Außergewöhnliches Konzertprojekt:Harmonie zwischen Kirchtürmen

Außergewöhnliches Konzertprojekt: Da wird die Kirche wackeln: Zwei Chöre singen gemeinsam Mozarts Requiem. Die erste Probe findet im Vaterstettener Pfarrheim statt.

Da wird die Kirche wackeln: Zwei Chöre singen gemeinsam Mozarts Requiem. Die erste Probe findet im Vaterstettener Pfarrheim statt.

(Foto: Christian Endt)

Die katholischen Pfarreien von Vaterstetten und Ebersberg vereinen erstmals ihre Chöre: Rund hundert Kehlen werden Mozarts berühmtes "Requiem" erklingen lassen.

Von Anja Blum, Vaterstetten/Ebersberg

Der nächste Meilenstein ist geschafft: die erste gemeinsame Probe. Rund hundert Sänger und zwei Dirigenten - deren Erwartungen dabei deutlich übertroffen wurden. "Die Stimmung wurde im Laufe des Tages immer besser", sagt eine strahlende Beatrice Menz-Hermann - und meint damit sowohl das Menschliche als auch das Musikalische.

Es ist ein Mammutprojekt, das sich die Vaterstettener Kirchenmusikerin und ihr Ebersberger Amtskollege Markus Lugmayr da vorgenommen haben. Sie wollen und werden ihre beiden Chöre, jeweils etwa 50 Stimmen stark, nun das erste Mal zu einem riesigen Klangkörper vereinen. Eine Kooperation, die in der sakralen Musik hierzulande wohl ihresgleichen sucht - weswegen sogar das Ordinariat bereits Interesse bekundet habe, erzählt Menz-Hermann. "Die wollen wohl eine Reportage über das Projekt machen."

Außergewöhnliches Konzertprojekt: Der Ebersberger Kantor Markus Lugmayr war sofort begeistert von der Idee eines gemeinsamen Konzerts.

Der Ebersberger Kantor Markus Lugmayr war sofort begeistert von der Idee eines gemeinsamen Konzerts.

(Foto: Christian Endt)

Beim Studientag der hauptamtlichen Kirchenmusiker der Erzdiözese München-Freising kam dieser Stein ins Rollen. "Da wurde sehr viel gesungen, und dabei ist mir gleich ein sehr guter Tenor ein paar Plätze weiter aufgefallen", berichtet Menz-Hermann. Beim anschließenden Mittagessen saßen die 46-Jährige und der 57-Jährige beieinander und unterhielten sich, über Afrika zum Beispiel. "Ja, wir haben uns gleich gut verstanden", sagt Lugmayr und lächelt verschmitzt. Also fasste sich die Vaterstettenerin ein Herz und fragte, ob der Kollege nicht mit ihr gemeinsam ein Konzert bestreiten wolle - und stieß auf offene Ohren.

An diesem Vormittag nun sitzen die beiden Chorleiter in einem Ebersberger Café und erzählen von all den Aufregungen, die bereits hinter, aber auch noch vor ihnen liegen. Denn zwei bis dato einander unbekannte Kirchenchöre zu vereinen, sie auf eine gemeinsame Gestaltung und obendrein auf ein zusätzliches, fremdes Dirigat einzuschwören, ist alles andere als ein Selbstläufer.

Außergewöhnliches Konzertprojekt: Beatrice Menz-Hermann wird die Aufführung in Vaterstetten leiten. In Ebersberg wiederum kann man sie an der Orgel erleben.

Beatrice Menz-Hermann wird die Aufführung in Vaterstetten leiten. In Ebersberg wiederum kann man sie an der Orgel erleben.

(Foto: Christian Endt)

Um die Kompatibilität ihrer Ensembles auszuloten, haben Menz-Hermann und Lugmayr Menschen um Rat gefragt, die musikalische Qualität vermutlich gut einzuschätzen wissen: Instrumentalisten und Solisten, die schon bei Konzerten in Vaterstetten wie in Ebersberg mitgewirkt haben. Und dabei stellte sich heraus: Beide Kirchenmusiker genießen einen ausgezeichneten Ruf. Niemand riet ihnen von der geplanten Kooperation ab.

"Die technischen Grundlagen sind gleich", sagt Lugmayr nun, nach dem ersten gemeinsamen Durchgang, "denn wir wissen beide, wie man probt." Trotzdem: Viele Absprachen seien bei solch einer Aufführung notwendig, in Bezug auf die Dynamik etwa, bei Verzögerungen oder exponierten Wörtern, die auf gewisse Konsonanten enden. Schließlich soll das Publikum nur ein gemeinsames "s" hören anstatt viele nacheinander. Doch Kompromisse zu schließen, sei ihnen nicht schwergefallen, sagen die beiden Chorleiter. "Das ging in Sekunden", so Lugmayr. "Es ist ja auch nicht der Heilige Geist, der sagt: so gehört's. Man muss sowas einfach pragmatisch angehen."

Verschiedenheiten werden nicht als Hemmnisse angesehen, sondern als Bereicherung

Zwischen den Kirchtürmen von Ebersberg und Vaterstetten herrscht also offenbar keinerlei Eitelkeit, wie in so manch anderen Pfarreien, sondern ein großer Wille zum Zusammenwirken. "Es ist ein gemeinsames Wachsen, das mit viel Begeisterung einhergeht und dem Glauben aller daran, dass da etwas Großes entsteht", sagt Lugmayr. Demzufolge würden sie Verschiedenheiten gerade eben nicht als Hemmnisse ansehen, sondern als Bereicherung. "Auch die Sängerinnen und Sänger fanden es total spannend, bei der Probe mal zwei unterschiedliche Dirigenten im Wechsel zu erleben", erzählt Menz-Hermann.

