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Tassilo:Die Welt ein bisschen verbessern

Bernhard Winter, Initiator der Sonntagsbegegnungen in Markt Schwaben, 2020

Mittlerweile kommen alle, wenn er einlädt, so groß ist das Renommee der "Schwabener Sonntagsbegegnungen". Initiator Bernhard Winter, Psychologe, Ex-Bürgermeister und Literat, durfte sich jüngst über die hundertste Ausgabe seiner Gesprächsreihe freuen.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Kandidat für den Tassilo: Bernhard Winter hat mit seinen "Schwabener Sonntagsbegegnungen" Gesprächskultur geschaffen. Seit 1992 bringt er Persönlichkeiten unterschiedlichster Bereiche miteinander in Dialog.

Von Alexandra Leuthner

Dieter Hildebrandt hatte ganz offensichtlich seinen Spaß an der Sache. Vor sich ein schlichtes Stehpult aus Holz, neben sich, ein, zwei Meter entfernt - heutzutage wäre das ein guter Corona-Abstand - der Fußballer Thomas Hitzlsperger, ebenfalls hinter einem solchen Pult, übers ganze Gesicht lachend. Das zeigt ein Foto aus dem Jahr 2009. Worüber sich die beiden auf den ersten Blick so unterschiedlichen Gesprächspartner in Markt Schwaben amüsierten, daran werden sich vielleicht noch die Besucher erinnern, die an jenem Sonntagvormittag den Weg in den Unterbräu gefunden hatten. Auf jeden Fall ging es um Fußball. Der große Münchner Kabarettist Hildebrandt war zeitlebens Sportfan - vor allem des englischen Fußballs. Von daher gesehen stand die von Bernhard Winter organisierte Begegnung mit dem Forstinninger Hitzlsperger unter einem guten Stern, hatte sich der Nationalspieler da doch längst als Spieler bei Aston Villa auf der Insel den Beinamen "Hitz the Hammer" erworben. Was Hitzlsperger mit seinem linken Fuß anstellen konnte, machte ihm so leicht keiner nach - und Winter hatte wieder einmal das richtige Näschen für eine gute Partie bewiesen.

"Sie sollten sich schon mögen", sagt Winter über seine Diskutanten, die er sonntags in den Saal des Unterbräu bittet - die Renovierung des Traditionshauses hatte er in seiner Zeit als Markt Schwabener Bürgermeister angeschoben. Weil aber ein bisschen Spannung auch nicht schadet, bringt der Kurator und Erfinder der "Schwabener Sonntagsbegegnungen" gerne Menschen aus gegensätzlichen Bereichen zusammen. "Ich will, dass sich was bewegt", sagt er. Davon, etwas Neues schaffen zu wollen, spricht Winter gerne, gar, ein bisschen die Welt zu verändern, "und das geht hier im Kleinen los". Damit, dass Menschen miteinander reden.

Zwei Persönlichkeiten, die einander in vielen Fällen noch nicht persönlich begegnet sind, lernen sich auf offener Bühne kennen, kommen miteinander in Dialog, so das Konzept. Dass Winter seit Anfang der 1980er Mitglied der SPD ist, hat ihm dabei vor allem in der Anfangszeit nicht geschadet, inzwischen ist das Netz, das er geknüpft hat, so dicht und weit gespannt, dass alle kommen, wenn er einlädt, egal, welcher Couleur. Manchmal wolle sogar der ein oder andere dabei sein, den er, Winter, gar nicht haben wolle. Namen nennt er keine, aber drei Eigenschaften, die er an seinen Gästen nicht missen möchte: Glaubwürdigkeit, Farbe, Konturen. Mal ergebe sich ein Kontakt zufällig, wie bei Cem Özdemir am Rande einer Veranstaltung - es ist geplant, dass der Grünen-Politiker im Juli auf den Schriftsteller Paul Maar treffen soll -, mal macht sich Winter auf den Weg, um einen potenziellen Gast persönlich zu treffen. Anstrengend? Nein, anstrengend finde er das nicht. Jedes Gespräch ist ihm ein Herzensangelegenheit, da schreibe er "nicht einfach nur eine Email."

Die SPD-Politikerin Renate Schmidt, damals Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags, hatte Winter 1992 als erste Gesprächspartnerin zu Gast, er habe damals nach einem Weg gesucht, der aufkommenden Politikverdrossenheit etwas entgegenzusetzen. Bald darauf folgte Hans-Jochen Vogel, zu jener Zeit SPD-Fraktionsvorsitzender im Bundestag. Vogel konnte Winter denn auch als Schirmherren für seine Veranstaltungsreihe gewinnen, die schon bald nach dem ersten von vielen Besuchen des Politikers zu ihrem dialogischen Konzept finden sollte. So trafen Kabarettisten auf Journalisten, Kirchenleute auf Wissenschaftler, Christen auf Muslime, Katholiken auf Protestanten, Linke auf Konservative, Schriftsteller auf Minister. Und alle redeten miteinander, vor Publikum, ohne Mikro und - meist - auch ohne Kameras. Die Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth (CDU) sprach mit dem SPD-Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen Johannes Rau über "Das Zusammenleben in unserer Gesellschaft"; der Benediktinerabt Odilo Lechner mit dem bayerischen CSU-Innenminister Günther Beckstein über "Evangelium und Gesetz", Martin Zeil, zu jener Zeit bayerischer Wirtschaftsminister (FDP), unterhielt sich mit dem Schriftsteller Sten Nadolny über Geschichte und was man daraus lernen kann, der Kabarettist Django Asül mit dem türkischen Generalkonsul in München Hidayet Eris über "Bayern. Türkei. Die Welt".

