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Nachruf:"Ich bin doch kein Popstar"

Die Schüler lieben ihn. Zigtausenden erzählt er seit 1986 seine Geschichte und darin die Geschichte der sechs Millionen. "Ihr seid nicht schuld an dem, was war, aber verantwortlich dafür, dass es nicht mehr geschieht." Nicht als Ankläger, sondern als Zeuge und Aufklärer will er auftreten. Er will die Jugendlichen immun machen gegen den Hass. Sie sollen für Demokratie und Menschenrechte einstehen. Es ist etwas Besonderes um seine Begegnungen mit jungen Menschen. Der Funke springt sofort über. Endlich spricht da einmal ein Erwachsener mit ihnen, der anders ist, echt und aufrichtig - und, wie eine seiner Enkelinnen sagt, ein "cooler Opa" ist.

"Der Reisende in Sachen Humanität" (Mannheimer) ruft Empathie hervor und vermittelt Wissen, die geschichtlichen Fakten des Holocaust und Nationalsozialismus. Zeitgeschichtler akzeptieren ihn als Ratgeber und Experten. "Er ist nicht nur ein außergewöhnlicher Mensch, sondern auch eine Ausnahmeerscheinung als Historiker der eigenen Zeitgenossenschaft", erklärt der Wissenschaftler Günter Hockerts zur Ehrenpromotion Max Mannheimers in der Ludwig-Maximilians-Universität München im Jahr 2000.

Süddeutsche Zeitung Ebersberg Die Vermählung der Farben
Max Mannheimer

Die Vermählung der Farben

Von Kandinsky inspiriert: Einige seiner Gemälde und Hinterglasbilder stellt Max Mannheimer im Rathaus Ebersberg aus. Die stilistische Vielfalt ist riesig.   Von Rita Baedeker

Viel Ehre und viele Orden. Bunte Metalle der französischen Ehrenlegion, den Wilhelm-Hoegner-Preis, das Bundesverdienstkreuz sowieso, die Ehrenbürgerschaft der Stadt Dachau und seiner mährischen Geburtsstadt Neutitschein. Dutzende Auszeichnungen mehr liegen in seinem Haus im Münchner Stadtteil Haar. "Jetzt kann ich mich bald Herrmann nennen", sagte er einmal, "weil ich schon mehr Orden als der Göring habe". Er lachte. Aber sein Blick war nicht fröhlich.

Mehr als 500.000 Google-Eintragungen zu seinem Namen: Max Mannheimer wird zu einem Star. Wo immer er auftritt, die Menschen umringen ihn, Küsschen hier, Küsschen da. "Ich wollte immer schon im Mittelpunkt stehen", sagt er kokett mit seiner Eitelkeit spielend. Aber es gibt auch andere Momente: "Ich bin doch kein Popstar", schimpft er dann. Mit seinem Schmerz und seiner Trauer bleibt er ohnehin allein, wenn seine Erinnerungen ihn auf den Grund der Mördergrube zurückwerfen. Die Auschwitz-Nummer 99 728: Als eine Enkelin sie auf seinem linken Unterarm sieht und nachfragt, erklärt er ihr, das sei eine Telefonnummer. Er will seine Familie nicht belasten.

Es sind Jahre des Glücks - im Schatten von Albträumen und Depressionen. Darüber hilft ihm das Malen hinweg. 1975 stellt er seine Bilder zum ersten Mal in der Galerie Eichinger in München aus. Er signiert seine Werke zu Ehren seines Vaters mit ben jakov, das ist hebräisch und heißt Sohn des Jakob. Mehr als 30 Ausstellungen seiner abstrakten Gemälde sollten folgen. Max Mannheimer versteht sich nicht als Künstler, macht sich zuweilen sogar darüber lustig, dennoch sind sie für ihn wichtig - und für eine wachsende Zahl von Liebhabern. Kunsthistoriker deuten seine Werke, die im Keller seines Hauses entstehen. In ernsten Momenten nennt er seine Gemälde seine Kinder.

1964 starb seine Frau Fritzi. Ein paar Monate später glaubt Max Mannheimer, an einem bösartigen Tumor erkrankt zu sein. Er will für seine Tochter Eva seine Erfahrungen aufschreiben. "Zum ersten Mal ließ ich die Erinnerungen, denen ich bislang so sorgsam aus dem Weg gegangen bin, indem ich mich, wie Fritzi es genannt hatte, achtzehn Jahre lang in ein inneres Ghetto zurückgezogen hatte, nun derart detailliert und umfassend zu." Die Erinnerungen, erstmals 1985 in den "Dachauer Heften" publiziert, leiten eine Wende in Mannheimers Leben ein. Fortan tritt er, zunächst noch mit Hilfe von Beruhigungsmitteln, als Zeitzeuge auf. Er macht Führungen in der KZ-Gedenkstätte Dachau - die Krematorien, nach den Plänen der in Auschwitz erbaut, kann er nicht betreten.

Unter dem Titel "Spätes Tagebuch" wird sein Zeugnis als Buch veröffentlicht - ein herausragendes Werk, nüchtern und präzise geschrieben. Das Buch wurde in zwanzig Sprachen übersetzt, sogar ins Japanische. Rezensenten loben den fast atemlosen Stakkato-Stil. Max Mannheimer bemerkte dazu lakonisch: Klar, ich beeilte mich, weil ich doch glaubte, keine Zeit mehr zu haben. Seine Familie gibt ihm Halt: 1967 wurde der Sohn Ernst geboren, er und Eva haben wiederum fünf Kinder, die eine Schar von Enkelkindern in das Leben Mannheimers bringen. Auf Fotos mit seinen Nachkommen strahlt Max Mannheimer, der Überlebende, dem in Auschwitz die ganze Familie genommen wurde.

Befreiung des KZ Dachau 1945

"Tausende stürzten auf die Amerikaner zu: lachend, weinend, rufend"