Und als wäre die Kooperation der beiden Chöre nicht schon Herausforderung genug, haben sich Menz-Hermann und Lugmayr für ein anspruchsvolles Programm entschieden: Aufgeführt wird Mozarts "Requiem" - einerseits beliebt und bekannt wie kaum ein anderes Werk, gerade auch wegen seiner legendären Entstehungsgeschichte, andererseits wahrlich schwere Kost für die Interpreten. In jeder Hinsicht, wie die beiden Kirchenmusiker erklären: Die Fugen seien technisch höchst komplex, andere Passagen wie das schwebende "Lacrimosa" verlange den Sängerinnen und Sängern gestalterisch alles ab.

Außergewöhnliches Konzertprojekt: Mozarts "Requiem" verlangt den Sängerinnen und Sängern technisch wie gestalterisch alles ab.

Mozarts "Requiem" verlangt den Sängerinnen und Sängern technisch wie gestalterisch alles ab.

(Foto: Christian Endt)

Ob diese berühmte Seelenmesse wohl besser klingt, wenn sie von hundert Kehlen intoniert wird anstatt von einem kleineren Chor? Der historischen Aufführungspraxis laufe eine so starke Besetzung freilich zuwider, gesteht Lugmayr, doch er sei sich sicher, dass Mozart seine helle Freude daran gehabt hätte. "Als eine vergleichsweise kleine Sinfonie mal von mehr als hundert Mann gespielt wurde, hat er sich darüber mit Begeisterung geäußert." Und fest stehe jetzt schon, dass die Aufführung mit den zwei Chören ein geradezu monumentales Erlebnis werde. "Da haut's die Kirche auseinander", sagt Menz-Hermann und lacht.

Für die Vaterstettenerin und ihre Sängerschar ist die Aufführung des Mozart-Requiems eine Premiere - dementsprechend lange, nämlich seit Monaten, laufen dort die Proben schon. In Ebersberg hingegen beschäftigt sich der Chor erst seit ein paar Wochen mit dem Werk, doch Lugmayr gibt sich ganz entspannt - schließlich habe man dieses berühmte Werk in Sankt Sebastian schon drei Mal aufgeführt. Und er selbst habe das Requiem während seines Studiums in Salzburg bestimmt an die 70 Mal gesungen, erzählt er. "Zu diesen Konzerten kamen busweise Japaner, das war immer ausverkauft."

Probentermine wollen gefunden, Instrumentalisten engagiert und Sponsoren akquiriert werden

Wer den Kantor aus der Kreisstadt heute als Tenor erleben will, muss zum Konzert in Vaterstetten gehen, das Menz-Hermann leitet. In Ebersberg wiederum wird Lugmayr am Pult stehen, seine Kollegin an der Orgel sitzen. "Wichtig ist aber, auch für die Chöre: Das sind beides unsere gemeinsamen Aufführungen, keiner ist da mehr oder weniger verantwortlich", sagt Lugmayr. Große Sorgen allerdings, dass etwas schiefgehen könnte, machen sich die beiden Chorleiter nicht, ganz im Gegenteil. "Es ist immer wieder der Wahnsinn, wie sehr sich Laien steigern können", sagt Menz-Hermann. "Manche haben sogar erzählt, dass sie schon von Mozart träumen."

Die beiden Kirchenmusiker haben derweil alle Hände voll zu tun. Bei so einem großen Konzert muss nämlich nicht nur geübt werden, nein, es gibt auch allerhand organisatorische Notwendigkeiten. Probentermine wollen gefunden, Solosänger sowie Instrumentalisten engagiert und Sponsoren akquiriert werden. Überhaupt: "Die Abrechnung wird noch mal eine Sache für sich", sagt Menz-Hermann. Und wenn man schon meint, alles sei gut vorbereitet, gibt's plötzlich Absagen von Solisten oder Schwierigkeiten mit dem Podest. Das muss immerhin hundert Menschen tragen und TÜV-geprüft sein.

Außergewöhnliches Konzertprojekt: Markus Lugmayr und Beatrice Menz-Hermann gelingt es offenbar, viele Menschen für ihre Chöre zu begeistern.

Markus Lugmayr und Beatrice Menz-Hermann gelingt es offenbar, viele Menschen für ihre Chöre zu begeistern.

(Foto: Christian Endt)

Trotz des immensen Aufwands sind die beiden Kirchenmusiker Feuer und Flamme für das Mozart'sche Mammutprojekt. "Also, wenn man an sowas keinen Spaß hat, dann hat man doch seinen Beruf verfehlt", sagt Lugmayr und lacht. So ein großes Konzert sei immer eine tolle Erfahrung, ein Erlebnis, auf das sich alle schon lange freuten. Und obendrein eine schöne Gelegenheit, den Sängerinnen und Sängern etwas Besonderes zu bieten. Man müsse als Chor nämlich schon attraktiv sein, um der Überalterung etwas entgegensetzen zu können, erklären die beiden Kirchenmusiker. Etwas, das in Vaterstetten und Ebersberg offenbar ziemlich gut gelingt.

Mozarts "Requiem" und "Nannerl Septett", Konzert mit zwei Chören, großem Orchester und namhaften Solisten, am Sonntag, 10. März, um 19 Uhr in der katholischen Kirche "Maria Königin" in Baldham und am Samstag, 16. März, um 19 Uhr in der katholischen Kirche "Sankt Sebastian" in Ebersberg. Der Eintritt ist frei, Spenden zur Kostendeckung werden erbeten.

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