Ausstellung in Glonn:Kunst per Kamera

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Ausstellung in Glonn: Wie unterschiedlich ein Leuchtturm auf Amrum je nach Licht- und Wetterverhältnissen aussehen kann, zeigt eine Serie von Volker Jäger.

Wie unterschiedlich ein Leuchtturm auf Amrum je nach Licht- und Wetterverhältnissen aussehen kann, zeigt eine Serie von Volker Jäger.

(Foto: Volker Jäger/oh)

Was möglich ist, wenn sich ein geschultes Auge verbindet mit außergewöhnlichen Ideen, viel Geduld und einer ausgefeilten Bearbeitung, zeigen die Fotofreunde Glonn nun in der Klosterschule.

Von Anja Blum, Glonn

Mit einer Kamera lassen sich Orte oder Situationen wunderbar abbilden, dokumentieren gar. Je weniger der Mensch in die Aufnahme eingreift, desto näher ist das Bild an dem, was man gemeinhin unter Realität versteht. Dass die Fotografie aber auch noch ganz etwas anderes kann, nämlich Kunst, das beweisen ein ums andere Mal die Fotofreunde Glonn. Sie nämlich wollen gar nicht abbilden, sondern ganz im Gegenteil zeigen, mit welchen Augen sie selbst die Welt sehen. Ganz persönlich. Ganz anders. Ganz besonders.

Freiheit ist dabei die oberste Doktrin dieses "Forums für zeitgenössische Fotografie", auch bei der aktuellen Jahresausstellung in der Galerie der Glonner Klosterschule, die am Freitag, 28. Oktober, eröffnet wird. Kein Thema grenzt hier die Schaffenskraft ein, jedes Mitglied darf ausstellen, was er oder sie möchte. Natürlich geben sich die Fotofreunde bei ihren regelmäßigen Bildbesprechungen gegenseitig Tipps, doch bindend sind diese nicht.

Ausstellung in Glonn: Aufdringlich sein? Bitte nicht! Das hat sich wohl auch Harald Biebel gedacht, als er diese Fischerhütte in der Lagune vor Venedig fotografiert hat.

Aufdringlich sein? Bitte nicht! Das hat sich wohl auch Harald Biebel gedacht, als er diese Fischerhütte in der Lagune vor Venedig fotografiert hat.

(Foto: Harald Biebel/oh)

Und so bietet die Schau erneut einen bunten Einblick in das kreative Schaffen der Glonner Fotofreunde - wobei "bunt" vielleicht auf die falsche Fährte lockt. Die allermeisten Bilder üben sich nämlich in farblicher Zurückhaltung, sind schwarz-weiß, monochrom oder zumindest lediglich dezent coloriert. Optische Aufdringlichkeit, das wird schnell klar, ist der Fotofreunde Sache nicht. Genauso wenig wie die typischen Motive von Hobbyfotografen: Süße Tierporträts, idyllische Bergseen und dergleichen sucht man in der Klosterschule vergeblich. Dafür zeigen die Autoren, was möglich ist, wenn sich ein geschultes Auge verbindet mit außergewöhnlichen Ideen, viel Geduld hinter der Kamera und einer ausgefeilten Bearbeitung am Computer.

63 Werke von sieben Autoren sind insgesamt zu sehen, viele davon bilden dreiteilige Serien, einfach deshalb, weil sich die wunderschöne Glonner Galerie erfahrungsgemäß so am optimalsten bestücken lässt. Gemeinsam ist fast allen Bildern, dass sie spielen, sei es mit der Perspektive, dem Licht oder Unschärfe. Auch die Reduktion ist bei den Fotofreunden ein beliebtes Stilmittel. Gilbert Pinggera etwa hat unlängst bei einem Portfolio-Wettbewerb des Deutschen Verbands für Fotografie eine Bronzemedaille errungen mit einer sechsteiligen, sehr feinen Tulpen-Studie. Unter dem Titel "Frühlingserwachen" kann man hier quasi beobachten, wie zwischen zartem Grün ein erstes, leises Licht durchbricht. "Man ahnt nur, was entsteht. Ich möchte das Verborgene sichtbar machen, ohne zu dokumentieren, sondern um die geheimnisvolle Schönheit der so verletzlichen Natur zu zeigen", erklärt Pinggera.

Ausstellung in Glonn: Fein dosierte Abstraktion ohne laute Farben: das "Frühlingserwachen" von Gilbert Pinggera.

Fein dosierte Abstraktion ohne laute Farben: das "Frühlingserwachen" von Gilbert Pinggera.

(Foto: Gilbert Pinggera/oh)

Eine Entwicklung zeigt auch Bernhard Jungwirth, er nimmt, ebenfalls sehr reduziert, "Das Licht einer Kerze" in den Fokus. Das erste Bild zeigt, wie sie per Streichholz entzündet wird, das zweite, wie sie weich die Umgebung erhellt, das dritte, wie Rauch aufsteigt und das letzte Fünkchen am Docht verglimmt. Eine stimmungsvolle Meditation über das Licht.

Ein Sujet, das mehrere Fotofreunde aufgegriffen haben, ist die Architektur. Harald Biebel zum Beispiel liefert hier lichtdurchflutete, monochrome Aufnahmen in edler Anmutung. In der Pinakothek der Moderne etwa hat er bauliche Details fotografiert und per Mehrfachbelichtung verfremdet - das Ergebnis sind Abstraktionen mit großer Sogwirkung.

Ausstellung in Glonn: Fast surreal: Haralds Biebels Blick auf ein Museum in München.

Fast surreal: Haralds Biebels Blick auf ein Museum in München.

(Foto: Harald Biebel/oh)

Nicht drinnen, sondern draußen sind hingegen die Architekturbilder von Sebastian Kugler und Gisela Wimmer entstanden. Ersterer hat einige Zeit auf der Terrazza Mascagni in Livorno verbracht, einem großen Platz am Meer mit Schachbrettmuster als Boden. Dank viel Geduld und Photoshop ist es Kugler gelungen, die Terrasse fast menschenleer einzufangen - und damit sowohl ihre besondere Optik als auch Weite zu betonen. Dagegen mag es Wimmer "richtig bizarr": Sie hat während einer Biennale Venedigs Abbild in welligem Wasser fotografiert - inklusive haushoher Spiegelkunstwerke, die ganz neue Perspektiven bieten. Da muss man schon beinahe acht geben, nicht von einem Schwindel erfasst zu werden.

Ein klassisches Fotomotiv sind freilich Landschaften, und auch diese fehlen bei dieser Ausstellung nicht. Nur, dass sie eben so ganz anders daherkommen, als üblich. Volker Jäger etwa hat von Amrum und Lanzarote diverse Studien mitgebracht. Auf der Vulkaninsel hat er sich den ungewöhnlichen Formen der Landnutzung gewidmet, dem Weinbau und der Salzgewinnung. Aus Vogelperspektive werden aus diesen Flächen jedoch rätselhafte Abstraktionen: Mal sehen die Felder und Becken aus wie ein Schminktiegel mit Lidschatten, mal wie ein Schuppenkleid. Auf Amrum wiederum genügten dem Fotografen Wasser, Sand und Licht: sechs Bilder - sechs starke Stimmungen.

Ausstellung in Glonn: Weinanbau mal anders: Volker Jäger hatte auf Lanzarote eine Drohne dabei.

Weinanbau mal anders: Volker Jäger hatte auf Lanzarote eine Drohne dabei.

