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Deutsches Theater:Rauchzeichen an den Broadway

Deutsches Theater

Hätten mit ihrem Musical-Haus gerne ebenso wie die Staatsoper und der Gasteig am Pilotprojekt mitgewirkt: Carmen Bayer und Werner Steer.

(Foto: Deutsches Theater)

Die Insolvenz des Deutschen Theaters haben Carmen Bayer und Werner Steer abgewendet. Mit dem "Schuh des Manitu" wollen sie die Musical-Branche reanimieren - wenn der Freistaat mitspielt

Interview von Michael Zirnstein

Seit 13 Jahren leiten Carmen Bayer und Werner Steer das Deutsche Theater, im März wurden ihre Verträge bis 2025 verlängert - was davon überschattet wurde, dass Corona den Spielbetrieb bereits infiziert hatte. Das Erfolgskonzept, mit Blockbuster-Musicals jährlich mehr als 300 000 Besucher in die Show-Zentrale an der Schwanthalerstraße zu locken, zieht seitdem nicht mehr. Immerhin, endlich nun wird überhaupt wieder gespielt, was eben geht: das Kindertheater "Die unendliche Geschichte", das kleine Gäste, aber kein großes Publikum braucht (25. bis 27.9.), den sich auch mit 200 Gästen begnügenden Kabarettisten Günter Grünwald (29.9.), und selbst der Pressesprecher des Hauses stellt sich mit seiner Tribut-Band Tommy Who! für ein Benefizkonzert auf die Bühne (1.10.). Die Ballsaison soll vom Fasching in den Sommer verlegt werden. Hoffnungsträger aber ist das vom Deutschen Theater mitproduzierte Musical "Der Schuh des Manitu" - die Staatsregierung hat es noch nicht genehmigt.

Im März wollten Studenten der August-Everding-Akademie ein Stück über das Deutsche Theater und dessen 120-jährige Show-Geschichte in Ihrem Silbersaal aufführen - doch dann wurden alle Veranstaltungen abgesagt. Wann wurde hier im "Palast des Lächelns" zuletzt gelächelt?

Die Intendanten Carmen Bayer und Werner Steer lachen. Werner Steer: Jetzt gerade. Von März bis jetzt waren wir hauptsächlich damit beschäftigt, Stücke rückabzuwickeln und neue Verträge mit allen möglichen Klauseln, Zweit- und Dritt-Optionen auszuhandeln.

Carmen Bayer: Hier in unserem leeren Haus zu lächeln, ist gerade schwierig. Ich fand es wahnsinnig bewegend, in Salzburg die Proben vom "Schuh des Manitu" anzuschauen. Die Darsteller sind so glücklich, spielen zu können, auch wenn alle wissen: Es steht auf der Kippe.

Sie möchten das Musical des Landestheaters Salzburg, an dessen Produktion das Deutsche Theater beteiligt ist, gerne von Mitte Oktober an drei Monate lang zeigen. Glauben Sie selbst, dass das klappt?

Steer: Wir hoffen und bangen. Wir haben mit dem Aufsichtsrat ausgemacht: Unter Einhaltung aller aktuellen Abstandsregeln können wir 425 Gäste ins Theater bringen. Wenn wir die und unser Hygienekonzept genehmigt kriegen, werden wir den "Schuh des Manitu" spielen.

Momentan erlaubt die Bayerische Staatsregierung aber nur 200 Besucher in Innenräumen, egal wie groß der Saal ist.

Steer: Das ist der Knackpunkt.

Die Staatsoper und der Gasteig dürfen seit einigen Tagen in einem Pilotprojekt 500 Besucher einlassen. Sie haben sich zunächst geärgert. Aber macht Ihnen der Versuch nicht auch Hoffnung?

Bayer: Erst mal habe ich mich wirklich gefreut für die Oper, dass es eine Erhöhung gibt. Das geht in die richtige Richtung. Was wir nicht mehr verstanden haben, ist, dass danach nicht alle größeren Institutionen folgten, sondern nur der Gasteig. Wir verstehen nicht, warum wir nicht bei dem Pilotprojekt dabei sind.

