Verkehr Wie Ebersberger die Kreisstadt vom Verkehr entlasten wollen

Entlang der Eberhardstraße im Zentrum von Ebersberg wird es eng, wenn sich zwei Schwertransporter begegnen.

(Foto: Christian Endt, Fotografie & Lic)

Weil es auf den Straßen laut, voll und schmutzig ist, erarbeiten zwei Bürgergruppen Verbesserungsvorschläge. Knackpunkt ist eine mögliche Umfahrung.

Von Johanna Feckl, Ebersberg

An das Brummen und Donnern von Massen an Autos kann man sich gewöhnen. Oder man tut etwas dagegen. Von diesem Herbst an soll der Arbeitskreis Verkehr Vorschläge zur Verkehrsentlastung für die Kreisstadt erarbeiten. Außer den im Stadtrat vertretenen Parteien werden auch die Bürgerinitiative "St 2080 raus" und die "Schutzgemeinschaft Ebersberger Osten" je zwei Vertreter stellen. Im Ferienausschuss am 21. August werden alle Vertreter benannt. Die SZ hat mit beiden Bürgergruppen über ihre Ziele gesprochen.

Bürgerinitiative "St 2080 raus"

Der lauteste Ort sei es zwar nicht. Aber der schwierigste Knotenpunkt. Reinhold Weise spricht vom Ebersberger Marienplatz. Der 61-Jährige steht vor dem Rathaus und deutet auf die Bahnhofstraße hinter sich. "Wenn hier mehrere Lkw gleichzeitig kommen, dann geht gar nichts mehr!" Weise soll einer der zwei Vertreter der Bürgerinitiative "St 2080 raus" im AK Verkehr sein.

Anfang des Jahres haben sich einige Ebersberger zusammengetan, um sich für eine Kreisstadt mit weniger Straßenverkehr zu engagieren. "Und wir wollen den Marienplatz lebenswerter machen", sagt Weise. "Damit man sich hier wieder aufhalten und sich unterhalten kann, und nicht ständig Abgase schluckt." Bislang habe die Bürgerinitiative eine "dreistellige Zahl im unteren Bereich" an Unterstützern, sagt Weise. Eine genaue Zahl nennt er nicht. 20 bis 30 Unterstützer erscheinen in der Regel zu den monatlichen Stammtischen der Gruppe.

Reinhold Weise von der Bürgerinitiative "St 2080 raus".

(Foto: Photographie Peter Hinz-Rosin)

Bisher engagieren sich sowohl mittelbar als auch unmittelbar vom Verkehr Betroffene, junge Familien, Alleinstehende, neu Hinzugezogene, aber auch Alteingesessene - wie Reinhold Weise selber einer ist.

Der 61-Jährige zog vor 26 Jahren in die Kreisstadt. Damals sei Ebersberg vor allem in der Landeshauptstadt als "Perle im Münchner Osten" angepriesen worden, erinnert sich Weise: ländlich und ruhig, aber mit der Nähe zu München. Mit dem Umzug des Flughafens von Riem ins Erdinger Moos 1992 habe sich das aber verändert: "Alles läuft jetzt hier durch."

Der gesamte Verkehr aus Ost- und Südostbayern und damit vor allem aus dem Wirtschaftsraum Rosenheim fährt seitdem über die St 2080 durch Ebersberg hindurch, weiter nach Markt Schwaben, über die A 94 auf die Flughafentangente Ost bis hin zum Flughafen.

"Hier fährt drei- bis viermal mehr Verkehr als auf anderen Staatsstraßen in Bayern!" Reaktionär will die Bürgerinitiative aber keinesfalls sein. "Der Flughafen ist jetzt nun einmal da - das ist uns allen klar." Aber es gäbe Möglichkeiten, wie man die Verkehrsbelastung eindämmen könnte.

Etwa Fahrradwege ausbauen, "um den innerörtlichen Verkehr zu reduzieren". Weise sagt, dass fast keine Eltern ihre Kinder zu Fuß oder mit dem Rad über die Eberhardstraße in Richtung Baldestraße zur Grundschule schicken würden - zu gefährlich. "Die fahren ihre Kleinen dann lieber mit dem Auto."

Noch mehr Verkehr also. Entlastung könnte auch ein nächtliches Lkw-Fahrverbot entlang der Eberhardstraße bringen. Oder durchgehend Tempo 30. Oder ein Flüsterasphalt, um zumindest den Lärm zu reduzieren. Ideen hat die Bürgerinitiative viele.

Die Arbeit kann beginnen

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Weise sieht aber ein großes Problem: Die St 2080 fällt als Staatsstraße in den Zuständigkeitsbereich der Landesregierung und des bayerischen Staatsministeriums für Wohnen, Bau und Verkehr. Das bedeutet: Alles, was die Bürgerinitiative beziehungsweise der AK Verkehr an Forderungen aufstellt, ist als Vorschlag zu betrachten - Regierung und Ministerium sind nicht verpflichtet, auch nur einen einzigen Punkt davon tatsächlich umzusetzen.

