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SZ-Benefizkonzert:Fei scho sauguad

Jetzt kann Weihnachten kommen: Das SZ-Benefizkonzert mit alpiner Weltmusik und einer glänzend aufgelegten Beate Himmelstoß begeisterte das Publikum im Dachauer Thoma-Haus.

Weltblatt und Regionalzeitung zugleich: Das ist das Programm der Süddeutschen Zeitung in der Region München. Bei ihrem diesjährigen Benefizkonzert im Ludwig-Thoma-Haus hat sie beides außerordentlich betont, dabei das Süddeutsche als Südbairisch so sehr, dass wir unserem Bericht eine kleine bairische Sprachkunde vorausschicken müssen. "Fei scho" und "ungrantig" nannte sich eine vierköpfige Band, die ihrem Publikum "Alpine Weltmusik zwischen Landler und Funk" nahe brachte. Also zur Übersetzung:

Die vier alpinen Weltmusiker - Juri Lex (Geige), Stefan Straubinger (Ziehharmonika und Drehleier), Martin Liedl (Percussion) und Anschi Hacklberger am Kontrabass - brachten eine Musik ins Benefizkonzert, die absolut im Trend liegt, nämlich Traditionelles, das durch raffinierte Rhythmik und allerlei Instrumentaleffekte ins Zeitgemäße transportiert und verfremdet wird.

(Foto: npj)

Fei" betont etwas, zum Beispiel einen Wunsch. "Kim fei!" heißt: "Dass du ja kommst!" und "Verlier's fei net!": "Dass du das ja nicht verlierst!" Wenn man aber gefragt wird: "War das gut?" und gibt zur Antwort: "Fei scho!", dann heißt das soviel wie "Und ob!". Auch "sauguad" sagt man im zeitgemäßen, modernen Bayerisch. Was ein Grant ist, brauchen wir nicht ins Hochdeutsche zu übersetzen, denn seinen Grant - falls man so etwas mit sich schleppte - hat man an diesem Abend schnell vergessen und sich "ungrantig", also wohlgelaunt und fröhlich, aber nicht ausgelassen den musikalischen und literarischen Genüssen hingegeben.

Für viele Stammgäste des Benefizkonzerts im ausverkauften Ludwig-Thoma-Haus ist das alljährliche Ereignis kurz vor Heiligabend eine willkommene Einstimmung der etwas anderen Art auf Weihnachten. So auch für den SPD-Landtagsabgeordneten Martin Güll, seinen CSU-Kollegen Bernhard Seidenath, Dachaus zweiten Bürgermeister Claus Weber (FW), SPD-Stadtrat Günter Heinritz oder den stellvertretenden SPD-Kreisvorsitzenden Max Eckardt aus Karlsfeld, etliche Kunst- und Kulturschaffende und viele Gästeführerinnen.

Dass das Benefizkonzert zum 13. Mal stattfinden konnte und sein Erlös in vollem Umfang Menschen in Not zugute kommt, ist der Unterstützung der Volksbank Raiffeisenbank Dachau und ihrem scheidenden Vorstandsvorsitzenden Michael Haas zu verdanken. Die Bank hat von Beginn an nicht nur das Adventskonzert ermöglicht, wie Christian Krügel, Ressortleiter München, Region und Bayern der Süddeutschen Zeitung sowie Vorstandsmitglied der Stiftung des Adventskalenders, sagte. Die Volksbank unterstützt auch viele Projekte des SZ-Hilfswerks und trug so zu den 5,6 Millionen Euro an Spenden bei, die der Adventskalender 2010 erhalten hat. Damit wird zum Beispiel im Landkreis Dachau Kindern ein Frühstück ermöglicht, die sonst hungrig zur Schule gehen müssten. "Ein Akt der Solidarität, auf den wir stolz sind, weil wir auf unsere Leser stolz sind", sagte Krügel.

Die vier alpinen Weltmusiker - Juri Lex (Geige), Stefan Straubinger (Ziehharmonika und Drehleier), Martin Lidl (Percussion) und Anschi Hacklinger am Kontrabass - brachten eine Musik ins Benefizkonzert, die absolut im Trend liegt, nämlich Traditionelles, das durch raffinierte Rhythmik und allerlei Instrumentaleffekte ins Zeitgemäße transportiert und verfremdet wird. Der bekannte Schneewalzer klingt nicht mehr nach glitzerndem Weiß, sondern nach dem Sauwetter, mit dem der Klimawandel den Winter ersetzt hat.

