SZ-Serie: Der Start ins Amt:"Es geht rund, und ich bin mittendrin"

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SZ-Serie: Der Start ins Amt: "Wir sind ein gutes Team, eine tolle Mischung aus Fachleuten", sagt Bürgermeisterin Martina Lietsch über ihren Gemeinderat.

"Wir sind ein gutes Team, eine tolle Mischung aus Fachleuten", sagt Bürgermeisterin Martina Lietsch über ihren Gemeinderat.

(Foto: Christian Endt)

Der Stillstand zum Beginn der Corona-Zeit ist vorbei: Die Steinhöringer Bürgermeistern Martina Lietsch hat die ersten Projekte begonnen.

Interview von Daniela Gorgs, Steinhöring

Die ersten 100 Tage ihrer Amtszeit als Bürgermeisterin waren für Martina Lietsch (Freie Liste Steinhöring) vor allem eine Zeit des Vertröstens und Improvisierens. Ihr Start in der Gemeinde Steinhöring war überschattet von der Corona-Pandemie. Das Rathaus musste geschlossen werden, die erste Gemeinderatssitzung fand in der Turnhalle unter dem Basketballkorb statt.

SZ: Wie geht es Ihnen? Haben Sie sich gut eingelebt?

Martina Lietsch: Ja, allerdings waren die ersten zehn Tage ziemlich komisch. Ich hätte sehr gerne einen offiziellen Einstand gegeben, was coronabedingt leider nicht ging. Ich habe mich dann einzeln bei meinen Mitarbeitern vorgestellt, bei der Verwaltung, dem Hausmeister, den Reinigungskräften und dem Bauhof. Viele Termine für große Projekte lagen plötzlich auf Eis. Ich musste Bürger, die mit ihren Anliegen zu mir kommen wollten, vertrösten. Es ist einiges aufgelaufen.

Und jetzt? Es war sehr schwierig, Sie ans Telefon zu bekommen.

Ja, das Leben ist wieder angelaufen. Wir müssen jetzt sehr viel aufarbeiten. Es geht rund, und ich bin mittendrin.

Sie klingen voller Schwung und Energie.

(lacht) Das macht mir großen Spaß. Es rufen sehr viele Bürger an, die einen Termin haben wollen. Die Terminvereinbarung hat sich bewährt. Da unser Eingangsbereich sehr klein ist, wird somit verhindert, dass Bürger unter Berücksichtigung des Mindestabstands bis vor dem Rathaus stehen müssen. Termine sind in der Regel sehr kurzfristig zu bekommen. In dringenden Fällen und zur Abholung zum Beispiel von gelben Säcken kann am rückseitigen Eingang geklingelt werden. Die Rückmeldungen zu diesem Procedere sind durchweg positiv.

Welche Themen sind Sie schon angegangen?

Wir stecken gerade mitten in der Umwandlung des maroden Lagerhauses am Bahnhof. Dazu wird ein städtebaulicher Wettbewerb ausgelobt, den wir jetzt vorbereiten. Wir bekommen hohe Zuschüsse und wollen das Gebiet gemeinsam entwickeln. Es wird Wohnungen geben und einen Bereich für die Öffentlichkeit mit kulturellen Angeboten. Alles unter einen Hut zu bekommen mit Schall- und Bodengutachten wird noch eine kniffelige Angelegenheit werden. Ein weiteres dringendes Thema, das uns gerade beschäftigt, ist das Breitband, der Anschluss an schnelles Internet für die Gemeinde mit ihren insgesamt 52 Ortsteilen. Landschaftlich sind die vielen kleinen Weiler, die zu Steinhöring gehören, sehr idyllisch. Es ist allerdings sehr kompliziert, das ganze große Gebiet mit Breitband zu erschließen. Hier ist auch einiges wegen Corona zum Erliegen gekommen, was nicht so erfreulich ist.

Viele Bürger werden erst einmal vertröstet?

Ja, leider. Ich höre mir die Anliegen an und versuche, diese zeitnah zu lösen, soweit es möglich ist. Wichtig ist, die Bürger zu informieren.

Sie hören viel zu. Können das Frauen besser als Männer?

