SZ-Adventskalender:Das Zuhause, weggespült

Minka Dimowa und ihre Familie haben durch die Flutkatastrophe alles verloren. Ihre Wohnung mussten sie aufgeben, nun wagen sie einen Neuanfang im Landkreis. Doch es fehlt am Nötigsten

Von Christiane Bracht, Dachau

Die Nacht, in der die Flut kam, hat für Minka Dimowa alles verändert. Sie träumt noch immer jede Nacht davon. Der Kampf gegen die Wassermassen, dann die Flucht in letzter Minute aus der Wohnung in Hagen. Am liebsten würde sie nie wieder darüber reden, es einfach vergessen, normal weitermachen. Aber was ist schon normal? In Minka Dimowas Leben nichts mehr. Seit Mitte Juli fühlt sie sich wie in einem Albtraum gefangen. Das einzige, was ihr geblieben ist, ist die Familie. Die hält sie aufrecht. Aber sie ist es auch, die ihr alles abverlangt. Drei kleine Kinder springen um die 24-Jährige herum. Anfangs beäugen sie die Besucher scheu aus der Distanz, dann fangen die beiden Buben an, ausgelassen miteinander zu spielen und zu toben. Das sechsjährige Mädchen drückt sich immer wieder an die Mutter. "Sie weicht mir kaum noch von der Seite", erzählt Dimowa. "Selbst zur Toilette kommt sie mit." Mit dem Umzug in den Landkreis Dachau wollte die Familie alles hinter sich lassen: die Flutkatastrophe, die schlimmen Erlebnisse, das Nichts danach. "Wir wollten neu anfangen", sagt Dimowa. "Und wir wollten Normalität."

Aber der Anfang gestaltet sich weit schwieriger als gedacht. Die Familie kam mit nichts. Damit einen Neustart zu wagen, das merkt Dimowa immer wieder, ist extrem deprimierend, obwohl sie inzwischen sehr hilfsbereite und nette Nachbarn hat. "Hauptsache Arbeit. Der Rest wird schon", dachten sie. Ein Freund der Familie hatte Minka Dimowas Mann eine Arbeitsstelle im Landkreis Dachau vermittelt. Der Arbeitgeber stellte der Familie eine Wohnung zur Verfügung. "Mit drei Kindern kann man nicht ewig bei Freunden unterschlupfen", sagten sich die Eltern und nahmen dankend an. Doch dann kamen sie in die Wohnung. "Ich bin so erschrocken", erzählt Minka Dimowa. "Es war richtig schmutzig. Ich wollte erst gar nicht bleiben." Aber es gab keinen Weg zurück. Die große Zuversicht ist seither verflogen. Wer in das Haus hineinkommt, weiß sofort, wovon sie spricht.

Adventskalender Logo hoch

Schon beim Betreten empfängt den Besucher heftiger Ölgeruch, denn hinter der Eingangstür ist ein großer Blechtank versteckt - notdürftig zusammengeschweißt, zumindest wirkt es so. Geht man weiter durch das Treppenhaus beginnt es immer modriger zu riechen, wie in einem alten Keller. In der Wohnung hat Minka Dimowa inzwischen versucht, den üblen Geruch mit Duftfläschchen zu übertünchen. Doch der Schimmel ist überall. "Mein Mann hat ihn beim Renovieren der ersten Zimmer weggespachtelt", erzählt sie. Die Wohnung war offenbar lange nicht bewohnt. Es ist kühl, obwohl die richtig kalten Tage noch gar nicht da sind, und es gibt nur in einem Zimmer ein kleines Öfchen aus grauer Vorzeit, das mächtig nach Öl stinkt.

Minka Dimowa macht sich große Sorgen, dass die marode Wohnung ihre Kinder krank machen könnte. Doch alle Bemühungen, eine neue, bessere Bleibe zu finden, sind bislang im Sande verlaufen. Meist scheitert es schon daran, dass die Familie keine Kaution hinterlegen kann. Der neue Arbeitgeber hat noch keinen Lohn ausgezahlt. Derzeit unterstützt die Caritas die fünfköpfige Familie mit Essensmarken, damit sie nicht hungern muss. Auch der SZ-Adventskalender will helfen, die Not zu lindern, auch wenn er der Familie keine neue Wohnung anbieten kann.

