Renaturierung:In nasser Gesellschaft

Renaturierung: Thomas Bittl (Wasserwirtschaftsamt Rosenheim) und Martina Lietsch (FLS, Bürgermeisterin Steinhöring) an den Ufern der Ebrach in der Nähe der Bärmühle. Sie stellen im Rahmen des Gewässer-Nachbarschaftstags Renaturierungsmaßnahmen an dem Fluss vor.

Thomas Bittl (Wasserwirtschaftsamt Rosenheim) und Martina Lietsch (FLS, Bürgermeisterin Steinhöring) an den Ufern der Ebrach in der Nähe der Bärmühle. Sie stellen im Rahmen des Gewässer-Nachbarschaftstags Renaturierungsmaßnahmen an dem Fluss vor.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Die Ebrach ist an den meisten Stellen schnurgerade. Wie man Fließgewässer renaturieren kann, ist eins der Themen auf dem Gewässer-Nachbarschaftstag in Steinhöring.

Von Merlin Wassermann, Steinhöring

Nicht jede Nachbarschaft ist angenehm. So ist etwa die Luft an der Ebrach, die dem Landkreis Ebersberg ihren Namen gibt, an diesem sonnigen Montagnachmittag ein wenig beißend. Das liegt jedoch nicht am Fluss selbst, sondern an der Stelle, zu der Thomas Bittl vom Wasserwirtschaftsamt Rosenheim und Bürgermeisterin Martina Lietsch (Freie Liste Steinhöring) gebeten haben: auf der anderen Seite des von Bäumen und Sträuchern gesäumten Ufers liegt das Steinhöringer Klärwerk.

Sie haben diesen Ort allerdings nicht ausgewählt, um die Teilnehmer des Gewässer-Nachbarschaftstags zu ärgern. Dieser findet einmal im Jahr statt und bringt seit 2002 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verschiedener Kommunen, Wasserwirtschafts- und Naturschutzämtern sowie Landwirte zusammen. So können sie Know-How austauschen, wie kleine Gewässer am besten gemanagt werden können.

Renaturierung: Flusssteine wurden in der Ebrach als Fischtreppe installiert.

Flusssteine wurden in der Ebrach als Fischtreppe installiert.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Stattdessen wollen sie eine Maßnahme zeigen, die dem meist schnurgerade verlaufenden und an vielen Stellen mit künstlichen Abstürzen versehenen Fluss ein Stück Natur zurückgeben soll. "Die Ebrach ist in einem ungenügenden Zustand", erklärt Bittl. Schuld daran sei vor allem die schlechte Durchlässigkeit für Fische. Die Abstürze befänden sich bis zu einem Meter über der Wasseroberfläche: Zu hoch für die mindestens 15 Fischarten, die sich in der Ebrach eigentlich stromaufwärts fortbewegen können sollten.

Deswegen habe man sich vor drei Jahren dazu entschieden, an sechs Stellen den Absturz rückzubauen und stattdessen Fischtreppen zu installieren, so Martina Lietsch. Hierzu werden Steine derart in dem Flusslauf positioniert, dass sich kleine Wirbel bilden, über die die Fische aufsteigen können. Klingt einfach, ist aber komplex, wie sich in der anschließenden Diskussion herausstellt. Wird die Rampe falsch konstruiert, kann dies bei Hochwasser etwa dazu führen, dass die Fische weggeschwemmt werden. Auch gehen die Gumpen unter den Abstürzen verloren.

Renaturierung: An mehreren Stellen wurden die Abstürze rückgebaut, um den Fischen den Aufstieg zu erleichtern. Die Betonwand am rechten Bildrand zeigt die ehemalige Höhe des Absturzes an.

An mehreren Stellen wurden die Abstürze rückgebaut, um den Fischen den Aufstieg zu erleichtern. Die Betonwand am rechten Bildrand zeigt die ehemalige Höhe des Absturzes an.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

"Komplex" ist ohnehin das Wort des Tages: In den Vorträgen am Vormittag erläuterten mehrere Redner diverse Themen ums Wasser, mit dem so ziemlich alles steht und fällt. Marion Natemeyer vom Wasserwirtschaftsamt Rosenheim etwa gab einen Überblick über Probleme des Wasserhaushalts, dessen Zukunft und die Bayerische Wasserstrategie 2050.

Der Klimawandel sei deutlich sichtbar, so Natemeyer, etwa wegen niedriger Niederschlagsmengen, sinkender Grundwasserstände und steigender Temperaturen. Deswegen habe der Freistaat Bayern 2021 zu seinen drei Säulen der Wasserstrategie - Hochwasserschutz, ökologische Gewässerentwicklung und Erholung - eine vierte hinzugefügt: die Wassersicherheit. Mittels Zisternen, Begrünung und weiterer Maßnahmen sollen etwa Städte zu Schwammstädten ausgebaut werden, die mehr Wasser zurückhalten und damit die Wasserversorgung stabilisieren.

Ebenfalls um großangelegte Schwämme, wenn auch natürliche, ging es bei Sarah Egg. Die Moorbeauftragte des Landratsamtes gab eine kurze Präsentation über die Funktionsweise von Mooren und dessen vielfältige Ökosystemdienstleistungen. Intakte Moore sind effiziente CO2-Speicher und können bei Starkregen viel Wasser aufnehmen.

