Meinung:Erst impfen, dann stempeln

Eigentlich hätte die Bahn genügend Zeit gehabt, den Schienenersatzverkehr gut vorzubereiten. Doch vieles klappt nicht - und nicht einmal den angeratenen Corona-Abstand können die Fahrgäste einhalten.

Kommentar von Wieland Bögel

Um der Kundschaft gleich zu vermitteln, wie gut man ist, gibt es den Spruch: "Geht nicht gibt's nicht", gerne auf einem großen Schild. Auch die Bahn könnte für ihren Schienenersatzverkehr mit so einem Schild werben - nur müsste es etwas ergänzt werden: "Das geht nicht und das gibt's auch nicht." Seit Ende vergangener Woche ist der S-Bahn-Verkehr zwischen Grafing-Bahnhof und Trudering weitgehend eingestellt, Busse sollten dies kompensieren, was sie indes nach den Schilderungen vieler Pendler nur unzureichend tun.

Dass der Schienenersatzverkehr eben nur ein Ersatz für den Schienenverkehr und demzufolge von schlechterer Qualität ist, liegt in der Natur der Sache. Aber zumindest sollte sich der Bus zumindest ansatzweise an den Fahrplan halten oder wenigstens nicht einfach an den wartenden Passagieren vorbeifahren. Erschwerend kommt in Corona-Zeiten noch hinzu, dass die empfohlenen Abstände zwischen den Fahrgästen kaum einzuhalten sind, weil offenbar zu wenige Busse unterwegs sind, um die stillgelegten S-Bahnen zu kompensieren. Mängel und Pannen, die man noch einigermaßen verstehen könnte, wenn ein Ersatzverkehr kurzfristig organisiert werden muss, etwa wegen Unwetterschäden oder technischer Probleme. Hier allerdings geht es um eine lange geplante Baumaßnahme an der S-Bahn, es wäre genügend Zeit gewesen, den Ersatzverkehr zumindest ein bisschen benutzerfreundlich und Corona-gerecht zu gestalten.

Was aber offenbar nicht passiert ist, und das ist mehr als ärgerlich. Der an der Haltestelle vorbeirauschende Bus ist natürlich unangenehm, besonders wenn man sich dann ein teures Taxi nehmen muss, obwohl man schon eine ebenfalls nicht billige MVV-Karte gekauft hat. Wenn es aber im Bus zugeht wie einst in Ischgl, kann das gefährlich werden. Für Ungeimpfte ist eine Fahrt mit dem SEV derzeit wohl nicht zu empfehlen.

© SZ vom 04.08.2021
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