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Deutsche Bahn:Wenn S-Bahnen einfach vorbeirauschen

150 Jahre Bahnhof Possenhofen

Vor einiger Zeit feierte die Bahnlinie München-Murnau das 150-jährige Bestehen. Ein Fest gab es auch am Bahnhof Possenhofen.

(Foto: Franz-Xaver Fuchs)

Um Verspätungen auszugleichen, fahren einige Züge an bestimmten Stationen einfach vorbei - auch an stark genutzten Bahnhöfen.

Die Fahrgäste der Münchner S-Bahn sind einiges an Leid gewohnt. Verspätungen, Zugausfälle, verwirrende oder erst gar nicht ertönende Ansagen - damit schlagen sie sich immer wieder herum. Seit etwa einem Jahr nun hat die Deutsche Bahn als Betreiberin der S-Bahn eine weitere Facette der Ärgerlichkeiten auf Lager: Ist eine S-Bahn deutlich verspätet unterwegs, rauscht der Zug an einigen Haltestellen auf den S-Bahn-Außenästen an teils verdutzten Fahrgästen vorbei. Zweck der Übung: Der Lokführer soll so den Endbahnhof rechtzeitig erreichen, um bei seiner Fahrt zurück in Richtung Innenstadt wieder pünktlich unterwegs zu sein.

Praktiziert werde das Ganze unter anderem auf der Linie S 2 im Münchner Osten, sagt S-Bahn-Chef Bernhard Weisser. Ist da eine S-Bahn beispielsweise in Richtung Erding verspätet unterwegs, lässt der Triebfahrzeugführer nach dem Stopp in Ottenhofen den Halt in St. Koloman und Aufhausen aus. Dann heißt es: nächster Halt erst in Altenerding. Ähnlich läuft es laut Weisser auf der S 4-Ost: Dort können bei größeren Verspätungen die Halte in Gronsdorf, Haar, Vaterstetten und Baldham wegfallen, erst in Zorneding wird dann wieder gestoppt.

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Ziel der Aktion: Durch den Wegfall der Halte, sagt Weisser, schaffe es die S-Bahn unter Umständen, in Grafing Bahnhof wieder im richtigen Takt zu sein - und dann fahrplanmäßig auf die eingleisige Strecke nach Ebersberg einzuschwenken. Gelingt dies aber nicht, komme dort nicht nur der Fahrplan der S 4 durcheinander, sondern auch der für die Regionalzüge nach Wasserburg am Inn, "Filzenexpress" genannt. Das Auslassen einzelner Haltestellen diene somit "zur Stabilisierung des Gesamtsystems", sagt Weisser. Zumal es äußert selten vorkomme: Im Juni seien nur 20 von 20 000 Zugfahrten betroffen gewesen, erklärt der Freistaat auf Anfrage.

Fahrgäste berichten aber, dass sie auch auf einzelnen Abschnitten der S 3, der S 6 und der S 8 mit dem Phänomen der vorbeirauschenden Züge konfrontiert worden seien. Beim Fahrgastverband Pro Bahn trifft die Idee auf massive Kritik: "In Einzelfällen mag es vielleicht sinnvoll sein, mal einen schwach frequentierten Halt ausfallen zu lassen", sagt Pro-Bahn-Sprecher Andreas Barth. "Dass aber auch stark genutzte Bahnhöfe" wie etwa Olching, Haar oder Vaterstetten zeitweise nicht angefahren werden, "das klingt doch eher nach einem schlechten Witz". Die DB sei gut beraten, wenn sie sich "mehr darauf fokussiert, die versprochene Leistung zu erbringen, statt darauf, mit den vorhandenen Leistungsmängeln irgendwie umzugehen".

Stabilisierung des Gesamtsystems

S-Bahn-Chef Weisser indes verteidigt seinen Ansatz: Das S-Bahn-System sei "an seinen Kapazitätsgrenzen angelangt", bei Störungen würden diese "auch deutlich und systematisch überschritten". Seit Jahren tüftelten die Fahrplan-Entwickler der DB immer wieder an Konzepten, um auch mit vergleichsweise kleinen Maßnahmen das S-Bahn-System zu stabilisieren - dazu zähle nun auch das Durchrauschen einzelner Züge.

