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Landkreis Ebersberg:"Den 'Querdenkern' laufen die Leute weg"

Auch in Poing demonstrieren Menschen regelmäßig gegen die Corona-Maßnahmen.

(Foto: Christian Endt, Fotografie & Lic)

Die Anti-Corona-Proteste im Landkreis Ebersberg flauen ab, doch einiges vom Gedankengut bleibt. Eine Zwischenbilanz.

Von Johannes Korsche, Ebersberg

Marthe Balzer, 42, engagiert sich bei "Bunt statt Braun - Bündnis gegen Rechtsradikalismus im Landkreis Ebersberg". Mit der Corona-Krise entstand auch im Landkreis eine "Querdenker"-Szene, die gegen die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie protestierte. Ein Gespräch über antisemitische Codes einer Grafinger Protestaktion, wie gefährlich ein radikalisierter Kern der "Querdenker" sein könnte - und darüber, wie man mit Familienmitgliedern oder Freunden in der "Querdenker"-Szene am besten umgeht.

SZ: Frau Balzer, als vor kurzem auf dem Grafinger Marktplatz leere Kinderschuhe standen, war die Empörung bei Ihnen groß. Warum eigentlich?

Marthe Balzer: Diese Aktion hat aus unserer Sicht den Holocaust relativiert. Die Symbolik der leeren Schuhe wird zum Beispiel in der Gedenkstätte Auschwitz oder in Yad Vashem (Internationale Holocaust- Gedenkstätte bei Jerusalem, Anm. d. Red.) genutzt, um den im Holocaust vernichteten Kindern zu gedenken. Diese Vernichtung mit einem "Maskenzwang" zu vergleichen, wie es da passiert ist, fanden wir mehr als geschmacklos.

Marthe Balzer, 42, ist Mitglied der Ebersberger SPD. Sie engagiert sich unter anderem in der Flüchtlingsarbeit und bei "Bunt statt Braun – Bündnis gegen Rechtsradikalismus im Landkreis Ebersberg“.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Glauben Sie, dass das eine bewusste Referenz, eine gezielte Provokation war?

Ich würde nicht sagen, dass jeder, der seine Schuhe da hingestellt hat, den Holocaust relativieren wollte. Aber wir haben Menschen, die bei der Aktion mitgemacht haben, auch persönlich auf Facebook darauf hingewiesen, und der Tenor der Antworten war: Man kann ja überall das Haar in der Suppe finden. Zumindest war es also für viele kein Problem, den Holocaust zu relativieren.

Sie haben die Aktion schnell der selbsternannten "Querdenker"-Szene zugeordnet. Hat sich das bestätigt?

Auf jeden Fall. Das ist, von dem was wir wissen, derselbe Personenkreis gewesen, der Kundgebungen gegen die Corona-Maßnahmen organisiert hat. Und übrigens auch dort antisemitische Narrative bedient hat: Bill Gates, George Soros, Weltverschwörung, Finanzelite...

Das volle Programm der antisemitischen Codewörter, die von der Neuen Rechten gebraucht werden.

Ja, genau. Diese Codes ziehen sich durch die ganzen Proteste. Es gibt auch Menschen, die auf solchen Kundgebungen zum Beispiel mit einem gelben Judenstern und dem Schriftzug "ungeimpft" auf der Kleidung erscheinen. Das Impfen war ja auch so ein großer Aufhänger. Die Behauptung: Wir werden geimpft und dann werden wir alle sterben. Und nun sind schon sehr viele Menschen geimpft, aber das große Sterben ist ausgeblieben.

Außerdem sinkt die Inzidenz, was zu immer mehr Lockerungen führt. Wie aktiv sind die "Querdenker" in Grafing und dem Landkreis noch?

Denen laufen zurzeit die Leute weg. Wobei ich schon die Befürchtung habe, dass sich ein harter Kern radikalisiert hat und bestehen bleibt. Gerade in der radikalen Impfgegner-Szene.

Wie viele sind in diesem harten Kern?

Das kann ich nicht sagen, aber es sind nicht viele. Wir sind kein Nazi-Landkreis.

Wie gefährlich sind diese wenigen Radikalisierten noch?

Mir macht es Sorge, dass Menschen in unserer Demokratie der Meinung sind, dass wir in einer Diktatur leben würden, dass ihre Meinungsfreiheit beschnitten wäre. Solange es nicht verfassungsfeindlich oder volksverhetzend ist, kann jeder jeden Quatsch erzählen - und sei es, dass die Erde eine Scheibe ist. Aber aus Worten werden Taten: der Terroranschlag von Hanau oder der Mord an Walter Lübcke. Jede Tat wurde von jemandem begangen, der sich radikalisiert hatte und dann zur Waffe griff. Das zeigt, dass es gefährlich ist, wenn unser Staat, unsere Demokratie von einigen komplett abgelehnt wird. Das empfinde ich als beängstigend.

Sie haben gerade gesagt, dass viele ehemalige "Querdenker" der Szene momentan den Rücken kehren. Wie kann man mit Familienmitgliedern oder Freun- den umgehen, die diesen Weg gerade gehen?

In Kontakt bleiben, weiter mit der Person sprechen. Aber auch Grenzen setzen und manchmal sagen: Ok, da rede ich jetzt mit dir nicht mehr weiter, aber meine Tür ist weiterhin offen. Inwieweit man den Kontakt möchte, ist aber natürlich eine sehr individuelle Entscheidung.

© SZ vom 24.06.2021/aju
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