Einrichtungsverbund Steinhöring:Karl und der Kardinal

Steinhöring Werkstättensportfest

Die Steinhöringer Cheerleader zeigten vollen Einsatz. Ausnahmslos wurden alle 300 Teilnehmer angefeuert.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Der Steinhöringer Einrichtungsverbund feiert 50. Jahrestag. Wie sich das Erfolgsrezept unter den Bewohnern etablierte - und was Friedrich Wetter damit zu tun hat.

Von Johannes Korsche, Steinhöring

Zu einer der zahlreichen Einweihungen des Einrichtungsverbundes kam Friedrich Kardinal Wetter nach Steinhöring. Einer der Bewohner, so erinnert sich der langjährige Leiter und Gründer der sozialen Einrichtung für Menschen mit Behinderung Anton Karl, ging auf den hohen Besuch zu und sagte: "Du gefällst mir, dich lade ich zu meinem Geburtstag ein." Karl erzählt die Anekdote, weil sie für ihn den Geist der Steinhöringer Werkstätten, Wohnungen und Schulen gut zusammenfasst. Zum Kardinal habe er daraufhin gesagt: "Überall sonst wird der rote Teppich ausgerollt, aber hier bekommt man die Realität mit."

Jenen "offen, natürlichen und ehrlichen Umgang" zwischen den etwa 1500 Menschen mit Behinderung, die in Steinhöring und den zahlreichen Außenstellen im Landkreis Ebersberg wohnen und arbeiten, und den circa 970 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Einrichtungsverbundes. Vor 50 Jahren begann die Geschichte des Betreuungszentrums, das nicht nur im Landkreis einzigartigen Vorbildcharakter hat. Auch wegen des simplen Erfolgsgeheimnisses.

Dabei war das gar nicht so geplant, als Anton Karl im Oktober 1971 mit einer Handvoll Helfern und drei Bewohnern das sechs Hektar große Gelände in Steinhöring übernahm. "Wenn ich damals gewusst hätte, auf was für ein Abenteuer ich mich damit einlasse, wäre ich gar nicht nach Steinhöring", sagt der 78-jährige Karl heute. Denn von dem ehemaligen Kinderkrankenhaus der Solanus-Schwestern aus entstand ein Netz aus Wohn- und Werkstätten für Menschen mit Behinderung im gesamten Landkreis - und später auch für Menschen mit psychischem Erkrankungen.

Unter anderem in Fendsberg, Eglharting, Ebersberg und Poing gibt es heute Außenstellen. Zu wachsen sei aber nie das Ziel gewesen, sagt Karl, aber "wir sind mit dem Bedarf gewachsen". Seit 16 Jahren ist Karl nun schon nicht mehr der Leiter des Einrichtungsverbundes, wenn er spricht, sagt er trotzdem noch "wir". So ist das wohl, wenn man etwas von der Pike an aufbaut.

Denn zu Beginn waren die sechs Hektar an der Münchner Straße verwildert. Den Weiher, der heute so idyllisch hinter den dem Café Wunderbar liegt, "hat man gar nicht gesehen", vollkommen zugewachsen und von Algen grün bedeckt. Stück für Stück reparierte, sanierte und entwilderte Karl mit seinen Mitstreitern das Gelände. Die erste Zeit "hab ich mindestens die Hälfte handwerklich gearbeitet." Aus der Holz- wurde eine Ölheizung, die Gebäude bekamen einen Wasseranschluss und Fichten am Geländerand kamen weg.

Eine Konsequenz der Philosophie des Einrichtungsverbundes, die den Erfolg des Hauses überhaupt erst ermöglicht hat: Offenheit und Transparenz gegenüber den Nachbarn. "Wir lagen etwas abgelegen, das war meine größte Sorge", sagt Karl, dass aus seinem Projekt auch eine "Anstalt" wird, in denen Menschen mit Behinderung "versteckt wurden". Nicht mal einen Gehweg ins Dorf habe es am Anfang gegeben, erinnert sich Karl. Und wie sollte Karls großes Ziel jemals Realität werden, dass Menschen mit und ohne Behinderung im besten Sinne "normal" mit einander umgehen, wenn es nicht mit den direkten Nachbarn klappt?

Denn anfangs fanden es die wenigstens so richtig gut, was da für eine Einrichtung an den Dorfrand zieht, zumindest hatte Karl da so ein Gefühl. Aber er wusste schon damals, nur wenn sie sich öffnen, aktiv auf ihre Nachbarn zugehen, dann entstehen auch Freundschaften und Akzeptanz. Also rodeten sie nicht nur die Fichten, die das Grundstück vorher blickdicht verschlossen, sondern luden zu Festen aufs Gelände ein. Oder wie Karl sagt: "Was hier schon gefeiert wurde." Sie seien auch bei allen Aktionen im Umfeld dabei gewesen, immer am Austausch interessiert. Mit Erfolg.

Ein Zivildienstleistender habe zu ihm mal gesagt, dass er die Steinhöringer Einrichtung schon als Kind kannte, weil er sie vom Sankt Martins-Zug schon gesehen hat. Der Montessori-Kindergarten, der 1990 in Steinhöring eröffnete, war natürlich auch für die Kinder aus Steinhöring. Auch das ging auf, die Kinder spielen und wachsen seither gemeinsam auf. Normalität eben, wie es sich Karl vorstellt.

Zur Normalität gehört es auch zu arbeiten, ein Recht darauf fixiert zum Beispiel die UN-Behindertenrechtskonvention von 2006. In Deutschland ermöglicht die Werkstättenverordnung, an der Karl maßgeblich mitgearbeitet hat, eine Teilhabe an der Arbeitswelt. Doch alles ist in Deutschland trotzdem nicht optimal, findet auch die aktuelle Leiterin des Einrichtungsverbundes Gertrud Hanslmeier-Prockl. So sind die Werkstattarbeiter zum Beispiel vom Mindestlohn ausgenommen. Das zu ändern, "ist eine Forderung, die ich unterstreiche", sagt Hanslmeier-Prockl, macht aber eine große Einschränkung: "Wenn der Staat das finanziert."

Rein nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten sei es ihnen zum Beispiel nicht möglich, Mindestlohn zu zahlen. Sie beschreibt zum Beispiel einen Arbeitsschritt in der Werkstatt, bei dem ein Mitarbeiter einen Holzstab nimmt und durch ein Loch schiebt. Ist der Stab zu dick für die Weiterverarbeitung, kommt er logischerweise nicht durch das Loch und wird aussortiert. Das genüge den festgesetzten Richtlinien für das "Mindestmaß an wirtschaftlich verwertbarer Arbeit", die eine Tätigkeit in der Werkstatt erfüllen muss, den Mindestlohn könne das aber nicht erwirtschaften.

Um den großen Profit geht es in Steinhöring schließlich auch nicht. Sondern um viel mehr. Menschen aus dem Landkreis, die mit einer Behinderung leben, sollen auf Augenhöhe mit ihren Mitbürgern zusammenkommen. Damit jeder von einander was lernt. Und sei es ein bisschen Demut, wie Anton Karl sagt: "Es ist kein Verdienst, nicht behindert zu sein."

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