Gesundheitssystem:"Da läuft was schief"

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Gesundheitssystem: Marc Block, Vorsitzender des Ärztlichen Kreisverbands Ebersberg, befürwortet die Protestaktion: "Es ist eine Frage der Wertschätzung."

Marc Block, Vorsitzender des Ärztlichen Kreisverbands Ebersberg, befürwortet die Protestaktion: "Es ist eine Frage der Wertschätzung."

(Foto: Christian Endt)

Haus- und Facharztverbände haben für kommenden Montag zu einer Protestaktion aufgerufen. Viele Praxen werden für zwei Stunden ihre Türen schließen. Marc Block, Vorsitzender des Ärztlichen Kreisverbands im Landkreis Ebersberg, hält das für sinnvoll.

Von Merlin Wassermann, Ebersberg

"Gesundheit ist nicht alles, aber ohne Gesundheit ist alles nichts." Diesen Ausspruch des Philosophen Arthur Schopenhauer würden vermutlich viele so unterschreiben, nicht umsonst arbeitet laut Bundesgesundheitsministerium jeder achte Erwerbstätige im Gesundheitssektor. Ein zentraler Pfeiler dieses Sektors sind die Hausarzt- und Facharztpraxen.

Diese fühlen sich jedoch seit einiger Zeit wenig wertgeschätzt, wie Marc Block, Vorsitzender des Ärztlichen Kreisverbands Ebersberg, berichtet. "Da läuft was schief", sagt er. Das sehen auch die Hausarzt- und Facharztverbände so, die für kommenden Montag, 10. Oktober, zu einer bundesweiten Protestaktion aufgerufen haben: Für zwei Stunden, von acht bis zehn Uhr, bleiben die Praxen der teilnehmenden Ärzte und Ärztinnen geschlossen.

Die Protestaktion richtet sich gegen das "Spardiktat der Bundesregierung"

Sie wehren sich damit gegen das "Spardiktat der Bundesregierung", wie es in einer gemeinsamen Presseerklärung von der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns und mehrerer ärztlicher und psychotherapeutischer Berufsverbände heißt. Mit dem Spardiktat ist beispielsweise die Streichung der Neupatientenregelung im GKV-Finanzstabilisierungsgesetz gemeint.

Diese war vor drei Jahren eingeführt worden und sorgte dafür, dass Ärzte, die Patienten über ein bestimmtes Kontingent hinaus behandelten, diese auch abrechnen konnten. Zuvor taten sie dies unentgeltlich. Die Verbände fürchten nun, dass sich diese Honorarkürzung "massiv auf die ambulante Patientenversorgung" auswirken wird. Block spricht in diesem Fall von einem "Wortbruch" des Gesundheitsministers Karl Lauterbach (SPD). Der Gesundheitsminister hatte versprochen, keine Leistungen zu kürzen. Dieser "Wortbruch der Berliner Politik", wie es auch in der Presseerklärung heißt, habe "das Fass für die bayerischen Praxen zum Überlaufen gebracht".

"Aber es hat sich auch aus anderen Gründen Unmut bei den Ärzten geregt", sagt Block. So soll etwa der bundesweite Orientierungswert für Leistungen von Vertragsärzten und -Psychotherapeuten im Jahr 2023 lediglich um rund zwei Prozent steigen. Dieser bildet die Grundlage für die Abrechnungen und damit für das Honorar der Ärztinnen und Ärzte sowie der Arzthelfer und -helferinnen. "Das ist deutlich unter der Inflation", so Block.

Hinzu komme noch ein starkes Missverhältnis in der Entlohnung von Arztpraxen gegenüber Apotheken und Impfzentren. Ein einziges Beratungsgespräch in einer Apotheke bringe für bestimmte Patienten 90 Euro ein, während ein Arzt, der einen Patienten drei Monate lang betreut, 15 Euro erhalte. "Wir gönnen es den Apotheken ja, aber wir sehen da auch eine große Diskrepanz", sagt Block.

Ein weiteres Thema, das die Arztpraxen umtreibt, ist die Telematik. Die Praxen sind vom Gesetzgeber verpflichtet, eine "unausgereifte Hardware und Software" zu verwenden, wie Block es ausdrückt, um Patientendaten zu verarbeiten. Was als Fortschritt in der Digitalisierung des Gesundheitswesens gedacht war, stellte sich schnell als Hindernis im ärztlichen Alltag heraus. "Unsere Server stürzen jeden Tag ab", sagt Block. "Das verursacht nicht nur immense Kosten, sondern stört den Arbeitsablauf immens."

Die Leistung während der Pandemie werde nicht gewürdigt, klagen die Ärzte

Dies alles muss im Kontext der Corona-Pandemie gesehen werden. In der Presseerklärung ist die Rede von einem "ambulanten Bollwerk", das durch Psychotherapeuten und Ärzte gegen die Pandemie errichtet wurde. Doch anstatt dass die Regierung die Ärzte besser entlohne, kürze sie die Leistungen. "Da fühlt man sich nicht gerade wertgeschätzt", sagt Block.

Auch er habe - ebenso wie seine Kolleginnen und Kollegen - seit der Pandemie viel Mehrarbeit geleistet und seine Freizeit geopfert. Die Regierung habe ihnen daraus jedoch einen Strick gedreht: "Die Begründung, warum es keine Lohnanpassung gab, war die, dass die Praxen ja mehr Patienten gehabt und somit mehr verdient hätten", erzählt Block.

All das irritiert den Arzt umso mehr, weil es zunehmend schwieriger sei, Arztstellen zu besetzen. "Es sind in Bayern 400 Hausarzt- und 200 Facharztstellen unbesetzt", so Block. "Man kann doch nicht gleichzeitig darüber klagen und dann die Arbeitsbedingungen weiter verschlechtern." Auf diese Weise würden die bestehenden Probleme nur noch verschärft. In der Pressemitteilung von KVB und der ärztlichen und psychotherapeutischen Berufsverbände heißt es, dass "ohne einen Kurswechsel in der Gesundheitspolitik" die "flächendeckende ambulante medizinische Versorgung durch Ärzte und Psychotherapeuten in Bayern extrem gefährdet" würde.

Um auf diese Gefahr hinzuweisen, wird auch Block an der Aktion teilnehmen, "solidarisch", wie er sagt. Er hat die Information auch an seine Kolleginnen und Kollegen aus dem Landkreis Ebersberg weitergeleitet. Wie viele Praxen teilnehmen werden, weiß er nicht, "es werden aber genug Praxen offen bleiben, um die Notversorgung zu gewährleisten", versichert er. Dennoch hält Block die Aktion für sinnvoll: "Von den Patienten erhalten wir schon viel Wertschätzung, wir wünschen uns das Gleiche jetzt auch von der Politik."

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