Zum Alpinen gehört der Landler, den Juri Lex in bester bayerischer Geigenmusi-Manier spielt, und natürlich auch der Jodler. Aber beides wird in die heutige Zeit versetzt und mit fetzigen Rhythmen konfrontiert. Da denkt wohl niemand mehr an Erzherzog Johanns Jodelkunst. Fei Scho zauberte aus ein paar Filmmusik-Tönen einer Heimatschnulze einen leicht melancholischen Musette-Walzer - und der tosende Vorweihnachtstrubel war ganz weit weg.

Den Kontrast bildete die Literaturauswahl von Beate Himmelstoß. Sie drang in ihrer Lesung bis in philosophische Gefilde vor, zitierte Rilke, Schopenhauer und Nietzsche und wagte, wie sie selbst sagte, eine "Hinwendung zum Spirituellen", vergaß dabei aber die bairische Note nicht. Bei den Texten war von Jauchzen und Frohlocken, von Lichterketten und Einkaufsstress keine Rede mehr. Vielmehr stellte sie im ersten, ernster gehaltenen Teil mit ihren Gedichten und Romanauszügen von Harald Grill, Panos Karnezis, Ilse Aichinger, Markus Werner, Rainer Maria Rilke, Wolf Biermann, Arthur Schopenhauer und Friedrich Nietzsche den ursprünglichen Sinn der Adventszeit in den Vordergrund, die einmal im Kirchenjahr eine strenge Fastenzeit war. Sie nannte das "Zeitenwende-Gefühl", die Besinnung darauf, dass nicht nur das Jahr zu Ende geht, sondern immer wieder auch ein Lebensabschnitt. Und dass darauf die "Hinwendung auf etwas Neues" erfolgt.

In der Pause war bei kunstvoll dekorierten Kanapees und Wein denn auch das Programm und sein Zusammenklang als musikalische Lesung Gesprächsthema Nummer eins. Dachaus Bürgermeister Weber brachte es kurz und bündig auf den Punkt: "Die Musik: der Hammer, die Texte: Wow." Der dritte Landrat Michael Kreitmeir, Bürgermeister in Hebertshausen, würdigte die Texte als herausfordernd und fand, dass "die Musik in die Beine geht". Die gefiel dem SPD-Abgeordneten Martin Güll als "super schräg". Sein CSU-Kollege im Landtag, Bernhard Seidenath, meinte: "Die Texte sind sehr anspruchsvoll. Weihnachten muss man sich dazu denken." Kreisbäuerin Rosmarie Böswirth, ein Fan von Fei Scho und vor Konzertbeginn schon ganz gespannt, wie sich Musik und Literatur ergänzen könnten, war zufrieden: "Das Zusammenspiel ist richtig gut." Der stellvertretende SPD-Kreisvorsitzende Max Eckardt aus Karlsfeld schließlich sah seine Erwartungen ans SZ-Benefizkonzert schon im ersten Teil erfüllt: "Der Termin ist so passend, weil er eine Grenze setzt", sagte er. "Ich bin schon immer ganz gespannt, was angeboten wird." Nun fühlt er definitiv: "Jetzt kann Weihnachten kommen."

Und dies umso mehr, als Beate Himmelstoß nach der Pause mit köstlichen, lebensfrohen und hintersinnigen Geschichten von Frauen und Männern oder von der Liebe in Italien erzählte. Schließlich noch konfrontierte sie Immanuel Kants Kategorischen Imperativ mit dem Allzumenschlichen. Allein schon diese Schräglage aus Feinsinnigem und eher Derbem amüsierte die Zuhörer. Ein Mann (Biermann) will in einen See pieseln, denn das bisschen Verunreinigung mache bei der Größe des Sees doch nichts aus. Wenn aber jeder so denkt? Die Entscheidung bringt der Gedanke an Kant: "Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne." Der Mann hält sich zurück. Und nimmt letztlich die tragisch-komische Einsicht mit, dass viele doch pieseln würden; bei aller Einsicht in den Imperativ.

Dann ließ sich Beate Himmelstoß auf bayerische Lautmalerei (nach Felix Hörburger) ein, die sich jeder Beschreibung entzieht. Ihre Lesung steigerte sich zu einem heiteren wortakrobatischen Tanz. Bleibt also zuletzt die kategorische Frage: "War das Ganze eigentlich sauguad?" - "Fei scho schee!"

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