Zudem wende man die Maßnahme nur dann an, wenn auf den durchfahrenden Zug relativ rasch ein zweiter Zug folge, der dann die stehen gelassenen Passagiere aufnehmen könne, sagt Weisser. Und das Ganze wende man nur an, wenn dem Disponenten und dem Lokführer ausreichend Zeit bleibe, um die Fahrgäste in den Zügen wie auch an den Bahnsteigen per Durchsagen sowie gegebenenfalls über Anzeigen informieren zu können. Es sei aber "keinesfalls so, dass wir in Massen Streckenabschnitte nicht bedienen".

Letztlich, sagt Weisser, habe man "die Wahl zwischen Pest und Cholera". Früher seien nach einer Großstörung viele verspätete S-Bahnen gar nicht bis zum Endhaltebahnhof durchgefahren, vielmehr hatte die DB-Leitung sie unterwegs vorzeitig wenden lassen. Gerade auf den vom Zentrum aus gesehen weiter entfernten Außenästen habe es dann aber große Taktlücken gegeben bis zur nächsten S-Bahn.

Die Bayerische Eisenbahngesellschaft (BEG), die im Auftrag des Freistaats den Regionalzug- und S-Bahn-Verkehr plant, organisiert und bezahlt, sieht in dem Auslassen von Haltestellen zumindest kein größeres Problem. "In einem hoch komplexen System wie der Münchner S-Bahn", sagt der oberste BEG-Qualitätsmanager Wolfgang Oeser, sei es wichtig, "dass sich das Gesamtsystem nach einer Betriebsstörung möglichst schnell erholt" - entweder durch das vorzeitige Wenden der Züge oder das Auslassen von einzelnen Bahnhöfen. Es sei Aufgabe der S-Bahn, die "hierfür richtige Entscheidung eigenverantwortlich und wohlüberlegt zum Vorteil der Mehrzahl der Fahrgäste" zu treffen.

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Immer mehr Passagiere

566 Millionen Fahrgäste waren im vergangenen Jahr mit den Bussen und Bahnen der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) unterwegs. Das waren etwa zwei Prozent mehr als im Vorjahr. Die Rekordzahl hatte das städtische Verkehrsunternehmen bereits im Januar vermeldet. Mittlerweile liegen weitere Details dazu vor. Und die zeigen, dass insbesondere bei den städtischen Bussen die Nachfrage im vergangenen Jahr stark gestiegen ist: Denn in ihrem Busnetz verzeichnete die MVG einen Zuwachs um 3,2 Prozent - von 187 auf 193 Millionen Fahrten im Jahr 2015. Bei der U-Bahn betrug der Zuwachs zwei Prozent (von 390 auf 398 Millionen Fahrten), bei der Tram lag er bei 0,8 Prozent (von 118 auf 119 Millionen Fahrten).

MVG-Chef Herbert König begründete den überdurchschnittlichen Zuwachs im Bus-Segment vor allem mit "umfangreichen Angebotsverbesserungen". So hatte die MVG unter anderem auf mehreren Buslinien die Takte verdichtet und die Strecken verlängert. Bei der Trambahn habe dagegen eine Großbaustelle rund um den Ostfriedhof den Fahrgastzuwachs im Jahr 2015 ausgebremst.

Der MVG-Chef mahnte erneut eine Erweiterung der Kapazitäten an: So müsse der Stadtrat den Weg für die geplante Tram-Westtangente durch die Fürstenrieder Straße sowie für die Tramverbindung durch den Englischen Garten zwischen Bogenhausen und Schwabing frei machen. Die "Aktion Münchner Fahrgäste" forderte zudem zusätzliche Züge auf der Tramlinie 17 zur Schwanseestraße sowie einen durchgehenden Zehn-Minuten-Takt bei der U-Bahn ein. Die derzeit in Bau befindliche Tram-Verlängerung nach Berg am Laim müsse zudem an die Innenstadt angebunden werden. mvö

© SZ vom 28.06.2016/mkro
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