Kultur in Dachau:Die Zärtlichkeit der Kakteen

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Kultur in Dachau: Die Künstlerinnen Lore Galitz und Verena Friedrich stellen ab Donnerstag im Wasserturm aus.

Die Künstlerinnen Lore Galitz und Verena Friedrich stellen ab Donnerstag im Wasserturm aus.

(Foto: Toni Heigl)

Verena Friedrich und Lore Galitz stellen die Wunder des Lebens, ihre Mechanismen und ihre Schönheit in den Mittelpunkt ihrer Arbeit. Über eine Ausstellung im Wasserturm, die gleichzeitig Kunsterlebnis und kontemplative Naturerfahrung ist.

Von Gregor Schiegl, Dachau

Um die Wasserqualität in Dachau war es in der Zeit um 1900 nicht gut bestellt. Was man aus den öffentlichen Brunnen schöpfte, war eine gelbe Brühe. Abhilfe schaffte 1910 der im Stile des Späthistorismus erbaute Wasserturm auf dem Schlossberg; er speiste sich aus einem frischen Wasserreservoir. In der dritten Etage des 29 Meter hohen Turms war der Tank untergebracht, ein Ungetüm, das fast das gesamte Stockwerk füllte. Von den Dimensionen geben die stehengebliebenen Wände im Inneren des Raums heute noch eine ungefähre Vorstellung.

Jetzt plätschert es hier oben wieder, ganz leise, aus kleinen Lautsprechern. Die Fenster sind mit Pappe verdunkelt, über die Wänden läuft eine Videoprojektion: das strudelnde Wasser der Isar, das glitzernde Licht auf den Wellen des Starnberger Sees, eine Kamerafahrt über das Auf und Ab der Strukturen einer Baumrinde - ein zerklüfteter borealer Strom.

Weil der Raum hier oben ein verschachteltes labyrinthisches Konstrukt mit Durchbrüchen ist, fluten lichte Ausschnitte durch Nischen auf die Mauern hinter den alten Tankwänden. Stücke aus angeschwemmtem Wurzelholz sind auf Stäbe gesteckt, der Schattenriss der knorrigen Hölzer malt auf Kniehöhe springende Fische in den Videostrom. Ein kontemplatives Naturerlebnis über den Seiteneingang der Kunst.

Die beiden Künstlerinnen ergänzen sich sehr gut

"Raum erfahren - Natur berühren" ist der Titel dieser Ausstellung, die die Münchnerin Lore Galitz gemeinsam mit der Gautingerin Verena Friedrich bestreitet. Die beiden Künstlerinnen sind im weitesten Sinne der Land-Art-Bewegung zuzurechnen. Galitz kuratiert seit 2016 die Naturkunst-Biennale "LandpART", ein ökologisches Kunstprojekt im Münchner Südpark, sie selbst wohnt gleich um die Ecke. Nachdem sie auch mal Verena Friedrich zu dem Kunst-Event eingeladen hat, kennen und schätzen sich die beiden Künstlerinnen, und wie diese Ausstellung zeigt: Sie ergänzen einander auch sehr gut.

"Ich bin ein absoluter Naturmensch und verbringe viel Zeit im Freien", sagt Verena Friedrich. Wenn sie unterwegs ist, im Landkreis Starnberg, wo sie lebt und arbeitet, oder auf ihrer Lieblingsinsel Fuerteventura, stößt sie immer wieder auf neue spannende Strukturen, die sie in ihren organischen, aber bis an die Grenzen der Abstraktion reduzierten Papierobjekten in Schwarzweiß aufgreift.

Manche Objekte erinnern an Korallengerippe, andere an exotische schwammartige Gebilde an den Wänden, bis hin zu einem Schneesturm aus Pappelsamen, den sie als hängende Installation aus gezupftem Japan-Papier mitten im Raum in Szene setzt.

Harte Schale, weicher Kern

Friedrich geht es nicht nur um eine ästhetische Auseinandersetzung mit Formen der Natur, sondern auch um deren Funktion, mehr noch um die Kräfte des Lebens und des Überlebens. Ihre halboffenen kugelförmigen Gebilde gleichen überdimensionalen Samenkapseln, meist sind sie mit Japanpapier ausgekleidet, das, zart gezupft, flauschigen Flaumfedern zum Verwechseln ähnlich sieht.