Steer: Wenn es im Gasteig mit den Philharmonikern und in der Oper mit Orchester und wenigen Sängern funktioniert, hat das nichts mit uns zu tun: Wir haben bis zu 15 Leute auf der Bühne, die singen und tanzen. Es wäre sinnvoll gewesen, uns als drittes Pilotprojekt mitzunehmen. Was Zuschauerraum und Lüftung betrifft, sind die Voraussetzungen im Deutschen Theater zudem noch besser als in der Oper. Wie hat Django Asül zum Publikum gesagt, als wir bei seinem Auftritt auf unserer Sommerbühne wegen Regen vom Hof in den Saal umziehen mussten: Da gibt es einen neunfachen Luftwechsel, drinnen ist es sicherer als draußen. Das könnte unser Vorteil sein, wenn der Herr Söder nachdenkt ...

Haben Nikolaus Bachler von der Staatsoper und Max Wagner vom Gasteig den besseren Draht in die Staatskanzlei?

Bayer: Möglicherweise. Ich glaube, dass sich die Entscheider schwerer tun mit uns, weil sie auch unser ganzes Bühnenkonzept zu genehmigen haben, bei dem sie Nähe zwischen den Darstellern zulassen müssen. Dabei geht das auf die Salzburger Festspiele zurück und unsere Hoffnung war: Weil das gut lief, geht das auch bei uns.

Wie wollen Sie die Mitwirkenden vor einer Infektion schützen, in einer Quarantäne-Blase wie bei den Profi-Fußballern?

Steer: Alle Darsteller werden jede Woche getestet, und jeden Abend wird Fieber gemessen, nur wenn alle gesund sind, wird gespielt. Das ist die Gruppe "rot".

Bayer: Es ist ein Ampelsystem: Rot sind alle, die keinen Abstand halten können. Gelb sind etwa Friseure, die Maske tragen können. Grün sind Mitarbeiter aus der Verwaltung, die Abstand halten können.

Es kommt für Sie aber nicht infrage, das Stück viruskonform zu inszenieren, also dass sich Indianer und Cowboys auf der Bühne nicht küssen dürfen.

Bayer: Wir haben gesagt, wir machen keine Corona-Version. Ich habe mir gerade ein Stück in Frankfurt angeschaut, da gab es einen Kuss auf der Bühne. Könnte man den weglassen? Ich finde das nicht gut. Die Zuschauer allerdings sind in dem Moment bei der Preview richtig erschrocken. Der Intendant hat dann am nächsten Tag extra erklärt, dass die Darsteller getestet sind und das deswegen geht.

Steer: Die Fußballer schießen ein Tor und knutschen sich ab. Und im Theater: Panik!

Wie groß ist Ihre Panik gerade?

Bayer: Es geht. Bis 30. September müssen die Genehmigungen da sein, dann würden die Künstler in München anreisen. Wenn nicht, müssen wir alles stoppen.

Und dann? Haben Sie Alternativen für den Winter? In Linz spielt man statt des "Titanic"-Musicals ein kleineres Piaf-Stück, das zur Not auch konzertant funktioniert.

Bayer: Wir strecken natürlich unsere Fühler aus nach Stücken, die mit reduzierter Kapazität funktionieren und zu uns passen. Aber so viele Musicals mit zwei bis fünf Darstellern gibt es einfach nicht. Wir haben schon mit dem English Theatre in Frankfurt verhandelt. Ansonsten würden wir wie bei "Sommer in der Stadt" mit Konzerten, Kabarettisten, vielleicht mal mit einer Musical-Gala weitermachen.

Steer: Das Volkstheater und die Kammerspiele können mit ihren städtisch finanzierten Ensembles alle Experimente machen. Aber wir brauchen immer Partner, zum Glück haben wir die gerade in Salzburg, wo geprobt werden darf. Aber BB Promotion, Semmelmann, Stage Entertainment - die alle können derzeit nichts machen. Der Musical-Markt ist tot. Broadway, Westend, ganz Deutschland - alles eingestellt, es gibt nichts. Wer weiß, wer das überlebt.

