Ausstellung in Ebersberg:Viel mehr als Gesichter

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KVE Mitgliederausstellung

"Spieglein, Spieglein an der Wand": Arnd Christian Mueller lädt die Besucher des Ebersberger Kunstvereins dazu ein, sich selbst zu betrachten.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Unter dem Motto "Selbstporträt" geben die Mitglieder des Ebersberger Kunstvereins nicht nur Einblicke in ihr Schaffen, sondern auch in ihre Leben und Persönlichkeiten

Von Anja Blum, Ebersberg

Der Ebersberger Kunstverein ist ja durchaus heterogen. Da treffen nicht nur Maler auf Bildhauer und Fotografen. Sondern auch Handwerker auf Philosophen, Provokateure auf Dekorateure, Spätberufene auf junge Talente, Studierte auf Autodidakten. Insofern stellt die Mitgliederausstellung die Verantwortlichen jedes Jahr wieder vor eine große Herausforderung: Einerseits ist dieses interne Schaulaufen stets ein Publikumsmagnet, andererseits in seiner Vielfalt nur schwer homogen zu komponieren. Gibt man überhaupt ein Thema vor? Und wenn ja, welches? Schließlich sollen sich die Mitglieder alle wohl damit fühlen. Ein Spagat zwischen Konzept und Freiheit also - den der Kunstverein diesmal besonders gut gemeistert hat: Zu seinem 40. Geburtstag dürfen sich die Mitglieder von einer ganz persönlichen Seite zeigen, denn das Motto lautet "Selbstporträt". Und da nicht nur der Verein vielgestaltig ist, sondern auch jeder einzelne Mensch, ist auf diese Weise eine höchst abwechslungsreiche und zugleich schlüssige Ausstellung gelungen.

KVE Mitgliederausstellung

Die Bandbreite ist groß: "Selbstporträts" aus Stein treffen auf Pop-Art oder Abstraktes.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Auch bei den Mitgliedern ist die Idee zur Jubiläumsausgabe offenbar sehr gut angekommen, 77 haben Werke eingereicht. "Zwei sind sogar extra deswegen beigetreten", freut sich Beirätin Martina Brenner. Schön sei außerdem, dass alle Exponate im Erdgeschoss der Alten Brennerei untergebracht werden konnten. Im ersten Stock nämlich fliegt derzeit ein Versuchsballon: Unter dem Motto "Kunstsinn - der andere Weihnachtsmarkt" findet parallel zur Schau der Mitglieder eine Verkaufsausstellung im Studio an der Rampe statt. Jedes Mitglied, das ein Porträt abgab, durfte bis zu drei weitere Arbeiten dafür beisteuern. Die Bedingungen: ein kleineres Format und ein moderater Preis von maximal 350 Euro. Denn beim "Kunstsinn" soll es so wenig Hemmschwellen geben und so locker zugehen wie möglich. Deswegen sind die Arbeiten auch nicht gehängt, sondern liegen auf niedrigen Tischen aus. So können die Besucher ganz ungezwungen stöbern und ihre Funde auch gleich mitnehmen. Weihnachtliches aber gibt es dort nicht, und erst recht keinen Kitsch, sondern freie Arbeiten regionaler Kunstschaffender zum Lachen, Träumen und Rätseln. Da liegt Abstraktes neben Floralem, Collagen treffen auf Skulpturen, einiges ist seriell, manches indisch, asiatisch oder orientalisch angehaucht.

KVE Mitgliederausstellung - KUNSTsinn

Bilder to go: Bei der Verkaufsausstellung "Kunstsinn - der andere Weihnachtsmarkt" soll es so wenig Hemmschwellen wie möglich geben.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Kaufen kann man aber freilich auch die meisten Selbstporträts in der Mitgliederausstellung, allerdings muss man dafür in der Regel etwas tiefer in die Tasche greifen. Für den Betrachter lohnt sich ein Besuch indes allemal, denn die Schau gibt einen so breiten wie tiefen Einblick in die Kunstszene des Landkreises. Trotz des vorgegebenen Mottos loten die Werke eine große Bandbreite an Materialien, Techniken, Stilen, Formaten und Interpretationen aus: Man blickt hier keinesfalls nur in Gesichter, sondern darf die Facetten vieler Leben und Persönlichkeiten entdecken. "Das Thema Selbstporträt kann man ja ganz klassisch verstehen, aber auch eher frei", sagt Projektleiterin Luci Ott, und beide Ansätze seien vertreten. "Es gibt zum Beispiel auch einige völlig abstrakte Arbeiten, bei denen man aber trotzdem spürt, dass da sehr viel Persönliches vom Künstler drinsteckt."

KVE Mitgliederausstellung

Zeitrausch: Das Selbstportrait von Verena Ditterich blickt zurück auf die vergangenen 40 Jahre. Wo sind sie geblieben?

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Ein sehr schönes Beispiel hierfür ist das kontrastreiche Gemälde von Verena Ditterich: Zwei gelb-orange-rote Pinselfahrer sausen wie Kometen über einen dunkelblauen Hintergrund. "1980 bis 2020" lautet der Titel des Bildes - und ja, die Zeit rauscht nur so an einem vorbei, oder? Die vergangenen 40 Jahre, wo sind sie geblieben? Überhaupt blicken viele der Ausstellenden zurück in die Vergangenheit, zeigen Porträts aus jungen Tagen, oder gar den Alterungsprozess im Zeitraffer. Und Isolde Egger treibt den Gedanken der Vanitas humorvoll auf die Spitze: Sie zeigt einen Totenkopf, modelliert aus Paper Clay und bunt bemalt - "Ich in 40 Jahren".

KVE Mitgliederausstellung

Manches Selbstporträt beweist viel Humor, etwa Isolde Eggers Plastik mit dem Titel "Ich in 40 Jahren".

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Klar gibt es viele klassisch gezeichnete oder gemalte Porträts zu sehen, doch auch die Verfremdung begegnet dem Besucher allenthalben. Sei es in der Malerei, bei der Fotografie oder in Objekten. Die Selbstporträts sind mal verpixelt, mal mit Wachs überzogen, mal mit einer Maske versehen, mal in geometrische Formen aufgelöst, mal mit schnellem Strich nur skizziert, mal in Warholscher Manier knallbunt koloriert. Erstaunlich ist, wenn der Schöpfer trotz aller Abstraktion erkennbar bleibt, etwa bei den Holzschnitten von Melanie Kirchlechner. Der Lockenkopf, die Gesichtszüge - kein Zweifel! Und weil der Mensch eben so vielschichtig ist, sind es oftmals auch die Selbstporträts, sei es mittels Collage, Malerei oder Druck. Stanko Ropić etwa packt so in "Jetztzukunft" gleich mehrere Zeitebenen zusammen.

KVE Mitgliederausstellung

Viele Künstlerinnen und Künstler arbeiten bei ihren Porträts mit Verfremdung, etwa Stanko Ropić bei "Jetztzukunft".

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Doch nicht nur viele Schichten, auch besondere Materialien haben die Mitglieder des Kunstvereins genutzt, um sich selbst in Szene zu setzen. Da gibt es einen bunt verzierten Tennisschläger, Steinskulpturen, einen Bronzekopf, eine lebensgroße Frau aus geflochtener Weide, eine bemalte Langspielplatte, Objekte aus Gipsabdrücken von Ohr, Mund, Auge und Nase oder eine von hinten angestrahlte Latexmaske: "Ego leuchtet". Dass diese Arbeit von Andreas Mitterer, dem Chef des Ebersberger Kunstvereins, stammt, ist allerdings höchstens zu erahnen.

KVE Mitgliederausstellung

"Ego leuchtet": Aber ist das wirklich Andreas Mitterer?

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Manche Arbeiten zielen aber auch mehr auf das Innere als das Äußere ab. Maja Ott zum Beispiel lässt mit ihrer Hinterglasmalerei diesmal Gesellschaftskritik anklingen: Unter dem Titel "Meine biometrischen Daten" kann man da Fingerabdrücke erkennen, eine Doppelhelix, Gehirnmasse, Adern und einen QR-Code. Das Selbst - ein völlig transparentes, berechenbares Individuum? Einen ebenfalls tiefen Einblick gibt Rosa Quint, die ihre Tage- und Skizzenbücher ausstellt. Ein Stapel kleiner schwarzer Hefte auf einem Sockel, der mit Auszügen aus eben diesen beklebt ist. "Bio-Grafie" heißt diese Installation, "meine Archive 2009 bis 2019". Und wer weiß, vielleicht befindet sich im Inneren der Büchlein sogar noch ein kleines Selbstporträt.

KVE Mitgliederausstellung

Ist das Innere nicht wichtiger als das Äußere? Rosa Quint zeigt ihre "Bio-Grafie - Archive 2002 bis 2019".

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Kunstverein Ebersberg, Alte Brennerei im Klosterbauhof, Mitgliederausstellung "Selbstporträt" und "Kunstsinn - der andere Weihnachtsmarkt" von Freitag, 26. November, 19 Uhr, bis Sonntag, 19. Dezember. Keine Vernissage. Es gilt 2 G plus, mitgebrachte Schnelltests können vor Ort angewendet werden. Am Freitag, 26., ist von 19 bis 21 Uhr geöffnet, am Samstag, 27., von 11 bis 18 Uhr. Für diese beiden Tage ist eine Anmeldung per Doodle notwendig. Ab Sonntag, 28. November, normale Öffnungszeiten ohne Anmeldung: freitags 18 bis 20 Uhr, samstags und sonntags von 14 bis 18 Uhr. Die Schulen im Landkreis sind zu einem Besuch inklusive "Selfie"-Workshop eingeladen, Anmeldung per Mail an info@kunstvereinebersberg.de.

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