Markt Schwaben Pizzeria verursacht 120 Fehlalarme

Wenn Nico, der Pizzabäcker des Markt Schwabener La Piazza, besonders viel zu tun hat, reicht die Kraft des Abzugs nicht für den Rauch aus. Die Frage ist, ob dafür die Pizzeria oder der Hauseigentümer verantwortlich ist.

(Foto: Photographie Peter Hinz-Rosin)

120 Mal ist Markt Schwabens Feuerwehr umsonst in das Lokal ausgerückt. Seit zehn Jahren gibt es dort ein Problem mit den Brandmeldern. Jetzt kommt der Fall vor Gericht.

Von Korbinian Eisenberger, Markt Schwaben

Die Pizza Regina dampft im schummrigen Licht, der Ofen knackt. Es könnte so gemütlich sein im Gewölbe mit den flackernden Kerzen. Doch diese Gemütlichkeit trügt: Ein Heulen dröhnt durch die Tischreihen, Menschen halten sich ihre Ohren zu, kurz darauf stehen Feuerwehrleute in der Tür und evakuieren das Lokal. Das Geschäftsessen ist vorbei, die Gäste warten eine halbe Stunde draußen, dann gibt die Feuerwehr die Pizzeria wieder frei. Das Essen ist kalt, das Bier schal: Es war Fehlalarm Nummer 98.

Die Szene stammt aus dem Oktober 2016, sie ist im Protokoll der Wirtin und im Brief eines wütenden Gastes vermerkt, so oder so ähnlich spielt es sich immer ab. Es ist wie in einem wiederkehrenden Traum, nur dass es im La Piazza Realität ist: Dutzende Beschwerdebriefe sind in der Markt Schwabener Pizzeria über die Jahre eingegangen. Die einen drohen mit Boykott, andere verabschieden sich für immer. Der Feuermelder hat ihnen den Abend vermiest, die Geburtstagsfeier, das Geschäftsessen. Stammkunden sind so verloren gegangen, Mitarbeiter haben gekündigt, und alle fragen sich: Warum kriegt das La Piazza seine Rauchmelder nicht in den Griff?

Ein Abend im November, Mieterin Angela Dachs sitzt in der Pizzeria, sie rauft sich die Haare, ringt um Fassung. Es klingt banal, fast komisch: Hier hat es in zehn Jahren 120 Fehlalarme gegeben. 120 mal ging die Sirene, 120 mal rückte die Feuerwehr an, 120 mal umsonst. Allerdings nie gratis, wiederum der Grund, warum sich nun das Münchner Landgericht mit der Pizzeria beschäftigt. Dort wird im Januar geklärt, wer die Rechnungen der vergangenen Jahre begleichen muss: Der Eigentümer des Unterbräu-Gebäudes, so sieht es Dachs, oder das La Piazza, so sieht es der Eigentümer.

Alles, weil im Lokal der Ofen dampfte. Man müsste es für das Drehbuch einer Komödie halten, für einen schlechten Scherz, wäre es Angela Dachs und ihrer Belegschaft nicht so bierernst. "Ich fürchte um unser Lokal, die Mitarbeiter und ihre Familien", sagt sie. Ihr Problem: Der Abzug in der Küche ist nicht stark genug, um den Rauch des Pizzaofens abzusaugen - zumindest nicht dann, wenn dort Hochbetrieb ist, etwa am Wochenende, wenn das Lokal voll ist. Mit zunehmender Frequenz des Pizzabäckers steigt so stets die Wahrscheinlichkeit, dass die Markt Schwabener Feuerwehr zum Einsatz gerufen wird.

Wie oft er schon in voller Montur Richtung Unterbräu unterwegs war? Markt Schwabens Feuerwehr-Kommandant Christian Hankofer kann die Einsätze nicht mehr zählen, bei denen er dabei war, aber es war oft, sehr oft. "Wir kommen dann mit zwei Löschfahrzeugen und 15 Mann", sagt er, Schläuche haben sie dann noch nie gebraucht. Amüsiert sei er gar nicht über die ganze Geschichte, sagt er, "man muss da ernst bleiben, es könnte immer der Fall eintreten, dass es wirklich brennt". Generell seien zwar 85 bis 90 Prozent aller Rauchmelder-Einsätze Fehlalarme, sagt er. Dennoch: Wenn im La Pizza mal wieder die Sirene losgeht, gilt für Hankofer und seine Männer die humorlose Devise: Rein in die Uniform und Helm auf.

Warten auf den Erlöser, der die Rauchzeichen der Regina erkennt

Zu verdanken haben Markt Schwabens Feuerwehrler ihre Pizzeria-Besuche der Abzugshaube über dem Pizzaofen, hier liegt der Kern des Streits zwischen dem Lokal und dem Hauseigentümer. Der heißt Helmut Neumayer und ist Geschäftsführer einer Immobilienfirma in Taufkirchen an der Vils (Landkreis Erding). Am Telefon erklärt er, dass er sich an alle Vorgaben gehalten habe. Wegen der Fehlalarme hat er das Haus für 300 000 Euro ausbauen lassen, knapp 50 000 Euro in Brandschutz, Rauchmelder und Abzug investiert.

Gutachter hätten bestätigt, dass alles korrekt sei, so Neumayer. Warum die Abzugshaube dann nicht stark genug ist? Vielleicht weil die Pizzeria den Motor auch noch anderweitig verwende und ihn so überlaste, das könnte ein Grund sein, vermutet Neumayer. Es gibt jedenfalls einen Mängelbericht vom Kaminkehrer, der die "Abzugsleistung" als "ungenügend" einstuft. Abschrauben darf Neumayer die Rauchmelder auch nicht, da käme er erst Recht in Teufels Küche.

Wer also ist für das Problem verantwortlich und muss nun bezahlen? Klar ist: Die Gemeinde steht hier neuerdings nicht mehr in der Pflicht. Bis April 2015 hat immer das Markt Schwabener Rathaus bezahlt, bei 90 Einsätzen à 300 Euro dürften so über die Jahre um die 30 000 Euro zusammen gekommen sein. Seit einer Satzungsänderung gilt nun aber, dass bei Fehlalarmen im Ort der Verursacher blechen muss. Wenn Dachs und Neumayer nun am 9. Januar vor Gericht stehen, geht es also um die Feuerwehr-Einsätze der vergangenen zweieinhalb Jahre. Dem Protokoll der Pizzeria nach wären das 32 - Fehlalarme im Gesamtwert von 10 000 Euro.

Vielleicht wird das Gericht dann zu einem Urteil kommen, das eigentliche Problem wird damit aber wohl kaum gelöst sein. "Ich sehne mich einfach danach, dass die Fehlalarme aufhören", sagt Dachs. Damit die Zeiten vorbei sind, in denen der Koch den frisch gebackenen Seewolf in der Pfanne verschmoren lassen muss, weil die Feuerwehr das Restaurant räumt. Zeiten, in denen die Kellnerinnen ihre sauren Gäste mit süßem Gratis-Schnaps besänftigen müssen. Angela Dachs hebt die Arme, so als hoffe sie auf einen, der die Rauchzeichen erkennt und das La Piazza erlöst.