Auktion in Grafing:Der Hammer!

Das Museum in Grafing versteigert erstmals einen Nachlass - mit großem Erfolg. Alle Stücke finden einen Interessenten, das teuerste Möbel ist ein Spieltisch aus einem Schloss.

Von Anja Blum

Da gibt es dieses zauberhaft zarte Porzellanfigürchen: "Madame Récamier", ein Abbild der französischen Salonnière Julie Récamier (1777 bis 1849), die äußerst schön, geistreich und liebenswert gewesen sein soll. Die kleine Skulptur zeigt sie auf einer Récamière, einem nach eben dieser Dame benannten Möbelstück in der Art eines Sofas. Auf dem Schildchen daneben steht: zehn Euro. Das ist also der Preis, mit dem gleich die Versteigerung dieses Schmuckstücks beginnen wird. Ach, wäre das nicht was fürs Töchterchen? Etwas Kultur im Kinderzimmer könnte ja nicht schaden.

Das Museum der Stadt Grafing hat am Sonntagnachmittag zu einem außergewöhnlichen Termin geladen: zu einer Versteigerung. Diverse Möbel, Teppiche, Geschirr und Kunstgegenstände sollten neue Besitzer finden. Sie alle nämlich waren dem Museum vermacht worden, drohten jedoch für immer in dessen Depot zu verschwinden. "Diese Dinge haben leider alle keinen Bezug zu Grafing, deswegen können wir sie hier nicht ausstellen", erklärt Museumsleiter Bernhard Schäfer dem zahlreich erschienen Publikum. Deswegen habe man beschlossen, eine Auktion zu veranstalten, um mit dem Erlös wiederum für die Heimatgeschichte relevante Objekte finanzieren zu können.

Ermöglicht hatte die ganze Aktion Luise Rauch: Die der Stadt Grafing über Jahrzehnte sehr verbundene Volksschullehrerin (1924 bis 2018) hat dem Museum ein größeres Vermächtnis an Kunstgegenständen und wertvollen Möbeln gemacht. Geboren im Sudetenland sei die junge Luise Rauch als Heimatvertriebene in den Landkreis gekommen, erzählt Schäfer, nämlich nach Hohenlinden. Dort habe sie den Kunstschreiner Georg Braun kennen und schätzen gelernt, der später nach Grafing geheiratet habe. Mit ihm und dem damaligen Stadtpfarrer Georg Hunklinger habe Rauch in den 60er Jahren viele kunsthistorische Exkursionen unternommen, ein Freundeskreis, der sich sehr für historische Möbel, Heiligenbilder, Porzellanfiguren und Volkskunst interessierte. Später dann versprach Luise Rauch der früheren Museumsleiterin Rotraut Acker, das Haus in ihrem Testament zu bedenken - ein Versprechen, das sie hielt. Zuletzt war Rauch Lehrerin in Vaterstetten gewesen, ihren Lebensabend verbrachte sie in einem Pflegeheim in Baldham.

Als nun das Grafinger Museum den Nachlass erhielt, entsann sich Schäfer einer guten alten Bekannten: Die Kunsthistorikerin Sabine von Poschinger, bekannt als Expertin aus der BR-Sendung "Kunst und Krempel", hat 30 Jahre lang in Aßling gelebt, saß dort im Gemeinderat und ist bis heute zweite Vorsitzende des Heimatvereins. "Das sind also ganz alte Seilschaften", sagt Schäfer und lacht. Diese Verbindung erwies sich nun als nützlich, denn von Poschinger, die heute in Rott am Inn wohnt, sagte sofort zu, die vererbten Gegenstände begutachten und taxieren zu wollen.

"Da hat sie mir dann aber erst mal einen Zahn ziehen müssen", erzählt der Museumsleiter, denn schnell sei klar geworden, dass man hier mitnichten, wie erwartet, wahre Schätze vor sich habe. Eine Versicherung hatte den Rauchschen Hausstand einst auf 300 000 Mark geschätzt, diese Summe habe ihn leider falsche Erwartungen hegen lassen, so Schäfer. Für die Sachverständige Sabine von Poschinger war dies jedoch keine große Überraschung: Viele Objekte wie Biedermeiermöbel oder Orientteppiche seien früher hoch gehandelt worden, hätten aber mittlerweile leider extrem an Wert eingebüßt, sagt sie. "Für so einen Spieltisch, wie er heute für knapp 1000 Euro verkauft wurde, wären einst locker 5000 drin gewesen." Das hübsche Stück, entstanden etwa 1835, stammt aus dem Schloss Höglwörth. Die Platte des Kirschholztischchens hat ein Mühle- sowie ein Schachbrett integriert. Dreht man die Intarsie um die eigene Achse, lädt das Möbel zu einer Partie Backgammon ein.

Der Spieltisch übrigens ist Spitzenreiter bei der Grafinger Auktion, heißt, er erzielt die höchste Summe, 950 Euro. Dabei hatte das Mindestgebot bei gerade mal 300 Euro gelegen. "Ich mache immer moderate Preise", sagt von Poschinger, weise lächelnd - und das funktioniert in Grafing auch bei den allermeisten anderen der 36 versteigerten Stücke: Die Zuschauer bieten äußerst rege mit, die Hände gehen im Sekundentakt nach oben. Die ehrenamtliche Auktionatorin, von Poschinger selbst hatte sich gerne für dieses Amt zur Verfügung gestellt, muss außer ihrer Autorität als Expertin gar nicht viel beisteuern, um die Versteigerung zu beleben. "Da drüben haben wir 220. Wollen Sie die 230?" Rückfragen wie diese genügen als Animation zum Geldausgeben völlig. Nur einmal übersieht von Poschinger ein weiteres Gebot und nutzt ihr Hämmerchen vorschnell - ein Fauxpas, der ihr nicht noch einmal passiert. Schließlich geht es hier um eine gute Sache, um ein kommunales Heimatmuseum, das auf möglichst hohe Einnahmen hofft.

Bereits seit einer Woche sind die Exponate der Versteigerung sorgsam im Museum aufgebaut. Zwischen den Möbeln stehen Glasvitrinen, in denen die kleineren Objekte zu bestaunen sind, alles ist mit ein paar Informationen und einem Mindestpreis versehen. Sechs Tage lang waren Interessierte eingeladen, sich die Stücke vorab anzusehen, ein Angebot, von dem laut Schäfer rege Gebrauch gemacht wurde. Die eigentliche Auktion geht dann am Sonntag unter freiem Himmel, im Hof des Museums über die Bühne. Von Poschinger steht hinter einem Pult, macht Ansagen und erteilt Zuschläge, Schäfer assistiert, indem er Fotos der entsprechenden Objekte zeigt. Und die Resonanz ist groß: Etwa 70 Menschen sind gekommen, Freunde des Museums, aber auch andere Interessierte sowie professionelle Händler, die auf Schnäppchen hoffen. Manch einer wirkt gut betucht, andere machen eher den Anschein einer kleinen Rente, doch die Versteigerung des Museums bietet für jeden Geldbeutel etwas.

Ein ehemaliger Waffenschrank aus dem Schloss Egmating, eine schöne Biedermeiervitrine, schraubt sich hoch von 150 auf 650 Euro, zwei Heiligenbilder von 1760 aus Böhmen - zu sehen sind Antonius und Nepomuk - wechseln für 800 Euro den Besitzer, eine Biedermeierbank erzielt 580 Euro. Der dazugehörige Fußschemel kostet 140 Euro. Ein Kreuz aus Oberammergau: 80 Euro, ein musizierendes Paar aus Porzellan: 130 Euro, eine Karaffe samt Gläsern und Tablett: 220 Euro. Der teuerste Teppich, ein Isfahan, bringt dem Museum 260 Euro ein. Groß ist der Andrang auch nach der eigentlichen Versteigerung, denn neben der Auktionsgüter sind im Museum noch allerhand kleinere Objekte ausgestellt, zumeist Einzelstücke wie Teller oder Schmuckeier, die gegen eine Spende erworben werden können. Auch sie finden reißenden Absatz.

"Wir hatten uns eigentlich gar keine Chancen ausgerechnet", sagt Carola Sieben, deren Familie bei der Versteigerung, angefeuert von Museumsfreund Franz Frey, ziemlich oft den Zuschlag erhält. "Wir dachten, das wird alles unerschwinglich für uns sein." Doch nun sei sie sehr glücklich, vor allem der Spieltisch sei "ein Traum", er werde fortan das Wohn- und Musikzimmer ihrer Mutter zieren, das ohnehin ein Potpourri diverser Antiquitäten biete. "Wir haben noch nie an einer Auktion teilgenommen, aber die hier war einfach schön, ländlich, fair", so das Fazit der Grafingerin. Im Anschluss hätten sich die Bieter sogar noch privat untereinander ausgetauscht - um Bank und Schemel, Tisch und Stuhl, Liebhaber und Lieblingsstück möglicherweise wieder zusammenzubringen. "Das muss doch am Ende schon alles stimmen", sagt Sieben und lacht.

Tatsächlich findet jedes einzelne Stück einen Interessenten. "Es ist alles weg!", bilanziert Bernhard Schäfer - damit habe er beileibe nicht gerechnet. Und auch mit der Summe zeigt er sich hochzufrieden: Knapp 8000 Euro hat das Museum durch die Aktion eingenommen. Geld, für dessen Verwendung Schäfer bereits viele Ideen hat. Nur ein Rauchsches Erbstück hat das Museum zurückbehalten: ein Schreibpult vom Anfang des 19. Jahrhunderts aus dem Besitz der Familie Grandauer. Wer weiß, vielleicht hat Maximilian P. Grandauer, ein Grafinger Wohltäter, nach dem auch eine Straße benannt ist, hier seine Briefe geschrieben? Das Pult wird jedenfalls bald ein Porträt in der "Gönner-Abteilung" des Museums ergänzen.

Die hübsche "Madame Récamier" übrigens hat dem Museum 210 Euro eingebracht - leider ein bisschen zu viel fürs Kinderzimmer.

© SZ vom 21.09.2021
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