Das möchte ich jetzt nicht pauschalieren. Aber ich denke schon, dass Frauen sehr gut zuhören können. Sie haben grundsätzlich eine andere Art zu kommunizieren. Wir sind offener und gehen bei bestimmten Themen mehr in die Tiefe.

Vielleicht sind Frauen auch zurückhaltender und diplomatischer? Sie wollten bereits 2014 Bürgermeistern werden. Die Wahl haben Sie sehr sehr knapp verloren und die haarscharfe Niederlage ohne Gram und sehr sportlich genommen.

Ich hätte es schon damals sehr gerne gemacht, aber es hat nicht sein sollen. Ich hatte eine tolle Arbeit, die mir sehr viel Spaß gemacht hat, und ein tolles Kollegenteam. Ich musste mich nicht grämen. Ich habe die Niederlage ganz pragmatisch gesehen. Es passiert alles zu seiner Zeit.

Und die ist jetzt da.

Ja, ich freue mich sehr über die neuen Herausforderungen. Ich hatte schon in meiner Arbeit am Landratsamt viel mit Architekten, Landwirten und Bauherren zu tun. Das ist genau das Klientel, mit dem ich jetzt zusammenarbeite. Ich kann mich mit meinem Wissen im Naturschutz sehr gut für die Gemeinde einbringen. Wir haben auch schon auf Gemeinde- und Privatflächen Blühstreifen realisiert und Pflegerhythmen umgestellt. In Sachen Ortsgestaltung ist noch Luft nach oben. Ich freue mich auch sehr, dass die Erschließungsverträge für das Baugebiet in Tulling jetzt abgeschlossen werden und hoffe, dass wir im Herbst dann mit den Arbeiten beginnen können.

Mit dem Ziel, ein neues Baugebiet auszuweisen und bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, sind sie in den Wahlkampf gegangen.

Es ist mir sehr wichtig, mitzuentscheiden, wie sich unsere Orte entwickeln. Wo Wohnraum entstehen sollen, wie die Infrastruktur mithalten kann. Es ist wahnsinnig schwierig einzuordnen, wie groß der Bedarf sein wird. Das ist sehr komplex. Wir als Gemeinde müssen überlegen, in welcher Größenordnung die Orte weiterwachsen und was wir für die Bürger schaffen wollen.

"Wir" - damit meinen Sie Ihren Gemeinderat?

Ja, wir sind ein gutes Team, eine tolle Mischung aus Fachleuten. Wir haben einen Elektriker, Zimmerer, Bauingenieur. Ich glaube und wünsche mir, dass wir gut zusammenarbeiten werden.

Eine Sitzung zu leiten, ist für Sie jetzt kein Neuland. Als ehemalige Zweite Bürgermeisterin haben Sie das in den vergangenen Jahren bereits gemacht.

Klar, aber als Erste Bürgermeisterin ist das noch mal etwas anderes. Bei einer Bürgermeisterin schaut man schon genauer, ob sie sich bewährt und durchsetzen kann. Ich trage allein die Verantwortung. Das Schöne ist, dass ich auch im Rathaus motivierte und kompetente Kollegen habe, die mir helfen. Ich habe ein sehr gutes Team. Wir sind die geballte Frauenpower, wir haben nur einen Mann in der Verwaltung. Da müssen wir aufpassen, dass er nicht überrollt wird (lacht).

Erlauben Sie einen Blick in die Zukunft?

Wir müssen positiv in die Zukunft blicken. Alle Mitarbeiter, den Bauhof eingeschlossen, sind sehr motiviert. Ich hoffe, dass wir das alles schaffen, was möglicherweise wegen der Pandemie auf uns zukommt. Man muss jetzt abwarten, was mit der Kreisumlage passiert. Ich hoffe, dass wir alle eingeplanten Förderungen bekommen und die Vorhaben finanziell stemmen können. Die Konjunktur muss am Laufen bleiben.

Wie ist die Zusammenarbeit mit Ihrem Sohn, der in den Gemeinderat gewählt wurde?

Gut, unsere jungen Gemeinderäte sind auch sehr motiviert. Sie haben ihre eigenen Ziele und arbeiten gerade an der Zukunft des Jugendtreffs.

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