uneingeschränkt Jazz-tauglich.

Sie trägt nicht zuletzt eine - lateinisch buchstäbliche - "Komposition" von Formen und Stilen, eine Konjugation musikalischer Sprache obendrein, deren breites Spektrum erst in der Wahrnehmung des Publikums zusammenfindet. Womit wir bei der ursprünglichen, universalen Kirche ankommen, die sich bewusst so versteht, dass sie Einheit aus Vielfalt leben will. Die willkommen heißt, was das Vorwissen, die Vorfreude und die Interpretation jedes Einzelnen so mit sich bringen - und das über den gemeinsamen Glauben integriert. Aber ist das nicht auch bei einem Mozart so, einem Brahms, einem Orff? Gibt es nicht auch dort Passagen oder (Dis-)Harmonien, über die wir uns wundern, aufregen, begeistern? Die wir aber in unserem Glauben an deren Kunst annehmen?

Außergewöhnliches Chorprojekt: Kirchenmusikerin Megumi Onishi studiert das komplexe Werk mit erfahrenen Sängerinnen und Sängern ein.

Kirchenmusikerin Megumi Onishi studiert das komplexe Werk mit erfahrenen Sängerinnen und Sängern ein.

(Foto: Christian Endt)

Zu welchem Ergebnis auch immer dieses Philosophieren führt: Die Gelegenheit, bei dieser Probe ausschließlich die Stimmen zu hören, die dieses Opus tragen, ist ein großartiges Erlebnis. Man ahnt, dass es der in Berlin lebende Peter Schindler darauf angelegt hat, hartnäckig die geistige Regsamkeit sowohl der Musizierenden wie der Zuhörenden herauszufordern. Man spürt aber gleichzeitig, wie viel ihm daran gelegen ist, diese Mühen mit einem spirituellen Geschenk zu belohnen: So verstörend manche Momente dieser Missa auch wirken mögen, so liebevoll und berührend fallen andere Passagen aus, die gerade aus diesem Kontrast heraus viel stärker wirken. Eine würdige Referenz an den sakralen Charakter des Werks: Auch Gottes Wort ist nicht in Watte gepackt. Eine Liturgie verbindet Schmerz und Liebe, Bitten und Dank.

Wenn man sich anschließend mit einigen von denen unterhält, die seit einem Dreivierteljahr sich erarbeiten, was so gegen das Gewohnte, das Übliche, das Erwartbare verstößt, dann spürt man, wie tief sie inzwischen mit dieser Missa verbunden sind, wie die bevorstehende Aufführung schon jetzt ihr Leben verändert hat. Wenn einer wie Olaf Hübschmann, der allein der Freude am Singen wegen dabei ist, genauso wie Silas Kruip, der Jazz studiert hat, unisono beeindruckt von der "Power pur" des Komponisten sprechen. Wenn sie berichten, wie Schindler mit ihnen ins Gespräch gekommen ist. Wie der Besuch bei einer Aufführung mit ihm bis heute nachwirkt. Wenn sie die tiefe Wirkung der Messe auf sich selbst schildern: "Es gibt Stellen, da bekommt man immer wieder Gänsehaut." Dann tritt eine Begeisterung zutage, die über die Begegnung mit dem lebenden Schöpfer des Werks hinausgeht. So weit, dass die Stimmen es schier nicht mehr erwarten können, am ersten Adventswochenende ihr Chorbauwerk zu vollenden.

Aufführungen der "Missa in Jazz" finden statt am Samstag, 2. Dezember, um 17 Uhr in Sankt Sebastian, Ebersberg, und am Sonntag, 3. Dezember, um 17 Uhr in Sankt Martin, Zorneding. Eintritt auf freiwilliger Spendenbasis.

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