Keiner von ihnen, das ist Winter wichtig zu betonen, habe auch nur einen Cent für seinen Auftritt erhalten, "nicht mal Peer Steinbrück", witzelt er - der ehemalige Kanzlerkandidat der SPD war ja für seine hohen Vortragshonorare Anfang der 2010er unter Beschuss geraten. Was an Spenden zusammenkommt, geht an soziale Projekte.

Von legendären Duellen wie dem zwischen Hitzlsperger und Hildebrandt erzählt Winter gern, wenn man ihn in seiner Markt Schwabener Praxis besucht. Hier unten, in der Passage des Unterbräu, hat er sich eingerichtet, hier empfängt der Ex-Bürgermeister, der seit seinem freiwilligen Ausscheiden aus dem Amt 2011 nun wieder in seinem Beruf als psychologischer Psychotherapeut arbeitet, seine Klienten - und auch mal seine sonntäglichen Gesprächsgäste. Zwei große Bongos im Vorraum des Behandlungszimmers verleiten im Vorbeigehen zu einem kurzen Trommelwirbel, dann bittet Winter, auf einem von zwei einladenden Sesseln unter einem Fenster Platz zu nehmen. "In dem Stuhl, in dem Sie jetzt sitzen, war auch Hans-Jochen Vogel schon gesessen", erklärt er.

Genau 101 mal hat Winter inzwischen sonntags eingeladen, zur Jubiläumsveranstaltung im Januar 2020, der 100. Begegnung, waren die Kabarettisten Gerhard Polt und Franz Hohler gekommen, im September dann Kultusminister Michael Piazolo und der Verleger Jonathan Beck. Kurz zuvor hatte Winter die Theodor-Heuss-Medaille erhalten, für seinen Beitrag zu einer lebendigen und vielfältigen Demokratie, die er mit seinen Gesprächen seit bald 30 Jahren befördert.

Die vollständige Liste derer herunter zu beten, die Markt Schwabens Altbürgermeister vor, während und nach seiner Zeit als Rathauschef in den Ort geholt und in Dialog gebracht hat, führte wohl zu weit - und vermittelte doch eine Ahnung davon, warum es mehr als billig ist, die Schwabener Sonntagsbegegnungen Kultur zu nennen und Winter, der selbst musiziert, Lyrik verfasst und veröffentlicht, als Kultur-Schaffenden im besten Sinne für den Kulturpreis "Tassilo" zu nominieren. Ganz abgesehen davon, dass viele Kulturmenschen unter seinen Gästen sind und, so ist es geplant, auch wieder sein werden, wenn die Terminkalender nicht mehr ausschließlich von der Pandemievorsorge diktiert werden, ist es nichts anderes als Gesprächskultur, die Winter schafft und an der er seine Gäste teilhaben lässt.

Etwa 20 000 sind inzwischen gekommen, um in lockerem Rund um die beiden Protagonisten zu sitzen, Fragen zu stellen oder Einwände zu äußern - keine "Nebenreferate" aber, "das lasse ich nicht zu". Ein paarmal hat Winter auch an andere Orte gebeten als in seine Wahlheimat. Die Schwabener Gespräche haben längst deutschlandweit Berühmtheit erlangt, so dass sich etwa der frühere Linkenvorsitzende Gregor Gysi und die Moderatorin Sandra Maischberger im Rahmen der Reihe in Berlin trafen. Im Juni sollen die frühere Bundesjustizministerin, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, der SZ-Journalist Heribert Prantl und der frühere Ministerpräsident Günther Beckstein über das Thema "Was ist Recht, was ist richtig?" diskutieren, und zwar an einem besonderen Ort: in einer Behinderteneinrichtung in Bielefeld. Eine bunt gemischte Reisegruppe aus dem Landkreis Ebersberg, zu der auch Menschen aus dem Betreuungszentrum Steinhöring gehören, soll anreisen - und dazu beitragen, dass Winters "Netz" wieder ein bisschen dichter geknüpft wird.

"Wenn Sie eine Kandidatin oder einen Kandidaten für den SZ-Kulturpreis vorschlagen wollen, schreiben Sie bitte bis 30. April eine E-Mail an tassilo@sz.de."

© SZ vom 15.04.2021
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