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Absolut sehenswert:Wertvolles Wasserburg

Die Große Kunstausstellung des AK68 zeigt, was zeitgenössische Kunst alles kann: Gewohntes hinterfragen, an Überzeugungen rütteln - und wunderbar poetisch sein

Ruppe Koselleck startet den Motor der Planierwalze. Es brummt und schubbert, ein bisschen wie ein Rasenmäher, dann ruckelt die Walze schräg nach oben auf einen Berg aus dreckigen Kissen und Decken und dann wieder schräg nach unten Richtung Pflaster. Es ist Samstagnachmittag, kurz vor fünf auf dem Wasserburger Marienplatz, wenige Minuten dauert es nur noch, bis das Tor des Rathauses geöffnet wird für die Vernissage der alljährlichen Großen Kunstausstellung des AK 68.

Ein interessiertes Publikum aus Vernissagebesuchern und Passanten schart sich derweil um die Walze und ihren Fahrer in schwarzem Sakko und staubigem Cap, um zu sehen, wie sich 3,2 Tonnen Metall und Gummi über den Pflasterboden schieben. Boden, über den jeden Tag Menschen gehen, hetzen, schlendern. Von der Eisdiele zur Apotheke, zum Parkhaus, zu den Markthallen. Boden, der einfach da ist. Aber zugleich Boden, der von Jahr zu Jahr teurer wird. Einfach so. Weil Dinge im Kapitalismus teurer werden müssen, weil Geld an Wert verliert, während alles immer noch größer, erfolgreicher und ertragreicher werden muss. Antwort auf die Frage, was eine Planierwalze mit steigenden Bodenpreisen zu tun hat, liefert die Ausstellung. Wie jedes Jahr stellt der AK68 an drei verschiedenen Orten - im Rathaus, der Galerie im Ganserhaus und im Museum Wasserburg - mehr als hundert Werke von beinahe ebenso vielen Künstlern aus. Heuer zeugen Arbeiten wie die des Duos Ruppe Koselleck und Susanne von Bülow davon, was zeitgenössische Kunst alles kann.

"Grund und Boden" nennt sich das Planierwalzen-Paar aus Münster, das mit seiner Aktionskunst von Duisburg und Kiel bis nach Bayern und sogar Moskau tourt und dort jeweils bunte Flecken auf Gehsteigen und Marktplätzen hinterlässt. Denn Koselleck fährt die Walze nicht einfach so zum Spaß über einen Berg aus Kissen und Decken, vielmehr verbirgt sich unter dem Stoffhaufen ein Bogen Bütttenpapier, stets exakt einen Quadratmeter groß. Darunter haben die beiden Künstler zu Beginn der Performance Farbe auf die Steine gepinselt. Unterschiedliche Töne, unterschiedliche Kontraste. Hebt Susanne von Bülow das Papier nach dem Walzen dann hoch, kommt darauf ein Quadratmeter Wasserburger Boden zum Vorschein - auf Papier gebannt. Die bunten Prägedrucke von Gullydeckeln, Steinen und Pflasterungen entpuppen sich als wundervolle Muster, als hätten sie ihr ganzes Dasein über darauf gewartet, dass endlich jemand ihre Schönheit entdeckt. Zehn bunte Quadratmeter Wasserburg hängen nun im Eingangsbereich des Rathauses.

Das entscheidende an der Aktion ist jedoch der Preis. Denn "Grund und Boden" verlangt für seine Pergamente immer genau so viel, wie ein Quadratmeter realer Boden am entsprechenden Ort eben kostet. "Denn nicht der Künstler - die Lage macht den Preis", so der Performance-Titel. Seit der zuständige Gutachterausschuss vor kurzem turnusmäßig getagt hat, liegt der "Bodenrichtwertpreis" in Wasserburg bei 1200 Euro. 50 Prozent mehr als noch im vergangenen Jahr.

So funktioniert Kunst, die aufrüttelt. Kunst, die darüber nachdenken lässt, was Wert ist, wie Wert geschaffen und festgelegt wird und auch, was dieser Wert, der Dingen, Handlungen und sogar Menschen zugeschrieben wird, für Auswirkungen auf die Gesellschaft hat. 1200 Euro für einen Quadratmeter, das muss man sich erst einmal leisten können.

