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Schafzucht im Landkreis Ebersberg:Süß und flauschig

Einen Rasenmäher braucht Roland Becker nur in Ausnahmefällen, denn in diesen Tagen wird der Bauer seine Schafe wieder auf die Weiden rund um Ebersberg führen. Die Tiere sind eine beliebte Attraktion

Von Luisa Terkowsky, Ebersberg

Der Hauptsitz des Schäfers in Halbing bei Ebersberg ist kaum zu übersehen - und vor allem nicht zu überhören. Schon bevor man die große Weide sieht, weist einem ein lautes Blöken und Mähen den Weg zur Hausnummer 5 des kleinen Ortes im Nordosten der Kreisstadt. Dass es sich um eben diese Hausnummer handelt, ist zunächst kaum zu erkennen, denn am Gebäude muss noch viel renoviert und aufgeräumt werden. Roland Becker, der sich als ehemaliger Bauer auf Hofsuche vorstellt, hat jetzt endlich eine Bleibe gefunden. Seit Oktober 2020 sind seine Schafe nun im neuen Heim untergebracht, das für sie bereits vollständig eingerichtet ist. Denn Becker denkt zuerst an seine Tiere.

Es kann durchaus aufopfernd sein, jeden Tag der Woche an seine Tätigkeit gebunden zu sein. Und vor allem schwierig immer über alle Tiere den Überblick zu behalten, sagt Becker. Vor allem wenn zu Saisonbeginn die knapp 150 Tiere in Herden je nach Größe der Flächen aufgeteilt werden und an unterschiedlichen Orten im Landkreis weiden. "Es ist unmöglich, bei allen Tieren gleichzeitig zu sein", sagt Becker. Am Kirchenhang in Alxing, beim Ebersberger Waldmuseum und an der Laufinger Allee, sprich bei der Umgehungsstraße nach Ebersberg, sind die flauschigen Wiederkäuer bald wieder zu sehen. Beim Hof in Halbing, wo sich die Schafe gerade aufhalten, handele es sich um das Überwinterungsquartier. Doch auch bei schönem Wetter haben hier nicht alle Tiere gleichzeitig Anspruch auf die Weide, denn Männchen und Weibchen sind getrennt. Der Wechsel der beiden Herden von Bestallung ins Freie verläuft getrennt und trotz bemühter Ordnung stürmisch. Die einen können die frische Luft nicht erwarten, die anderen dagegen treibt der Hunger zurück in die Bestallung.

Schon bald gibt es auch draußen genug zu Essen für die Herde. Denn nach den letzten Kälteperioden im Mai bis Juni, der sogenannten Schafskälte, ist auf den Wiesen genug Gras zum Knabbern gewachsen, erklärt Becker. Mit der Bauernregel, ähnlich wie die der Eisheiligen, wird zudem der Zeitpunkt für die Schafschur bestimmt. Die Tiere soll es ja schließlich nicht gleich frieren ohne ihr Fell. Zusätzlich werden sie geimpft, entwurmt und bekommen die Krallen geschnitten. Normalerweise findet der alljährliche Prozess öffentlich am Waldmuseum in Ebersberg statt. Die Pandemie lasse das beliebte Event allerdings dieses Jahr nicht für die Öffentlichkeit zu, bedauern Becker sowie der Leiter des Waldmuseums Hannes Müller.

Schafe für Waldmuseum

"Kein Schaf gleicht dem anderen", sagt der Bauer Roland Becker.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Am Waldmuseum sind die Schafe sozusagen Teil der Ausstellung. Doch auf den Wiesen sind sie nicht nur Dekoration, auch wenn sie durchaus schön anzusehen sind. Becker spricht etwa über seine "liebevolle Vielfalt". Die Hauptaufgabe ist dennoch die Beweidung. Denn Schafe können Flächen beweiden, die maschinell schwer bis gar nicht zu pflegen sind, so Becker. Darunter fallen Steilhänge und Streuobstwiesen. Ins Leben gerufen wurde dieses Beweidungsprogramm von der Unteren Naturschutzbehörde am Ebersberger Landratsamtes im Jahr 2012. Man wolle zum Vorteil der Natur und der Tiere zu handeln. Zum einen handele es sich um Vertragsnaturschutzflächen, welche die Schafe beweiden. Der Natur soll somit also wieder etwas zurückgegeben, etwas Gutes getan werden. Zudem sind einige Schafe der Herde aus dem Tierschutz aufgenommen und aus schlechten Verhältnissen stammend. Dafür war die Vorsitzende des Tierschutzvereins Ebersberg, Evelyn Bauer, mit eingebunden. Finanziert wird die Beweidung durch eine jährliche Pflegevergütung, erklärt Roland Becker. Zudem sind Flächeneigner sowie die Europäische Union mit Förderprogrammen Mitwirkende.

Seit gut sechs Jahren sind es nun Beckers Schafe, welche die Aufgabe des Beweidens der Flächen im Landkreis meistern. Wenn man Becker, der früher Koch war, über seine Herde sprechen hört, schwingt eine große Leidenschaft mit. "Wir machen es aus Überzeugung", so der Schäfer. Eine Beweidung mit Schafen sei für die Natur besser, für die Fauna und für die Böden. Steilhänge können von anderen Weidetieren wie zum Beispiel Rindern leicht herunter getreten werden, das sei durchaus gefährlich. Deswegen seien Schafe hierfür so perfekt. Bei Flächen die selbst für Schafe unzugänglich sind, wie beispielsweise Brennesselfelder, entlastet Becker seine Tiere durch die Nutzung einer sogenannten Mähraupe. Auch wenn sich das im ersten Augenblick ebenfalls nach einem Tier anhört, handelt es sich doch um maschinelle Unterstützung. Als "Symbiose aus maschineller und tierischer Beweidung", bezeichnet Becker sein System. Auch auf seinem Hof befinden sich duzende landwirtschaftliche Maschinen. Denn ganz ohne diese lasse es sich als Landwirt nicht auskommen, gibt Becker zu.

Und als ein solcher definiert er sich im Grunde. "Ich bin kein klassischer Schäfer." Denn im Gegensatz zum traditionellen Wanderschäfer beweide er feste, eingezäunte Flächen. Die Schafe seien außerdem nur ein Standbein seines Daseins als Landwirt. Maschinelle Beweidung beispielsweise ein anderes. Zudem hat er noch weitere Tiere, darunter zwei Ponys und Esel, welche ebenfalls an der Geräuschkulisse des Hofes mitwirken. Mit seinen Schafen führt er sozusagen ein "Landschaftspflegeunternehmen", wie es Becker beschreibt. Wichtig ist ihm dabei, dass keine Düngemittel und Pestizide für die zu beweidenden Flächen benutzt werden. "Meinen Tieren soll es jederzeit gut gehen", so der Schäfer. Eine gute und stabile Zaunvorrichtung zu besitzen sei sehr wichtig, um ihnen Sicherheit zu bieten. "Vor allem am Waldmuseum sind die Schafe nun einmal sehr publikumsnah", sagt Becker. Denn nicht nur beim alljährlichen Schafschur-event stehen sie als wichtiger Teil der Ausstellung des Waldmuseums in der Öffentlichkeit. Auch Schulklassen sind häufig zu Besuch. Deswegen sind viele seiner Tiere nicht sonderlich scheu, sondern freundlich und aufgeweckt. Eine gewisse Neugierde, um wen es sich bei dem heutigen Besucher handelt und ob dieser etwas zu essen dabei hat, weißt wohl fast jedes der Tiere auf. Denn fast die ganze Herde läuft zum Zaun, sobald man sich ihm nähert.