Werner Rehklau von der Koordinationsstelle der Gewässernachbarschaften Bayern sprach schließlich darüber, dass auch kleine Fließgewässer - wie die Ebrach - Raum brauchen. Dieser Raum kann verschiedentlich unterteilt werden. Gewässerrandstreifen, Uferstreifen und Entwicklungskorridore bedeuten in verschiedener Breite und verschiedenem Ausmaß, dass sich die Natur frei entfalten darf. Anstatt monokultureller Wiesen- oder Ackerfläche, die sich bis zu einem Bach oder Fluss erstreckt, werden Bäume, Hecken und Schilf gepflanzt. Das hilft nicht nur, die Wassertemperatur abzusenken, sondern bietet auch ein vielfältigeres Habitat für Flora und Fauna.

Bei Renaturierungsmaßnahmen müssen stets Kompromisse gefunden werden

Solche Maßnahmen bergen allerdings auch Konfliktpotential, wie man bei den Diskussionen im Tullinger Dorfgemeinschaftshaus und an den Ufern der Ebrach hören kann. So sind beispielsweise die Naturschutzbehörden nicht immer vollends begeistert, wenn eine Wiese zugunsten von Sträuchern und Bäumen verschwindet, da sie der Lebensraum für Wiesenbrüter ist. Allerdings könne man meist einen Kompromiss finden, so der O-Ton der Teilnehmer.

Kompromisse müssen außerdem mit den Landwirten gefunden werden, denen meist die an die Fließgewässer angrenzenden Grundstücke gehören. So kommt am Ufer der Ebrach etwa die Frage auf, weshalb Renaturierungsmaßnahmen zwischen August und Oktober durchgeführt werden müssen und nicht im Winter, wenn sie die Arbeit der Bauern nicht behindern. "Die Amphibien graben sich im Winter in die Erde am Ufer", erläutert daraufhin Thomas Bittl. "Baggert man sie im Winter aus, um einen Uferstreifen zu bauen, sind sie schon starr und können sich nicht wieder eingraben." Gefundenes Fressen für Krähen und andere Raubtiere.

Viele solcher Details müssen bei Renaturierungsmaßnahmen beachtet werden. Ein Landwirt kritisiert etwa, dass bei einem Bach in seiner Nähe der Mutterboden abgetragen wurde, um das Ufer tieferzulegen. Das dient unter anderem dazu, dass sich bei Hochwasser die Fluten leichter auf das Land verteilen können. "Aber wenn man nicht eine Schicht Erde dalässt, wächst nichts", sagt er. Jetzt müsse ständig der Versandung durch den lehmigen Boden entgegengewirkt werden.

Renaturierung: Die Teilnehmer des Nachbarschaftstags am Rand der ersten Schleife. Es lässt sich erkennen, dass sie im Begriff ist, wieder zu verlanden.

Die Teilnehmer des Nachbarschaftstags am Rand der ersten Schleife. Es lässt sich erkennen, dass sie im Begriff ist, wieder zu verlanden.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Und auch an der Ebrach lief nicht immer alles wie geplant. Das lässt sich an der zweiten Stelle begutachten, zu der die Exkursion des Nachbarschaftstags führt. Ein paar Meter vom Gebiet der Stadt Ebersberg entfernt, in der Nähe der Bärmühle, hatte die Gemeinde Steinhöring vor zehn Jahren versucht, zwei Schleifen in den Fluss zu bauen. Diese dienen Ebenfalls dazu, mehr Raum für diverse Habitate und Platz für das Wasser zu schaffen.

Die Ebrach zeigte sich - zumindest bei der ersten Schleife - davon unbeeindruckt. Sie floss weiter entlang des ursprünglichen Verlaufs, der Arm der Schleife droht zu verlanden. Was tun? Nochmal ausbaggern und den Fluss mittels Flusssteinen stärker in diese Richtung stupsen? Oder als Altarm belassen? Die Meinungen der Teilnehmenden gehen ein wenig auseinander.

Renaturierung: Ein paar Meter flussabwärts lässt sich erkennen, wie die zweite Schleife ihren Zweck erfüllt.

Ein paar Meter flussabwärts lässt sich erkennen, wie die zweite Schleife ihren Zweck erfüllt.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Genau nach Plan lief es hingegen eine Schleife weiter, obwohl unklar ist, weshalb. "Vielleicht ist der Flussstein hier ein paar Millimeter höher", mutmaßt Werner Rehklau. Genau sagen kann es allerdings niemand.

Manchmal ist Renaturierung ohnehin mehr Kunst als Wissenschaft. Das dachte sich auch einer der Baggerfahrer, der bei den Aushubarbeiten mitgeholfen hat. Auf eigene Initiative errichtete er einen Totholzstamm als Insektenbehausung, die in der Landschaft rar geworden sind. Martina Lietsch war anfangs nicht sonderlich begeistert von dem Baum und auch Thomas Bittl meint, über die Umsetzung ließe sich streiten. Dennoch freuen sich beide über die Initiative. Denn wie das so ist, bei guten Nachbarschaften: Auf den anderen Zuzugehen ist meist die halbe Miete.

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