Bund Naturschutz:"Es macht Spaß, jeden Tag mit der Einstellung ran zu gehen: jetzt erst recht"

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Bund Naturschutz: Josef Biesenberger aus Grafing will neuer Kreisvorsitzender des Bundes Naturschutz werden.

Josef Biesenberger aus Grafing will neuer Kreisvorsitzender des Bundes Naturschutz werden.

(Foto: Christian Endt)

Nach vielen Jahren als Bund-Naturschutz-Kreisvorsitzender hört Olaf Rautenberg nun auf. Sein Nachfolger will der Grafinger Josef Biesenberger werden. Er hat sich viel vorgenommen - und steht wie sein Vorgänger hinter dem Windpark im Forst.

Von Merlin Wassermann, Ebersberg

Zu Besuch bei Josef Biesenberger muss man sich nicht warm anziehen. Seine Dachgeschosswohnung in Grafung ist nicht nur gut isoliert, der Mann selbst sorgt mit schelmischem Blick, angenehmer Stimme und kleinen Späßen für Wohlfühlatmosphäre.

Biesenberger ist der designierte Nachfolger für das Amt des Bund-Naturschutz-Kreisvorsitzenden. Dessen bisheriger Inhaber, Olaf Rautenberg, musste sich nach langjährigem und verdienstvollem Einsatz zurückziehen. Rautenberg sollte im vergangenen Jahr vom Bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU) ein Ehrenzeichen für sein ehrenamtliches Engagement verliehen bekommen. Er lehnte dies jedoch aus Protest gegen die Klimapolitik der CSU ab.

Bund Naturschutz: Nach 19 Jahren im Amt gibt Olaf Rautenberg den Kreisvorsitz des Bundes Naturschutz auf.

Nach 19 Jahren im Amt gibt Olaf Rautenberg den Kreisvorsitz des Bundes Naturschutz auf.

(Foto: Christian Endt)

In Josef Biesenberger tritt nun ein nicht minder passionierter Umweltschützer an die Spitze des Kreisverbandes. Biesenberger ist 66 Jahre alt, vor fünf Monaten in Rente gegangen und widmet nun seine beträchtlichen Energien ebendiesem Thema. "Der Weckruf für mich war Tschernobyl", erinnert er sich. 1992 stieg er in das Aktionsprogramm der Vereinten Nationen Agenda 21 ein, seit mehr als 20 Jahren ist er im Bund Naturschutz aktiv. Am liebsten beschäftigt sich Biesenberger mit der Frage: Welche Energien sind zukunftsfähig?

Beruflich ging Biesenberger jedoch einen anderen Weg. Nach seiner Schulzeit bei den Domspatzen und einem BWL-Studium wurde er zunächst Finanz-Risikoanalyst. Lange Jahre arbeitete er in der Industrie, in unterschiedlichen Firmen und Positionen. Die dort erworbenen Fähigkeiten würden ihm im Laufe seiner Aktivisten-Karriere oft zugutekommen.

"Ich lerne jeden Tag etwas Neues"

So zum Beispiel vor 22 Jahren, als er mit Olaf Rautenberg in den Herrmannsdorfer Landwerkstätten ein Bürgersolarkraftwerk installierte, das Potential erkannte und sich gleich ein eigenes besorgte. "Meine eigene Energiebilanz ist seit 21 Jahren grün", berichtet er stolz.

Als dann Fukushima kam, wurde sein Engagement noch verstärkt. Seine Tochter fragte ihn, ob die radioaktive Wolke auch für Deutschland gefährlich werden würde, was er nicht ausschließen konnte. Biesenberger beschloss, das zu tun, was er am besten kann: mit Menschen reden, sie motivieren. Vor zehn Jahren hielt er seinen ersten Vortrag über das Thema zukunftsfähige Energien in einer Montessori-Schule.

Seitdem ist er auf vielfältige Arten aktiv. Er gibt VHS-Kurse, bei denen die Faktenlage des Klimawandels ebenso besprochen wird wie die Möglichkeiten für grüne Geldanlagen. Er pflegt einen nachhaltigen Terminkalender mit Informationen über vielfältige globale und lokale Themen. Er hat eine Pendlerwebsite für den Landkreis eingerichtet, mit circa tausend Zugriffen pro Monat, Tendenz steigend. Außerdem hat er verschiedene Ehrenämter inne, sitzt etwa im Vorstand des Fördervereins der Energieagentur Ebersberg und für die Grünen im Stadtrat Grafing. Am stolzesten ist er jedoch auf seine geistige Flexibilität: "Ich lerne jeden Tag etwas Neues."

Die Mahnungen der Wissenschaftler und Aktivisten wurden lange nicht gehört

Das Klimaaktivsten-Dasein bringt jedoch nicht nur Schönes mit sich. Biesenberger ärgert sich bis heute darüber, wie die Energiewende durch die CSU behindert wurde, etwa durch die Verhinderung der Stromtrassen aus dem Norden oder durch die 10-H-Regel. Doch auch auf einem globalen Level sind die Probleme des Klimawandels schon Jahrzehnte bekannt, die Mahnungen werden jedoch meist ignoriert. Wie fühlt sich das an, für einen altgedienten Aktivisten?