(Foto: Volker Jäger/oh)

Dass man Landschaft aber auch ganz anders auffassen kann, zeigt Kugler. Er lässt hier seinem Faible für Collagen freien lauf, kombiniert und montiert scheinbar wild drauf los, samt Vintage-Textur. Heraus kommen surreale Ansichten voller Gegensätzen, etwa von einem Zeichner, der anstatt des Waldes vor ihm lieber Architektur auf sein Blatt wirft, oder von einer Schneiderpuppe im sexy Body am Strand. Wer öfter in der Galerie des Glonner Kulturvereins ist, weiß: Dabei handelt es sich um eine Arbeit von Erika Prabst aus Grafing. Sie hat das knappe Kleidungsstück in Lebensgröße aus silbernen Tablettenblistern selbst genäht.

Ausstellung in Glonn: Sebastian Kugler mag surreale Montagen wie diese.

Sebastian Kugler mag surreale Montagen wie diese.

(Foto: Sebastian Kugler/oh)

Ein weiteres Kapitel der Schau könnte man wohl "Mensch im Raum" überschreiben. Gisela Wimmer zum Beispiel hat lange gewartet, bis vor einem Schaufenster voller gelber Waschmaschinen endlich farblich passende Passanten vorbeieilten. Sebastian Kugler hat ein Model in sein Studio eingeladen und Abdeckfolie experimentieren lassen. Aus Bewegung, langer Belichtung und der Reduktion auf Schwarzweiß kreiert der Fotograf so mystische, geheimnisvolle Aufnahmen. Mit sich selbst und dem Zufall experimentiert dagegen Pinggera: Eine Stunde lang hat er sich in einem leeren Raum mit einer Schaufensterpuppe "unterhalten", während er sie umkreiste, alle fünf Minuten schoss die Kamera auf dem Stativ ein Bild. "Erstaunlich, welche Gedanken einem da durch den Kopf gehen", sagt er. Und erstaunlich auch, welch vielsagende Serie so entstand.

Ausstellung in Glonn: Wer bin ich? Wer bist du? Was fangen wir nun miteinander an? Gilbert Pinggeras Serie "Im Vorbeigehen" ist nachgerade philosophisch.

Wer bin ich? Wer bist du? Was fangen wir nun miteinander an? Gilbert Pinggeras Serie "Im Vorbeigehen" ist nachgerade philosophisch.

(Foto: Gilbert Pinggera/oh)

Nur ein einziges Bild zeigt diesmal wieder Inge Kolb, sozusagen die Alterspräsidentin der Glonner Fotofreunde. Doch diese eine Aufnahme hat es in sich. Das "Glasperlenspiel einer Spinne" hat Kolb mit der Kamera festgehalten, ein beliebtes Motiv - doch hier in Perfektion umgesetzt. Einer glitzernden Kette gleich hängen die Tropfen am seidenen Faden, im Hintergrund, leicht verschwommen, sieht man ein weiteres, korrespondierendes Netz. Das ganze Bild: eine düstere Schönheit.

Ausstellung in Glonn: Einen Klassiker in Perfektion zeigt Inge Kolb.

Einen Klassiker in Perfektion zeigt Inge Kolb.

(Foto: Inge Kolb/oh)

Freuen darf man sich aber nicht nur auf Bilder im Rahmen, sondern auch wieder auf mehrere AV-Schauen. Nobert Alexy stellt eine "Sieben-Kapellen-Radrundtour" vor, Harald Biebel zeigt Architektur aus Frankfurt und eine ehemalige Schraubenfabrik, Sebastian Kugler schwelgt in Mohnblumen und in der Geschichte Siziliens, er hat dort verlassenen Gewächshäuser besucht sowie ein Mahnmal für eine von einem Erdbeben zerstörte Stadt. Und mit Gilbert Pinggera schließlich wird es geisterhaft: Er stellt dem Publikum eine "Kirche der verlorenen Seelen" vor.

Jahresausstellung der Fotofreunde Glonn in der Klosterschule: Eröffnung am Freitag, 28. Oktober, um 19.30 Uhr, geöffnet am 29./30. Oktober sowie 5./6. November, samstags von 14 bis 18 Uhr und sonntags von 10 bis 18 Uhr

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