Mit den Unterstützern der Schutzgemeinschaft hat die Bürgerinitiative bislang nicht gesprochen, deren Ziele kenne man daher nicht. Einen Aspekt kehrt Weise jedoch immer wieder hervor: "St 2080 raus" spricht sich für keine bestimmte Lösung des Ebersberger Verkehrsproblems aus. Eine Umgehung könnte die aktuelle Lage entschärfen, vielleicht wären andere Möglichkeiten aber besser. Und: "Wir verstehen uns als Initiative für alle Ebersberger, egal ob sie im Süden oder im Osten oder mittendrin wohnen."

Schutzgemeinschaft Ebersberger Osten

Johann Hermannsgabner steht vor einem alten Bushäuschen in Reith. "Man sagt immer, im Ebersberger Osten wohnt ja eh niemand." Der 45-Jährige deutet mit dem Finger auf die Häusergruppen reihum. Eines dieser Häuser ist sein eigenes, mit einem Landwirtschaftsbetrieb, den er seit 20 Jahren zusammen mit seiner Ehefrau betreibt. "Aber hier gibt's auch Leute!" Was er von der Möglichkeit hält, dass man all diesen Menschen eine östliche Umgehungsstraße vor die Haustüre setzen könnte, formuliert er so: "Ich find's grob."

Als Hermannsgabner von den Plänen hörte, dass es einen AK Verkehr geben soll, haben er und einige Nachbarn beschlossen, dass sie sich dort engagieren möchten. Mitte Juli haben sie deshalb die "Schutzgemeinschaft Ebersberger Osten" ins Leben gerufen. Mittlerweile haben sie etwa 40 Unterstützer.

Johann Hermannsgabner von der "Schutzgemeinschaft Ebersberger Osten".

(Foto: Christian Endt)

Im Grunde würden Schutzgemeinschaft und Bürgerinitiative demselben Gedanken entspringen, sagt Hermannsgabner: In Ebersberg gibt es zu viel Verkehr; er muss reduziert werden. "Wir möchten auch den Verkehr verbessern. Nur ist uns eben nicht wurscht, wo eine mögliche Umgehung hinkommt."

Die Schutzgemeinschaft sieht sich als eine Art Vernunftsstimme: Sollte es eine Umgehung geben, dann muss es eine sinnvolle sein. Auf eine Ostumgehung träfe das aber nicht zu - egal um welche der Ost-Varianten, die es geben könnte, es sich handelt.

"Niemand von uns sagt, dass wir überhaupt keine Umgehung brauchen." Das betont der Landwirt mehrfach. Die Schutzgemeinschaft betrachtet sich selbst keinesfalls als eine Art Protestpartei, die lediglich gegen eine Ostumfahrung ist. "Nur immer dagegen sein ist ja einfach!"

Stattdessen möchte die Schutzgemeinschaft konstruktiv sein und für etwas einstehen - für eine Verkehrsentlastung in Ebersberg. "Genau deshalb möchten wir ja auch in den Arbeitskreis Verkehr mit einbezogen werden", erklärt Hermannsgabner.

Wenn der Verlauf einer Umgehung tatsächlich davon abhinge, wo es die wenigsten Betroffenen gibt, dann würde das für Hermannsgabner eine Westumfahrung bedeuten. Eine solche Umfahrung würde auf der Schwabener Straße Richtung Ebersberg kurz nach dem Forst rechts abführen, nördlich am Egglburger See vorbei und wie die Münchner Straße auf die B 304 münden.

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Weite Teile einer solchen Umgehung würden durch den Forst verlaufen, Anwohner gäbe es hier also gar keine. Aber der 45-Jährige hält diese Variante trotzdem nicht für die beste Lösung. Er spricht sich stattdessen für einen Tunnel aus.

Hermannsgabner kann durchaus nachvollziehen, dass es enormen Lärm verursacht, wenn ständig schwere Lastwagen in beiden Richtungen auf der Eberhardstraße, in der Heinrich-Vogl-Straße und am Bahnhof vorbei unterwegs sind. Aber: "Wenn ich neben einer Kirche einziehe, dann beschwere ich mich doch auch nicht über die Kirchenglocken!"

Oftmals seien es die neu Hinzugezogenen, die sich nun über den Verkehrslärm beschweren würden. Dafür zeigt Hermannsgabner kein Verständnis. Sie hätten schließlich von vornherein gewusst, wie verkehrsreich die Kreisstadt ist.

Für den 45-Jährigen wird in der Debatte um Möglichkeiten zur Verkehrsentlastung und Umgehungsvarianten ein grundlegender Aspekt vernachlässigt: Ein großer Teil des Verkehrs ist selbstgemacht. "Wir könnten einen Umgehungsring rund um Ebersberg herum bauen und hätten trotzdem enorm viele Autos im Stadtkern."

Wegen der vielen öffentlichen Anlaufstellen im Zentrum, wie Einkaufszentrum, Kreisklinik, Landratsamt und andere Behören, werde durch Ebersberg immer viel Verkehr fließen - Umgehung hin oder her.

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