"Ich sehe das mit einem lachenden und einem weinenden Auge", so Biesenberger. Lachend vor Absurdität, weil die Menschheit wusste, wohin sie steuert. Weinend, weil es vielen Menschen noch zu gut geht. "Wir müssen erst viel mehr Schmerz spüren, bevor wir richtig politisch aktiv werden, so ist der Mensch nun mal." Inflation, Krieg und Rohstoffmangel seien punktuelle Schmerzen, die uns in die richtige Richtung bewegen würden. Doch lacht Biesenberger auch genuin, nicht nur aus Verzweiflung: "Wir haben ein kleines Zeitfenster, um die Klimakipppunkte zu verhindern. Es macht Spaß, jeden Tag mit der Einstellung ran zu gehen: jetzt erst recht."

Die Liste dessen, was man tun könne, sei lang. PV-Anlagen auf ohnehin schon betonierten Flächen, etwa auf die Parkplätze in Grafing-Bahnhof. Reduktion des Fleischkonsums. Die Leute dafür zu sensibilisieren, nur dann Strom zu verbrauchen, wenn er gerade reich vorhanden ist. Und natürlich der Ausbau erneuerbarer Energien.

"Ich stehe ganz klar hinter dem Bau der fünf Windräder im Ebersberger Forst", so Biesenberger. Allerdings auch für den Bau von 20 weiteren Windrädern in den Gemeinden des Landkreises. In Kombination mit Solarenergie könne dadurch leicht ein solider Strommix generiert werden, der Abhängigkeiten aus dem Ausland auf ein Minimum reduziert und auch Geld spart. "Der Landkreis gibt jedes Jahr knapp 360 Millionen Euro für fossile Energien aus." Da blute ihm das BWLer-Herz, wenn er daran denkt, was mit dem Geld sonst alles erreicht werden könne.

Einen Widerspruch zwischen Natur- und Klimaschutz sieht Biesenberger nicht. Zwar müsse für den Bau von Windkraftanlagen in die Natur eingegriffen werden. "Aber der beste Naturschutz ist auf lange Sicht der Klimaschutz." Dürren und Überschwemmungen gefährdeten die Natur schließlich deutlich mehr als ein Windrad.

Lieber vorleben als verbieten

Bei alldem möchte Biesenberger jedoch nicht als Moralapostel auftreten oder die Verbotskeule schwingen: "Ich möchte den Menschen einen anderen Lebensstil vorleben und sie motivieren, nicht sie verschrecken." Er selbst besitzt kein Auto mehr, sondern macht Car-Sharing und achtet darauf, die Waschmaschine zu bestimmten Zeiten einzuschalten. "Es geht dabei weniger um Verzicht, sondern darum, zu zeigen, dass ein anderes Management möglich ist, ohne dabei zu viel zu verlieren", so Biesenberger.

Doch hat nicht einmal jeder eine Waschmaschine oder kann sich ein Car-Sharing leisten, geschweige denn, in grüne Portfolios zu investieren. Dessen ist sich Biesenberger durchaus bewusst. Für ihn ist der Kampf gegen den Klimawandel deswegen auch nicht ohne Steuerungsfunktion des Staates und Umverteilung durch Steuern auf hohe Einkommen und Vermögen denkbar. Langfristig stellt sich Biesenberger eine Gesellschaft vor, die de-globalisiert ist, in der Lieferketten kurz und Produkte möglichst regional und nachhaltig sind. "Fair-Trade Kaffee soll es aber trotzdem geben", sagt er.

Biesenberger freut sich über "originelle Formen des Protests"

Er und der Bund-Naturschutz-Kreisverband wollen dafür kämpfen, mit Demos, Bürgerentscheiden, Informationsveranstaltungen - "mit allem was uns zur Verfügung steht." Biesenberger freut sich außerdem über "originelle Formen des Protests", wie die der Gruppen Extinction Rebellion und Last Generation. Sachbeschädigung und ähnliches lehnt er zwar strikt ab, er hält die Diskussion um die Gefahren des an-die-Straße-Klebens für überzogen. "Dann dürfte man auch keine Demo mehr machen, da kann auch immer etwas passieren und ein Rettungswagen käme nur schwer durch."

Die voraussichtliche Wahl Biesenbergers wird an diesem Freitag, 25. November, um 19.15 Uhr im Hermann-Beham-Saal im Landratsamt Ebersberg stattfinden. Klar ist: Wird er mit dem selben Elan an das Amt des Kreisvorsitzenden gehen wie an alle seine Projekte, sollten sich seine Kontrahenten vielleicht doch warm anziehen - aber nicht, wegen des Gasmangels.

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