Hanf-Razzia in und um München "Eigentlich muss ich mich bei der Polizei bedanken"

Wenzel Cerveny, 57, betreibt nicht nur mehrere Hanf-Läden, er ist auch Vorsitzender des bayerischen Cannabis-Verbands.

(Foto: Josef König/oh)

Die Hanf-Läden von Wenzel Cerveny waren ein Ziel der jüngsten Großrazzia. So sehr er sich über das Vorgehen ärgert: Er kann daran auch positive Seiten sehen.

Interview von Jonas Wengert

Bei einer Großrazzia hat die Polizei kürzlich mehr als 14 Hanf-Läden in München und Umgebung durchsucht. Betroffen davon war auch Wenzel Cerveny mit drei seiner Geschäfte "Hanf - der etwas andere Bioladen". Eines davon wurde im September 2018 in Baldham eröffnet.

SZ: Herr Cerveny, wie lief die Razzia Ihrer Läden denn aus Ihrer Sicht ab?

Wenzel Cerveny: Ich wollte um 10 Uhr morgens mit dem Hund raus und habe vor meiner Wohnung in Kirchseeon schon ungefähr zehn Polizeibeamte gesehen, die mir dann mitgeteilt haben, dass sie einen Durchsuchungsbeschluss für meine Privat- und Geschäftsräume hätten. Kurz darauf sah ich einen Beamten eine Einmannramme wegtragen. Auf die Frage, was sie damit vorhatten, wurde mir gesagt: Man wisse ja nicht, mit wem man es zu tun hätte. Ich kam mir vor wie ein Schwerverbrecher.

Aufgrund welcher Anschuldigung wurde die Durchsuchung veranlasst?

In dem Beschluss ist einerseits von gewerblicher Abgabe an Minderjährige die Rede, andererseits geht es aber auch darum, ob CBD, beziehungsweise Cannabidiol-haltige Produkte wie Öle oder Blüten, grundsätzlich verkauft werden darf oder vollständig unter das Betäubungsmittelgesetz fällt. Die Rechtsauffassung ist an diesem Punkt nicht eindeutig, es geht um ganz bestimmte Bezeichnungen. Meiner Meinung nach war die Hoffnung, bei der Untersuchung tatsächlich scharfes Zeug zu finden.

Mit scharf meinen Sie berauschend? Dafür wäre Tetrahydrocannabinol (THC) verantwortlich, dessen erlaubter Grenzwert bei maximal 0,2 Prozent liegt.

Richtig. Es wird mit konstruierten Vorwürfen eine Durchsuchung erwirkt, um dann vor Ort THC-Produkte zu finden. Wir können für alle unsere Produkte Analysen vorweisen, die bestätigen, dass der Wert eingehalten wird. Unsere Lieferanten sind EU-zertifiziert. Unsere Geschäfte werden regelmäßig von der Lebensmittelkontrolle untersucht, auch da wurde nie etwas beanstandet. Wenn es wirklich um CBD-Produkte ginge, müssten auch Drogeriemärkte durchsucht werden.

In welchem Ausmaß fand die Durchsuchung bei Ihnen statt?

Aus der Wohnung wurden alle Geschäftsunterlagen und Gutachten mitgenommen. Die Polizeibeamten sind dann mit mir zum Geschäft in der Einsteinstraße in München gefahren. Zu meiner Frau nach Baldham wurde gleich ein Transporter geschickt, dort ist unser Lager. Wobei man sagen muss, dass die Beamten alle sehr nett und höflich waren. Wenn der Anlass nicht so traurig gewesen wäre, hätte man fast lachen können.

Hat die Razzia unmittelbare Auswirkungen auf Ihr Geschäft?

Insgesamt wurden Waren im Verkaufswert von circa 250 000 Euro beschlagnahmt, teilweise wurden selbst die Dekorationspflanzen abgerupft. Darunter sind Lebensmittel mit Haltbarkeitsdatum, die ordnungsgemäß gelagert werden müssen. Wenn wir die Waren nicht innerhalb der nächsten zwei Monate zurückbekommen, werden wir wohl Schadensersatzklage einreichen. Es liegen allerdings noch genügend nicht beschlagnahmte Waren in den Regalen, wir haben normal geöffnet.

Welche langfristigen Folgen sehen Sie durch die Anklage auf sich zukommen?

Unsere Geschäfte operieren im absolut legalen Bereich. Insofern muss ich mich bei den Ermittlern und der Polizei eigentlich bedanken, denn es gibt sicher Trittbrettfahrer, die aus Profitgier in ihren Läden auch Illegales verkaufen und so aufgedeckt werden. Es hat noch einen anderen Vorteil: Viele Betroffene der Großrazzia besprechen nun gemeinsam, wie wir uns wehren können. Wir fordern eine gesetzlich eindeutige Regelung für Hanf- und CBD-Produkte. Sollten wir durch die aktuellen Gesetze belangt werden, werden wir bis auf europäische Ebene dagegen klagen, auch wenn es fünf Jahre dauert.

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