Dabei werden mit den Ticketverkäufen die nächsten Produktionen finanziert. Das sind auch keine guten Aussichten für den Spielplan '21 des Deutschen Theaters.

Steer: Genau. Deswegen wäre der "Manitu" auch wirklich ein Pilotprojekt für die ganze Branche. Der Manitu-Macher Martin Lingnau will das auf jeden Fall durchziehen. Ein Lebenszeichen. Da warten alle drauf, selbst "Harry Potter" in Hamburg wartet darauf. Die rufen uns gerade alle an und fragen nach dem Stand. Wenn wir es schaffen würden, ein richtiges Musical zu spielen, das wäre: pfft! (Steer deutet zum Himmel) Da puschst du die ganze Branche.

Bayer: Eine Riesenbranche. Und das ist ja gerade die, die nicht subventioniert wird, die selber erwirtschaftet. Dann muss man sich fragen, warum macht man nicht genau da die Testprojekte. Gerade wir könnten wirklich der Vorreiter sein, die privaten können das nicht leisten, aber wir sind immerhin noch städtisch.

Auch das Deutsche Theater kämpft Corona-bedingt gegen die Insolvenz. Rathaus-Politiker aller Parteien versicherten zwar, sie lassen die städtische GmbH nicht pleitegehen. Aber sind Sie wirklich gerettet?

Steer: Eine Insolvenz ist bis zum Jahresende auf jeden Fall abgewendet. Wir haben uns nach der ersten Stadtratssitzung nach der Kommunalwahl mit dem Kontroller vom Kulturreferat zusammengesetzt und ausgerechnet, was wir an Geld brauchen, um bis zum Jahresende durchzukommen, also unsere fixen Kosten wie die Gehälter und Mieten zu decken. Da hieß es dann, dass es diese Summe nicht geben wird. Daher haben wir uns mit dem Kulturreferat geeinigt, unserer Rücklagen von einer Million Euro, die eigentlich für den Spielbetrieb vorgesehen sind, zu verwenden. Dadurch kommen wir mit einem zusätzlichen Zuschuss von 1,5 Millionen hin. Dafür haben wir eine Zusage, die sollten diese Tage auf unserem Konto sein.

Wann gehen die Verhandlungen für das nächste Jahr los?

Bayer: Wir stecken mittendrin.

Steer: Es sollen Kürzungen kommen. Die Frage ist: Was können wir einsparen? Nichts, weil wir jetzt ja schon bei unseren Fixkosten komplett unterfinanziert sind. Wenn der Zuschuss noch geringer wird, ist unsere Deckungslücke noch größer.

Ihre Fixkosten finanzieren Sie normalerweise mit dem, was die Shows einspielen.

Bayer: Genau. Andere sagen dann einfach, wenn sie diese oder jene Reihe nicht machen, sparen sie Geld. Bei uns ist es genau andersrum: Wenn wir etwas nicht spielen, dann verlieren wir noch mehr. Das einzige was man machen kann und muss, ist an unserer Pacht zu drehen. Derzeit wird der Großteil unseres Zuschusses von 1,75 Millionen Euro für die Pacht benötigt, die wir an die städtische Gesellschaft Deutsches Theater Grund- und Hausbesitz bezahlen. Aber das Gebäude ist einfach nicht mehr das wert, was es vor Corona wert war. Wir brauchen eine neue Bewertung, eventuell auch eine auf Umsatz basierende Pacht.

Mit dem "Manitu" würden Sie auch bei Vollauslastung nur auf eine schwarze Null kommen. Warum machen Sie es dann, ist das Kunst um der Kunst willen?

Steer: Wir haben hier ein Theater, das für sehr viel Geld saniert wurde. Wenn wir es bespielen können, ohne Minus zu machen, werden wir es auf jeden Fall tun. Unser Auftrag ist es nicht, ein leeres Gebäude zu verwalten.

Bayer: Und der "Schuh" ist das einzige Stück, mit dem das derzeit überhaupt möglich ist. Deswegen werden wir es bis zum letzten Tag versuchen.

© SZ vom 21.09.2020

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