Schafe für Waldmuseum

Beim Waldmuseum gehören die Schafe inzwischen zum festen Inventar.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Was vielen Besuchern außerdem an den Schafen gefällt, ist die "bunte Vielfalt", erzählt Becker. "Kein Schaf gleicht dem anderen." Ob nun einfarbig, mit schönem Muster oder geschwungenen Hörnern. Das liegt daran, dass Becker kaum reinrassig züchtet. Reinzuchten seien nämlich wesentlich anfälliger für Krankheiten, sagt der Schäfer. An seinem Zuchtschwerpunkt in Alxing züchtet er deswegen nur wenige Tiere der alten Haustierrassen reinrassig für den Artenschutz. Darunter das alpine Steinschaf. Auch zwei Trauernscheckenziegen sind Teil der Herde. Bei nicht reinrassigen Zuchten des alpinen Steinschafs mit dem Kamerunschaf entstehen Mischlinge, welche robust für die Landschaftspflege sind, so Becker. Dazu gefällt ihm der Aspekt, die Zucht so weit wie möglich "der Natur zu überlassen".

Die Individualität jedes Tieres hilft Becker zudem, bei der großen Herde den Überblick zu behalten. Darunter seien etliche Handaufzuchten seiner Tochter. Zu diesen Tieren baue man natürlich einen engeren Bezug auf. Etwa 40 Prozent der 150 Schafe habe einen Namen, so Becker. Schnuppi und Schoko sind beispielsweise Teil der Herde. Das Ziegenpaar wiederum hört auf die Namen Gisela und Hermann. Das erzeuge bei den Besuchern des Waldmuseums natürlich gleich einen netten Wiedererkennungswert.

"In Oberbayern ist Schafhaltung relativ rar", meint Becker. Eine Handvoll Schafhalter fallen Becker im Landkreis und der Umgebung ein. Doch Schafe, vor allem als Nutztier für Fleisch und Milchproduktion, seien hier nicht sonderlich begehrt. Bei Becker ist die Hauptaufgabe der Schafe die Beweidung. Für Milchhaltung hat Becker keine Zeit und Produktionsmöglichkeiten. Ein kleiner Teil an Überschuss an Böcken muss in die Schlachtung, wobei hier Becker die selbstgesetzte Regel befolgt, dass jedes Tier mindestens eine Saison geweidet haben muss. Die Lämmer, welche auf Beckers Hof eine Art Sonderstatus erhalten und sich selbst unter begrenzenden Gittern im Stall durchschummeln können, kommen also nicht in die Schlachtung. Er versuche ausgewachsene sowie junge Tiere so gut es geht an Familien zu vermitteln, die sich um sie kümmern möchten.

Schafe für Waldmuseum

Der gelernte Koch beweidet mit seinen Tieren seit einiger Zeit die Wiesen rund um Ebersberg.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Die alljährliche Schafschur ist so gesehen ein Mittel zum Zweck damit die Schafe "saisonsreif" werden. Denn die Wolle bringe kaum einen Gewinn. "Meine Schafe sind keine Wollschafe", sagt Roland Becker. Nur ein paar Tiere der Herde liefern eine qualitativ hochwertige Wolle, welche verarbeitet werden kann. Somit sitzt der Schafbesitzer auf einem restlichen Berg Wolle, der übrig bleibt, aber eigentlich gar nicht nutzlos wäre. Wolle kann nämlich als natürliche Isolierung beispielsweise für einen Stall verwendet werden. Bei Pflanzenkübel kann sie als Dauerfeuchtigkeitsspender sowie Dünger eingesetzt werden, verrät Becker. Den größten Nutzen erziele sie allerdings in der Forstwirtschaft als hervorragender Bissschutz vor Rehen bei Neupflanzungen.

Wann es in diesem Jahr zur Schafschur kommt, ist noch nicht klar. Dabei komme es auf das Wetter an, sowie auf den Terminkalender des Schafscherers an, erzählt Becker. Doch dann ist es endlich soweit. Schuppi, Schoko und Co. sind bereit für die Ebersberger Wiesen.

© SZ vom 12.05.2021
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