Dieses Warme, Weiche, Beschützende, ja, Mütterliche, tragen Verena Friedrichs Objekte oft nach innen, dafür ist ihre Papierschale glatt und hart und nicht selten mit langen Stacheln bewehrt, was jeden Außenstehenden auf respektvolle Distanz hält. Das Material dafür liefert die Agave; auf Fuerteventura wachsen diese wehrhaften Spargelgewächse zuhauf. Formale Klarheit und organische Harmonie liefert die Natur, Verena Friedrich verdichtet sie künstlerisch und führt die Dinge sozusagen zurück auf ihren Kern. Sie muss nur aufpassen, dass sie sich beim Ein- und Auspacken ihrer stacheligen Objekte nicht piekst. Das passiert ihr öfter.

Kultur in Dachau: Außen Kaktus, innen Kuschelhöhle: Papierobjekt von Verena Friedrichs.

Außen Kaktus, innen Kuschelhöhle: Papierobjekt von Verena Friedrichs.

(Foto: Toni Heigl)
Kultur in Dachau: Organische Struktur, bestehend aus Hunderten von Papierstrohhalmen.

Organische Struktur, bestehend aus Hunderten von Papierstrohhalmen.

(Foto: Toni Heigl)
Kultur in Dachau: Videoinstallation von Lore Galitz in der dritten Etage des Wasserturms.

Videoinstallation von Lore Galitz in der dritten Etage des Wasserturms.

(Foto: Toni Heigl)
Kultur in Dachau: Holzskulptur von Lore Galitz: "Kathedrale".

Holzskulptur von Lore Galitz: "Kathedrale".

(Foto: Toni Heigl)

Lore Galitz arbeitet fast nur mit den Materialien, die sie auf ihren Streifzügen findet: angeschwemmtes Holz, Sand, ungekämmte Wolle direkt vom Schäfer, sie ist eine Sammlerin. Und ja, sagt sie auf Nachfrage, sie habe schon ein recht großes Depot, um all ihre Fundstücke zu lagern, mit denen sie die verschiedenen Orte immer wieder neu bespielt, um dort für die Besucher "kraftvolle, spirituelle Räume" zu erschaffen. Sie habe sogar einen eigenen kleinen Besen, um vor dem Aufbau der Ausstellung den Boden zu fegen, erzählt sie, und nach dem Abbau wieder.

Ihre Kunst besteht vor allem darin, die gesammelten Werke von Mutter Natur gekonnt in neue Kontexte zu setzen. In einen Wandteppich aus brauner Wolle fügt sie die weißen Fasern von Flachs ein, verbindet so das Tierische mit dem Pflanzlichen. "Es geht mir auch darum, die Verbindungen zu zeigen." Alles ist eins, Werden und Vergehen. Ein ewiger Kreislauf der Transformation.

"Warum soll ich was Neues machen? Es ist ja schon alles da."

Und ist nicht die Verwandlung ein Grundprinzip einer jeden schöpferischen Tätigkeit? Ein geschwungenes Stück Holz mit einem turmartigen Fortsatz wird bei Lore Galitz zu eine architektonischen Skulptur mit dem Titel "Kathedrale". "Warum soll ich was Neues machen?", fragt sie lapidar. "Es ist ja schon alles da." Man muss es nur erkennen. Ist ja auch eine Kunst.

Lore Galitz malt trotzdem immer noch eine Maserung der naturgemachten Holzskulpturen mit Goldfarbe nach oder tupft die edle Farbe auf ein, zwei Kanten - eine Veredelungsmaßnahme, die vor allem dazu dient, die Wertigkeit und Schönheit des Objekts zu unterstreichen, das eben nicht bloß Baustoff oder Brennmaterial ist. Das Auge des Betrachters braucht eben auch ein bisschen Führung.

"Raum erfahren - Natur berühren". Installationen, Projektionen, Holzskulpturen, Papierobjekte und Zeichnungen von Verena Friedrich und Lore Galitz im Dachauer Wasserturm. Vernissage: Donnerstag, 15. September, 19 Uhr, Öffnungszeiten: Freitag, Samstag und Sonntag 14 bis 18 Uhr, in der "Langen Nacht der offenen Türen in Dachau" am Freitag, 16. September, geöffnet von 19 bis 24 Uhr. Um 21 Uhr gibt es die Performance "Tanzendes Licht". Lore Galitz führt einmal mit Licht durch alle vier Etagen des Dachauer Wasserturms, begleitet von Slava Cernavca an der Klarinette.

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