Nicht nur die Aktionskunst des Künstlerpaares, auch viele der anderen Werke rütteln an Überzeugungen und rücken das, wovor man gerne die Augen verschließen würde, in unaufgeregter Klarheit in den Fokus. Zum Beispiel ein Diptychon von Harald Sedlmeier im Ganserhaus: zwei großformatige Schwarz-Weiß-Fotografien, die der Künstler mit Graffiti-artiger Schrift übersprüht hat. "Merhaba" steht auf dem einen Bild, das einen Mann mit gesenktem Kopf zeigt, wie er im Türrahmen eines wuchtigen Gebäudes lehnt. "Herzlich Willkommen", bedeutet das auf Arabisch. Das andere Foto zeigt eine zum Meer offene Piazza - könnte Venedig sein. Der verlassene Umriss eines Mannes zeichnet sich dunkel gegen das helle Meer, den Himmel und die majestätischen Gebäude im Hintergrund ab. "Il tuo paese non esiste", steht auf dieser Fotografie. Das ist Italienisch für: "Dein Land existiert nicht". Die Arbeit trägt den Titel "Welcome" - eine Anspielung auf Menschen, denen Europa kaum mehr als ein müdes "Willkommen" zu bieten hat? Sedlmeiers Diptychon lässt verstummen, grübeln. Noch ein schweres Thema. Nationalismus, Flucht, Asyl. Auch hier geht es um Werte und um Wertigkeit: Was ist Heimat wert, was ein Menschenleben? Und es zeigt, wie nah dran der Wasserburger Kunstverein ist an aktuellen Debatten, auch im Jahr nach seinem 50. Geburtstag.

Eine Mischung aus Schwere und Leichte, aus Ironie und Nachdenklichkeit zieht sich durch die ganze Ausstellung. Am Eingang zum Ganserhaus etwa lehnt eine grob geschlagene, zerfurchte Holzfigur von Andreas Kuhnlein an der Hausmauer, um zu "Schauen, was dahinter ist". Ihr Kopf ist im Inneren angebracht, sodass es aussieht, als sei die Figur mit dem Kopf durch die Wand gestoßen.

Ein ganz besonderes Kunstwerk könnte im Erkerfenster des ersten Stockes leicht übersehen werden: die Arbeit des Preisträgers für junge Kunst. Theo Huber ist 32 Jahre alt, lebt und arbeitet in Leipzig. Sein Thema sind die Suche nach dem eigenen Ich, der Umgang mit ständiger, schier krankhafter Selbstreflexion, die Ansprüche der Gesellschaft und die Frage, wie man weitermacht, "wenn es tagelang regnet und einfach nichts passiert", wenn "der Bagger der Selbstvertiefung auf Granit" beißt. Die Arbeit besteht aus vier kurzen Filmen, die in Endlosschleife gezeigt werden. Sie gleichen einer Schatztruhe voll sprachlicher und bildlicher Raffinesse, wobei der Protagonist immer Huber selbst ist, der in unterschiedliche Rollen schlüpft, sich bewegt, singt, spricht, musiziert. Die Aufnahmen bearbeitet er, legt Bild über Bild, montiert sich in ein Modellhaus, das an das Computerspiel "Sims" erinnert, oder lässt Figuren aus Pappmaché über den Bildschirm schweben. Seine Sprache löst Metaphern auf und durchkreuzt das Erwartbare. Sie lässt "Busse bussieren" und Taxikolonnen die wunde Nacht "balsamieren". Das mag kryptisch klingen, ist aber gleichzeitig wahnhaft bis wunderbar schön.

Die Große Kunstausstellung ist bis zum 25. August im Ganserhaus und im Rathaus täglich von 10 bis 18 Uhr zu sehen. Im Heimatmuseum von Dienstag bis Sonntag jeweils von 13 bis 17 Uhr. Der Eintritt kostet regulär vier Euro und drei Euro für Jugendliche und Rentner. Kinder und Vereinsmitglieder haben freien Eintritt.