Hier können Sie spenden:

"Adventskalender für gute Werke der Süddeutschen Zeitung e.V."

Stadtsparkasse München

IBAN: DE86 7015 0000 0000 600700

BIC: SSKMDEMMXXX

Volksbank Raiffeisenbank Dachau

IBAN: DE69 7009 1500 0000 0450 55

BIC: GENODEF1DCA

www.sz-adventskalender.de

www.facebook.com/szadventskalender

"Wir waren nicht reich aber wir hatten genug"

"Wir hatten ein schönes normales Leben", bricht es aus Minka Dimowa heraus. "Wir waren nicht reich aber wir hatten genug für die Kinder und uns. Mein Mann war Vorarbeiter auf dem Bau. Er hat sehr gutes Geld verdient. Wir haben alles gehabt - eine sehr schöne Wohnung..." Doch dann kam die Flutkatastrophe.

Es regnete den ganzen Tag sehr stark, erinnert sich die junge Frau. Sie hätte nie gedacht, dass sie sich wegen des Wassers Sorgen machen müsse, denn die Familie wohnte im ersten Stock. Doch dann sprudelte plötzlich das Wasser aus der Toilette. "Ich habe schnell den Deckel drauf gemacht", sagt sie. Viel geholfen hat es nicht. Und so schloss sie die Badezimmertür hinter sich zu. Doch es dauerte nicht lange und das Wasser kam unten durch. Fast gleichzeitig schoss es auch zum Fenster herein. Minka Dimowa packte ihre Kinder und befahl ihrem Mann, der noch ein paar Dinge einpacken wollte, sofort mit hinauszurennen. Es war in letzter Minute.

Die Bilder vom Wasser umspülten Haus, in dem die Dimowas in Hagen wohnten, wurden Mitte Juli in den Hauptnachrichten gezeigt. Auf Youtube sind sie noch immer zu sehen. Doch die Mutter will sie lieber nicht mehr anschauen. Es weckt böse Erinnerungen. Auch wenn sie mit dem Leben davongekommen ist, so hat sie doch viel verloren: "Alle Fotos und Erinnerungsstücke sind weg", sagt sie. Aber was noch schlimmer ist: Das Trauma ist geblieben, nicht nur bei ihr. "Die Kinder werden jede Nacht wach", sagt sie. "Und wenn es draußen stark regnet, fragen die Drei- und Vierjährigen: 'Kommt jetzt wieder das Wasser?'" Manchmal fragten sie auch: "Mama, wann gehen wir wieder nach Hause zurück?" Dann ist es Minka Dimowa zum Heulen zumute. Aber sie muss stark bleiben. Und so sagt sie: "Mal schauen, vielleicht wird's wieder besser."

Die ganze Familie schläft in einem Bett

Noch schläft die ganze Familie in einem Ehebett. Wenn es zu eng wird, weicht einer auf das kaputte Sofa aus, das man ihnen gegeben hat. Die Nachbarn liehen einen Fernseher und einen Wäscheständer. Im Ort sammelte man Spielzeug für die Kinder und Kleider. "So viel Unterstützung hätten wir in Hagen nicht bekommen", sagt Dimowa voller Dankbarkeit. Doch es fehlt noch immer an allen Ecken und Enden.

Der SZ-Adventskalender will die Familie mit einer Waschmaschine unterstützen und einer Infrarotheizung, damit sie wenigstens nicht frieren muss. Wer von einer Wohnung weiß, in der die Dimowas unterkommen könnten, kann sich unter Telefon 08131/29 81 800 an die Caritas wenden. Es wäre Minka Dimowas größter Wunsch. Zwar steht sie schon auf der Warteliste für eine Sozialwohnung, doch bis sie zum Zuge kommt, kann es Jahre dauern.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB