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Kommentar:Ein ineffizientes System

Dass nun auch in Arztpraxen geimpft wird, ist gut und richtig. Das Prozedere, welches die Politik vorgibt, lässt allerdings zu wünschen übrig, dass es überhaupt funktioniert, liegt am Engagement der Leute an der Basis

Von Johanna Feckl

Warum kompliziert, wenn es auch einfach geht? Es scheint, als ob so das Gebot der Stunde lautet - ach was: Das Gebot der vergangenen Pandemie-Monate. Bund und Länder beschließen Öffnungsschritte und Notbremsen, Wellenbrecher-Lockdowns und Brücken-Lockdowns, Teststrategien und Impfstrategien. Schön und gut, aber halt auch nur theoretisch. In der Praxis erweist sich immer wieder: Ein Durchblick fällt zunehmend schwer, ein positiver Effekt auf Zahlen bei Infektionen, Intensivpatienten und Todesfälle hält sich in Grenzen. Auslöffeln dürfen die Suppe dann die Verantwortlichen an der Basis, in diesem Fall: die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der niedergelassenen Fach- und Hausarztpraxen.

Endlich gibt es Unterstützung für die Impfzentren, niedergelassene Ärzte und Ärztinnen dürfen impfen. Erst dann natürlich, wenn sie alle Patientinnen und Patienten durchtelefoniert haben. Fast 7400 Landkreisbürger, die älter als 80 Jahre sind und somit in die höchste Prioritätsgruppe fallen, sind bereits geimpft - also: 7400 Anrufe, die eigentlich gar nicht stattfinden müssten, wenn die Arztpraxen von diesen Impfungen wüssten. Angenommen, ein durchschnittliches Telefonat dauert zwei Minuten, dann sind das fast 250 verschwendete Stunden. Hinzu kommt freilich noch der zeitliche Aufwand, die Kontaktlisten der Betroffenen überhaupt zu erstellen, und es soll ja irgendwann auch Unter-80-Jährige geben, die ihre Impfung in einem der Impfzentren erhalten haben und von den Praxen trotzdem kontaktiert werden. Im Landkreis Ebersberg sind bislang 170 Menschen an einer Corona-Erkrankung gestorben, wer weiß, wie viele durch Long-Covid ihr restliches Leben geprägt sein werden. Ist da wirklich Zeit, einfach mal so 250 Stunden zu vergeuden? 250 Stunden, in denen man auch impfen könnte?

Die Antwort ist klar: Nein. Jetzt ist nicht die Zeit, um auch nur eine Stunde zu vergeuden. Hätten Bund und Länder es ermöglicht, dass die Praxen Zugriff auf das Impf-Portal hätten, um anhand von zwei Klicks die Informationen zu erhalten, welche ihrer Patienten bereits geimpft sind und welche nicht, dann könnten sehr viel mehr Menschen sehr viel schneller geimpft werden. Und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Praxen müssten sich nicht mit der frustrierenden, weil unnötigen Telefoniererei herumplagen und noch mehr Überstunden aufbauen. Ihnen gilt ein enormer Dank, dass sie es trotzdem tun - ganz einfach, weil die Politik es nicht schafft, ihnen bessere Instrumente an die Hand zu geben. Das System ist ineffizient - gut, dass es die Leute an der Basis nicht sind.

© SZ vom 09.04.2021
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